+
„Ich aber glaube, dass jeder Mensch mit seinem ganzen Wesen spürt, was wirklich wahr ist. Er will es nur nicht wissen“, schreibt Olga Tokarczuk, hier auf einem Marsch für Gleichberechtigung, in ihren „Jakobsbüchern“.

Times mager

Bringer

  • schließen

Der Weihnachtsmann bringt Geschenke, aber auch Verdruss.

Natürlich fragen sich jetzt alle, was der Weihnachtsmann ihnen bringen wird. Diskretion und Schamgefühl gehen dabei weitgehend verloren, auch verdünnisiert sich der gesunde Menschenverstand. Denn dass er für diesen kleinen Jungen dort nicht den Markenbausatz für eine Achterbahn dabei haben wird, erschließt sich für jeden Mitreisenden aus dem Antlitz der Mutter unzweideutig. Für den kleinen Jungen hingegen nicht. Er lässt sich nicht anmerken, dass der gestern auch in der FR zitierte Satz aus Olga Tokarczuks Roman „Die Jakobsbücher“ richtig sein könnte: „Ich aber glaube, dass jeder Mensch mit seinem ganzen Wesen spürt, was wirklich wahr ist. Er will es nur nicht wissen.“ Wenn der kleine Junge nicht wissen will, dass er den Markenbausatz für eine Achterbahn in diesem Jahr nicht mehr geschenkt bekommen wird, so hat er einen wahrhaft starken Willen, mit dem er gewiss etwas Nützlicheres anfangen könnte. Berge versetzen zum Beispiel. Dass das Kind den Erwachsenen um sich her auch leid tat, liegt auf der Hand. Zu Hause zeigte sich allerdings, dass der Markenbausatz für eine Achterbahn nicht nur sauteuer ist, sondern auch ab 16.

Verblüffend hingegen der andere, nicht ganz so kleine Junge, der zwei Tage später unbedingt wissen will, ob der Weihnachtsmann ein Computerzubehör für ihn haben wird. Er sagt wirklich Weihnachtsmann, ein Code unter Festkennern. Die Eltern verstehen ihn auch genau richtig und sagen Dinge wie: „Wart‘ doch mal ab“, „Bald ist es ja so weit“, „Ich bin auch mal gespannt“. Das ist doch reizend von ihnen, und nur Menschen, die einen sehr lieben, lassen einen so verheißungsvoll zappeln. Und nur dumme Kinder begreifen nicht, dass alles perfekt sein wird, außer sie hören jetzt nicht auf zu quengeln.

Hingegen sind „Die Jakobsbücher“ ein ausgezeichnetes Geschenk für das gehobene Erwachsenenalter und Leserinnen und Leser mit einem langen Atem und rüstigen Handgelenken (sollten Sie jemals überlegt haben, auf ein Lesegerät umzusteigen, so ist hiermit der geeignete Moment gekommen). Man könnte sich dann schon unterm Baum vorlesen, was es bei der wohlhabenden Kossokowska zu Weihnachten gibt. „Zwei Suppen werden gereicht – eine Pilz- und eine Mandelsuppe, sowie Hering in Olivenöl, bestreut mit Schnittlauch und gehacktem Knoblauch. Es gibt Erbsen und gekochten Weizen mit Honig, Grütze mit Pilzen und dampfende Piroggen.“ Das ist die Vorspeise. Denn alles braucht eine Weile und zu Recht, und die Kurzatmigkeit der Weihnachtszeit ist ihr größtes Problem.

Schon steht ein Mädchen in den „Jakobsbüchern“ vor zwei großartigen Puppen und soll sich eine aussuchen. Schon bricht es vor Entscheidungsnot in Tränen aus. Alles müsste so schön sein und ist dann auf einmal so ein Mist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion