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Sicherlich nicht mustergültig, aber wegweisend: 1931 wurde Wohnraum gestapelt in der Trabantenstadt von Drancy, nordöstlich von Paris.

Deutsches Architekturmuseum

Brückenbau hin und her über den Rhein

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„Interferenzen“: Das Deutsche Architekturmuseum veranschaulicht die deutsch-französischen Architekturbeziehungen von 1800 bis 2000.

Wenigen,“ so sprach ein junger Frankfurter, 23 Jahre alt, „wenigen ward es gegeben, einen Babelgedanken in der Seele zu zeugen“, und es ist seitdem dabei geblieben, dass der gebürtige Frankfurter nicht nur die Frankfurter stark anspricht mit jedem seiner Worte, darunter Gedanken, die er 1772 als Flugschrift in Umlauf brachte: „Als ich das erstemal nach dem Münster ging, hatt’ ich den Kopf voll allgemeiner Erkenntnis guten Geschmacks.“

Goethe, ganz unverkennbar. Auch muss man keinem Menschen sagen, dass die Sätze aus seinem Aufsatz „Von deutscher Baukunst“ stammen, in dem er, ein Stürmer und Dränger zum damaligen Zeitpunkt, seinen deutschen Lesern die Reise nach Straßburg nahelegte, aus kunsthistorischen Gründen, aber auch aus eminent deutschen Gründen. Goethe war noch jung genug, um in der Gotik einen großen Erzieher zu sehen, eine echte nationale Bauaufgabe.

Erste Etappe: Gotik und Neogotik

Gotik und Neogotik bilden jetzt auch die erste Etappe im Deutschen Architekturmuseum (DAM), in Szene gesetzt durch einen monumentalen Aufriss Georg Mollers vom Kölner Dom, einer Kostbarkeit, nicht der einzigen in der DAM-Schau „Interferenzen“, mit der die Architekturentwicklung in Deutschland und Frankreich von 1800 – 2000 in ihren Wechselbeziehungen ausgebreitet wird. Auch am Ende der Ausstellung sind sie schier unübersehbar, wie Modelle und Pläne, Fotos und Originalzeichnungen, Bücher, Videomaterial und das eine oder andere Ölbild beweisen.

Die Jahreszahl 1800 ist eine der Griffigkeit wegen gesetzte Zäsur, plausibel ist das Datum 1789 für den Eintritt in eine neue Epoche, denn mit der Französischen Revolution, der Restauration, dem napoleonischen Kaiserreich, den Befreiungskriegen, kam auch Bewegung in die Baukunst diesseits und jenseits des Rheins.

Der junge Gottfried Semper aus Dresden ebenso wie der Kölner Jacob Ignaz Hittorff schulten sich in Paris an der Ecole des beaux-arts, ein Münchner wie Leo von Klenze übernahm die rationellen Entwurfsmethoden, Preußen wie Friedrich Gilly und Karl Friedrich Schinkel richteten ihr Augenmerk gezielt auf das französische Erbe, also brachte Schinkel etwa 1812 einen Entwurf für die Westfassade des Straßburger Münsters mit.

Auf der anderen Seite aquarellierte ein Mann namens Victor Hugo, als er noch nicht wirklich einen Namen als Schriftsteller hatte, die Rheinromantik bei St. Goarshausen, während in Paris die Gotik für gemeinschaftlichen Enthusiasmus sorgte. In der Folge wurden in der französischen Hauptstadt (die immer auch eine Kapitale des Klassizismus war, der wiederum auf das Bauen in deutschen Städten abfärbte, etwa am Frankfurter Mainufer) Spenden für die Vollendung des Kölner Doms gesammelt, sehr erfolgreich akkumuliert, unterdessen mit Sainte-Clotilde die erste neugotische Kirche in Paris entstand, deutlich beeinflusst vom Kölner Dom. So ging es also zu, ersichtlich sehr angeregt und anregend hin und her über den Rhein, auch als die Grenzen tödliche Demarkationslinien waren.

„Interferenzen“, das betonen die beiden Kuratoren, Hartmut Frank und Jean-Louis Cohen, sei ein Begriff aus der Physik, wo es Störungen in benachbarten elektromagnetischen Feldern sind, die Interferenzen auslösen, parallele Entwicklungen, Überlagerungen, spannungsgeladene Konfrontationen. Die Architektur ließ selbst während der Hochkonjunktur des Nationalismus Möglichkeiten der Kooperation zu, und der Städtebau eröffnete so etwas wie Betätigungsfelder einer friedlichen Koexistenz, etwa in Kassel.

Exemplarisch der Brückenschlag über den Rhein, über den von beiderseitigem Chauvinismus bewachten Grenzfluss, zwischen Wiesbaden und Mainz-Kastel. Die Siegesbrücke, die Eustache de Saint-Far zwischen 1806 – 1812 im Kopf hatte, eine Verkehrsverbindung, die Friedrich von Thiersch und Bernhard Bilfing in den 1870ern dann aus Stein und Eisen verwirklichten und dessen Nachkriegsnachfolger heute noch eine Attraktion ist, die man gerne auf sich wirken lässt, wird in der Schau zum zentralen Sinnbild. Ein Verkehrsbauwerk wird zur Brücke der Koexistenz, obendrein zum Brückenschlag zwischen Architektur und Ingenieurskunst, nicht zuletzt zum Brückenkopf für eine neue Zeit, und das war die Eisenzeit in der Baukunst, woran das nächste Kapitel erinnert.

Es sind Ansichten von Pariser Markthallen und Berliner Bahnsteighallen, mit Dokumenten von der Pariser Weltausstellung (der berühmten Maschinenhalle, 1889), nicht zuletzt zum Wahrzeichen schlechthin. An den Wänden Fotos vom Eiffelturm, unter Glas Konstruktionspläne für den Dreihundertmeterriesen.

In neun Abschnitten („Chronotopen“, wie die Ausstellungsmacher mit Michail Bachtin sagen) erzählt die Ausstellung von einer zweihundertjährigen Geschichte, deren jüngste Etappe zu beweisen scheint, dass sich vor allem mit der Konversion und der Rekonstruktion, der Wiederherstellung historischer Bausubstanz der eine oder andere Euro verdienen lässt. Die Ausstellung wartet mit Reichtümern und Raritäten auf, etwa einem bisher nicht gesehenen Hausmodell aus der Siedlung Praunheim aus der Zeit des Neuen Frankfurt. Und so weltberühmt das Ergebnis: Seit Jahrzehnten war jedoch nicht mehr das Präsentationsmodell zu sehen, mit dem sich Günter Behnisch an dem Wettbewerb für das Gelände der Olympischen Spiele, 1972 in München, beteiligte.

Brüche und Widersprüche

Wenn unvermutet Arnold Böcklins „Toteninsel“ dräut, dann hat das damit zu tun, dass nach diesem Vorbild Tony Garnier sein Kriegerdenkmal entwarf. Das Deutsche Reich und Frankreich waren sich nach 1871 sehr einig in ihrer monumentalen Verklärung des Menschenopfers für das Vaterland. An diesem Kult beteiligten sich Architekten, die, wie Garnier, auch einen Ruf als entschiedene Sozialreformer hatten (zu verlieren hatten, aber nicht verloren).

Auch das zählt zu den „Interferenzen“, und es sind in der Tat gestörte Beziehungen, wahrhaftig nicht nur hinweg über den Rhein, sondern sichtbar als Brüche und Widersprüche in der Biografie von Architekten. Oder als konsequente Fortschreibungen, so etwa bei einem Erich Mendelsohn. Seine Phantasieskizzen, die während des Ersten Weltkriegs an der Ostfront entstanden, lassen sich als visionäre Vorbilder für seinen expressionistischen Einsteinturm in Potsdam lesen.

Auf zwei Etagen des DAM wird die Entwicklung während der Gründerzeit und der industriellen Revolution nachvollzogen. August Bartholdi baute den Löwen von Belfort, Franz Schwechten in Berlin die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Was der Baron Hausmann in Paris rigide als Umbau einer ganzen Stadt durchsetzte, verlor zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss der Reformkultur an Boden. An der Peripherie entstanden die Gartenstadtkonzepte, der Import aus England lässt sich noch heute in Straßburg ebenso ablesen wie in Berlin.

Dass Städtebau eine Manifestation sehr komplexer Erwägungen ist, einer, der zwischen 1900 und 1914 dem Leitbild von Schönheit und Anmut folgte, breitet die Ausstellung sehr willig aus, ohne die Kehrseite dieser aufwendigen Fassadenbildungen zu unterschlagen, die Mietskaserne, den Hinterhof, das nackte Elend. Die Wohnungsnot nach 1918 war eine der größten sozialpolitischen Herausforderungen, für Architekten und Städtebauer die sicherlich vornehmste Aufgabe, für die die Moderne ein beachtliches Spektrum an Lösungsvorschlägen entwickelte, von den innerstädtischen Reformsiedlungen über die Gartenstädte bis hin zu den megalomanen Projekten der 1920er und 1930er Jahre, in denen auf dem Reißbrett einige Meisterdenker der Moderne die funktionalistische Stadt ebenso ausriefen wie, den alten Adam verabschiedend, den funktionalistisch gedachten Menschen.

Im Neuen Frankfurt eines Ernst May, in den seit Mitte der 1920er Jahre entstehenden Siedlungen an der Peripherie, lässt sich zweifellos menschenwürdiger leben als in den Mietskasernen, würdiger auch als in den Visionen, die ein Le Corbusier vorsah, eine Stadt der Zukunft auf einem plattgemachten Paris.

Es ist von dem Begriff Interferenz natürlich sehr viel gefordert, wenn er praktisch alles leisten soll. Sehr intensiv waren etwa die Vermittlungsbemühungen von Intellektuellen der 1920er Jahre, die Architekturkritik hat sich daran beteiligt, und so wird nicht von ungefähr erinnert an Julius Posener (1904 – 1996), einen der großen deutschen Architekturschriftsteller, der von Berlin nach Paris ging, um zu erleben, wie Nazideutschland in Frankreich einmarschierte. Stellvertretend zu besichtigen die Planungen für ein Groß-Straßburg als Hauptstadt eines neuen Nazi-Gaus. Auch hier versammelt die Ausstellung Dokumente, es sind Beweisstücke für wahnwitzige Gewalttaten durch Architektur.

Gebot des Menschenverstandes

Zu den Interferenzen, daran führt in der Ausstellung ebenfalls kein Weg vorbei, gehören zahllose Friedhofsarchitekturen. Gleich von 1949 an intensivierte sich der kleine Grenzverkehr, dafür steht etwa der Bau von Notunterkünften, Provisorien und Kirchen, um sowohl dem Existenzminimum als auch der Sühne irgendwie ein Obdach zu geben. Von 1949 an bis in die Gegenwart, das zeigen gleißende Prestigebauten, sind die Interferenzen nicht abgerissen, und wenn der Begriff die Summe an Gemeinsamkeiten ist, dann ist die Idee der Interferenz das Resultat einer gelebten Erfahrung. Einer vielleicht nicht immer harmonischen, aber doch einigermaßen friedfertig gelebten Koexistenz, die in der Nachkriegszeit der gesund gebliebene Menschenverstand nahelegte.

Heute erfordert ihn die Vernunft. Eben das, worauf sich möglicherweise Architekten umgehend einigen können: die Idee des europäischen Hauses. Symbolisch, wie schon bei dem Brückenschlag zwischen Wiesbaden und Mainz-Kastel, steht dafür die Fußgängerbrücke Marc Mimrams, 2004 bei Kehl über den Rhein führend.

Goethe, der Frankfurter, dem so viel am Straßburger Münster lag, meinte, dass es uns (nein, nicht nur Frankfurter, überhaupt uns) Menschen „irre“ mache, wenn wir eine Idee nicht in jeder Einzelheit und Erscheinung wiederfänden, und die Interferenz ist sicherlich eine Idee, eine sogar recht große Idee, auch wenn sie sich nicht in jedem großen Vorhaben zeigt. Ganz bestimmt nicht in dem Bild Thomas Bayrles, ausgeliehen aus dem Frankfurter Städel. Mit ihm zeigen die Ausstellungsmacher, dass die Stadt, trotz aller rationalen Absichten der Architekten, immer wieder auch als Zwangsgehäuse gedacht worden ist, in Deutschland wie in Frankreich gleichermaßen als stahlbetonhartes Gehäuse eines trostlosen Ordnungsfetischismus.

Bis zu diesem Bild ist es im DAM ein weiter Weg, ein Weg mit nicht wenigen Abwegigkeiten auch, aber damit wird ein Abbild von Stadt manifest. Denn wie jede große Architekturausstellung, und diese Schau ist eine große, verdichtet auch sie ihr Anliegen enorm. Mit Goethe gesagt: Sie ballt babelartig.

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