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19. Dezember 2019: Königin Elizabeth II und Prinz Charles betreten das britische Parlament, wo die Königin die Queen’s Speech halten wird.

Ein Gedankenspiel

Gibt es einen Zusammenhang von Brexit und Megxit? 

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Welche Rolle spielt die britische Monarchie im Brexit-Drama? Ein Gedankenspiel.

  • Welche Rolle die Royals beim Brexit spielen
  • Was spielt der Megxit für eine Rolle?
  • Boris Johnson sieht sich offenbar in der Rolle des Sprachtatortreinigers

Was ist ein Ausgang mit vielen aufeinanderfolgenden Türen? Der Brexit. Denn nach dem Tag des Austritts Britanniens aus der EU werden bekanntlich zahllose, vermutlich allzu vernehmlich knarrende (Nach-)Verhandlungstüren zu öffnen sein während der einjährigen Übergangsphase. Wie viel Brexit aber ist im „Megxit“? – so fragte inzwischen nicht nur die Klatsch- und Regenbogenpresse. Welche Rolle spielte sie wirklich, die Monarchie beim Brexit? Setzte sie ihm sozusagen die Krone auf?

Brexit: Gibt es Zusammenhang zwischen Brexit und Megxit?

Eisernes Gesetz ist es im (noch) Vereinigten Königreich, dass der Monarch, so glitzernd er = sie sich gibt, äußerst bedeckt zu halten hat in politischen Fragen. Monarch sein heißt auf den britischen Inseln vorgeblich wertneutral bleiben, wenn es um die politische Wirklichkeit geht. Die Autorität der Krone besteht nämlich in ihrer politischen Selbstverhüllung, weil sie sonst Kopf und Kragen riskiert, wie Charles I es auf dem Schafott zu Whitehall am 30. Januar 1649 erleben musste. Und nach britischer Zeitrechnung ist bekanntlich jedes geschichtliche Datum erst gestern gewesen.

Der 28. August 2019 war wirklich erst gestern, womit jetzt nicht der 270. Geburtstag Goethes gemeint ist, sondern ein Schlüsseltag in der jüngsten britischen Geschichte. An diesem Tag nämlich entschied innerhalb von nur zwei Stunden die Monarchin des Landes, dem Antrag ihres Premierministers stattzugeben und das Parlament zu suspendieren, „prorogation of Parliament“ genannt. 

Brexit und Megxit: Wie groß ist die Rolle des britischen Königshauses?

Der Premier wollte auf diese Weise Zeit und Luft gewinnen, um den Brexit-Deal seiner Vorgängerin rascher durchzusetzen, irgendwie halb am Parlament vorbei mit einem Bündel vollendeter Tatsachen in der Tasche. Das Problem war die (Nicht-) Bedenkzeit, die sich die Königin gönnte. Hätte sie ihr Plazet hinausgezögert, was ihr möglich gewesen wäre, die Medien und ihr Volk hätten dann zu Recht vermuten können, sie stünde dem Brexit skeptisch gegenüber.

Brexit: Image-Schaden für die hochbetagte Monarchin

Aber das Gegenteil war der Fall. Das Umgehende dieser Entscheidung gab das Signal, dass „the Palace“ den Brexit wünsche, zumindest ihre Einflüsterer, versammelt im sogenannten Privy Council, in dem die absurdeste Figur der an Absurditäten nicht gerade armen politischen Szene in Britannien, Jacob Rees-Mogg, als geradezu fieberhafter Brexiteer ein entscheidendes Wort als Lord President of the Council geredet haben dürfte.

Zu einer Blamage für die Krone wurde dann aber die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes am 24. September, diese Aussetzung des Parlaments sei rechtswidrig gewesen; und bereits einen Tag später tagte das Unterhaus wieder, drei Wochen früher als zunächst angeordnet. Der an Zivilcourage schwer zu übertreffende seinerzeitige Sprecher des Parlaments, John Bercow, erklärte, das Parlament habe sich am 9. September auf Geheiß der Monarchin nur „vertagt“. Das Wort „prorogation“, also Suspendierung, wurde aus den Protokollen des Unterhauses auf Bercows Geheiß gestrichen. Der Image-Schaden für die hochbetagte Monarchin war erheblicher, als das darauf folgende Seifentheater um den untragbaren Prinzen Andrew und die herzogliche Fluchtbewegung des medial angeschlagenen Paares Harry & Meghan gen Kanada – inzwischen als Verschlankung des Königshauses kaschiert.

Der Begriff Brexit soll nicht mehr gebraucht werden

Nun, seit dem 28. August, ist politisch einiges geschehen auf den britischen Inseln, die sich ach so gerne wieder als Nabel der Welt sähen. Boris Johnson hat eine Mehrheit im Unterhaus, die ihm zu viel erlauben wird und die nur einer Margaret Thatcher eine ähnlich freie Hand gegeben hatte. Gewonnen in einer bizarren Neuwahl, deren Ergebnis freilich auch eines manifestierte: Die Spaltung der Landesteile, das Brexit-freudige England mit Wales gegen das EU-anhängliche Schottland mit Nordirland.

Und noch etwas ist buchenswert: Besagter Premier hat mittlerweile die Whitehall-Offiziellen aufgefordert, den Begriff Brexit, dessen Haupturheber er neben Nigel Farage & Co. gewesen ist, zu begraben, ihn nicht mehr in offiziellen Verlautbarungen zu gebrauchen. Anrüchig gewordene Begriffe hat man schlicht zu entsorgen. Johnson sieht sich offenbar in der Rolle des Sprachtatortreinigers, auch das ein Novum für britische Verhältnisse. Begriffsaktionen dieser Art verbindet man sonst eher mit der Nomenklatura anders gearteter ideologischer Systeme. Der Eindruck setzt sich fest, dass der Bewohner von Number 10 Downing Street mit jenem im Weißen Haus in Sachen grotesker Selbstüberbietung konkurriert.

19. Dezember 2019: Königin Elizabeth II und Prinz Charles betreten das britische Parlament, wo die Königin die Queen’s Speech halten wird.

Als Johnson am 24. Januar den sechshundertseitigen Austrittsvertrag aus der EU unterzeichnete, sprach er übrigens von einem „fantastic moment for the country“. Und auch wenn seine kostspieligen Pläne, den aufwändig zu restaurierenden, weil wie das gesamte Parlamentsgebäude baufälligen Big Ben zum 31. Januar teilweise zu entschalen und seine weltberühmten Glocken zur Feier der Austrittsnacht läuten zu lassen, in die Themse gefallen sind – man sprach immerhin von einer halben Million Pfund –, er wird dieses Datum mit dem Tag der nationalen Befreiung gleichsetzen; bombastisch genug ist seine mehr an Churchills Staccato als an Ciceros Eleganz orientierte Rhetorik für dergleichen durchaus. Zuweilen aber – siehe: „fantastic moment for the country“ – lassen Trumps Leerformeln grüßen.

Am Tag des Brexit wird ein neues 50-Pence-Stück in Umlauf gebracht

Immerhin wird nun ein neues 50-Pence-Stück am Tag des Brexit in Umlauf gebracht werden; man soll eben den Brexit für bare Münze nehmen können. Zumindest etwas Greifbares, auch wenn man sich an dieser Münze die Finger verbrennen dürfte, im Gegensatz freilich zu den vielen Projektluftschlössern, in denen sich Johnson sonst so gerne ergeht: Auf seine bizarre Idee, zwischen Nordirland und Schottland eine Brücke bauen zu lassen, folgte kürzlich sein Vorschlag, das House of Lords nach York zu verlegen. Das wäre nur dann annähernd sinnvoll, wenn ein solcher Großumzug das Ergebnis einer Verwandlung des Oberhauses in eine gewählte zweite Länderkammer als Teil einer grundlegenden Verfassungsreform wäre. Doch sieht es eher danach aus, dass diese hochfliegenden Pläne ein ähnliches Ende haben werden wie der Plan einer gigantischen Gartenbrücke über die Themse, die Johnson als Bürgermeister Londons verfolgte. Zu den Vorfahren Johnsons dürfte Fürst Potemkin gehören.

Nach dem 31. Januar also, der zuletzt der 31. Oktober, also die Gespensternacht des Halloween und Jahrestag der Lutherischen Reformation, hätte sein sollen, werden sich die Befürworter des Brexit – nach den letzten Parlamentswahlen definitiv die überwältigende Mehrheit der Engländer – der Verwirklichung ihrer monarchischen Empire-Fantasien nahe glauben. Das dürfte auch erklären, weshalb man Buckingham Palace seinen abenteuerlichen Schlingerkurs in Sachen Bereinigung familiärer Skandale und Kalamitäten inzwischen wieder großzügig nachsieht.

Es empfiehlt sich, deutlich zwischen Brexit und „Megxit“ zu unterscheiden

Dennoch empfiehlt es sich, deutlich zwischen Brexit und „Megxit“ zu unterscheiden. Einen kausalen Zusammenhang, den beide Begriffsprägungen suggerieren, dürfte es schwerlich geben. Was der Duke und die Duchess of Sussex, vulgo: Harry Windsor und Meghan Windsor-Markle, für sich entschieden haben, spiegelt den Brexit schwerlich, allenfalls auf eine zunächst unvermutete Weise. Nicht dass in Kanada das Armenhaus auf sie wartete; ihr mehrfaches Millionenvermögen bleibt ein solches, auch wenn sie die zweieinhalb Millionen Instandsetzungskosten für ihren Landsitz im Windsor Park nun aus medienkosmetischen Gründen zurückerstatten wollen. Nein, die symbolische Wirkung dieses „Auszugs“ ist eher eine andere: Ziel dieser statusreduzierten Windsors ist ein Land des Commonwealth. Ihre königlichen Hoheiten bleiben damit unter dem Schirm Ihrer (schwieger-)mütterlichen Majestät. Das beflügelt eher die Phantasie der imperial denkenden Briten.

Was sich in Britannien eher abzeichnet, ist damit eine Trennung zwischen Brexit-Befürwortern und Monarchisten einerseits und Brexit-Gegnern und Kritikern der Monarchie, die aber deswegen noch keineswegs alle Republikaner sein müssen. Diese Entwicklung erscheint eher jüngeren Datums, denn in den mir bekannten Verlautbarungen der Brexiteers spielte bislang ein Argument keine Rolle: dass die Europäische Union zu republikanisch sei. Eine Zeitlang war ja die Queen durchaus EU-weit im Gespräch, eventuell einmal zum Staatsoberhaupt eines europäischen Gesamtstaates gekürt zu werden. (Vermutlich hätte sie so reagiert wie Preußens Friedrich Wilhelm IV, als ihm anno 1848 die deutsche Kaiserkrone angetragen wurde ...!)

Brexit: Auflösung der BBC droht

Doch was ist das alles gegen eine Entwicklung, die sich im Schatten des Brexit und Megxit und sonstiger Aus- oder Abgänge vollzieht: die drohende Auflösung der BBC als einer öffentlich-rechtlichen Institution, weltweit unbestritten als Modell kritischer Berichterstattung und reflektierender Reportage anerkannt. Johnsons Chefberater Dominic Cummings hat bereits 2004 (!) die BBC als „tödlichen Feind“ der Tories gebrandmarkt. Ein erster Schritt in Richtung Entmachtung dieses integralen Bestandteils der vierten Gewalt im britischen Staat soll die Aufhebung der Strafverfolgung von Nicht-Gebührenzahlern werden. Vermutlich träumen Johnson und Cummings von Fox News als neuem Vorbild für eine kommerziell lukrative Produktion von „Fakten“.

Entgegen der regierungsoffiziellen Propagandaslogans, die uns den Brexit als Tor zu „Friede, Prosperität, Freundschaft mit allen Nationen“ – so die Rückseite der besagten 50-Pence-Münze – buchstäblich verkaufen wollen, steht zu erwarten, dass Britannien mit dieser Art politischem Ablass den europäischen Teilbestand seiner Seele verkauft haben dürfte. Das Ende vom Lied? Eher eine bleibende Dissonanz, die nur allzu hörbar schrillt.

Der Brexit schwächt die EU und Großbritannien. Doch Jammern hilft nicht. Es gilt, das Beste daraus zu machen. Der Leitartikel.

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