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Update

Brauch’ ich nicht

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Kameras in Telefonen fanden viele früher überflüssig. Daran will sich heute bloß niemand mehr erinnern.

Der allererste Vorwurf angesichts neumodischer Erfindungen lautet häufig „Das brauch’ ich nicht“, gern in Kombination mit „Das braucht überhaupt niemand“. Vor diesem Reflex sind nicht einmal Leute gefeit, die ihr Geld mit dem Verfassen erfindungsfreundlicher Kolumnen verdienen. Zuerst brauchte ich kein Handy, dann schien mir eine ins Handy eingebaute Kamera das unnötigste Ding der Welt, und als ich mich gerade daran gewöhnt hatte, wuchsen den Telefonen Zweit- und Drittkameras auf allen Seiten. Als ob irgendwer sich selbst fotografieren wollte!

Im Frühjahr 2017 habe ich mich darüber lustig gemacht, dass ausleihbare Elektroroller (also die Variante zum Draufsetzen) auf den Straßen von Berlin auftauchten. Nicht so sehr über das Konzept an sich, eher über die Nutzungsvorschläge, die das Unternehmen machte: „Um nach dem Büro schneller beim Sport zu sein“, zum Beispiel. Wenn man sowieso schon Sport treiben will, fand ich, kann man doch auch das Fahrrad nehmen. Und alles, was mit dem Thema „Smart Home“ zu tun hat, kommt mir so unermesslich unnütz vor, dass ich mich bisher noch nicht einmal um die Anschaffung von Begründungen für mein Desinteresse gekümmert habe.

So geht es natürlich nicht. Das „Brauch’ ich nicht“-Argument ist ein schlechtes Argument, nicht nur, weil man schon hundert Jahre später wie ein Idiot wirkt, der den Nutzen von Eisenbahnen übersehen hat. Das Hauptproblem ist, dass andere Leute anders leben und Überflüssigkeit im Auge der Betrachterin liegt.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“.

www.kathrin.passig.de

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Auf einer „Micromobility“-Messe Anfang Oktober in Berlin berichtete Beriana Mendoza von der Elektro-Tretrollerverleihfirma Grin Scooters, in Lateinamerika nutzten mehr Frauen als Männer die Roller, weil sie sich dabei sicherer fühlten als zu Fuß. Kritiker der E-Scooter argumentieren, sie ersetzten keine klimaschädlichen Autofahrten, sondern nur das Zufußgehen, und seien daher sinnlos und ein Rückschritt. Dieser Einwand blendet aus, dass anderen Menschen ganz andere Aspekte wichtig sind – zum Beispiel eben eine niedrigere Wahrscheinlichkeit, belästigt zu werden.

Ähnlich verhält es sich mit Bitcoins und anderen international einsetzbaren digitalen Zahlungsmitteln: In den meisten Ländern und Situationen sind sie unpraktischer und sinnloser als die vorhandenen Bezahlverfahren – aber eben nicht in allen. Wenn am Wohnort auf den Staat kein Verlass mehr ist, kann eine von diesem Staat unabhängige und leicht über Landesgrenzen transportierbare Währung hilfreich sein.

Produkte oder Dienstleistungen, die das Leben vereinfachen, werden anfangs oft als Angebote für ganz besonders Reiche oder Faule verspottet: Lebensmittellieferdienste, fertig geschnittenes Obst und Gemüse, E-Bikes, Rolltreppen, Aufzüge. Ältere Menschen und solche, die dauerhaft oder vorübergehend in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, wissen diese Angebote aber zu schätzen. Wenn man alle mitzählt, die mit Kinderwagen, kleinen Kindern, Gepäck oder großen Einkäufen unterwegs sind, umfasst diese Gruppe etwa ein Viertel der Bevölkerung. Wer ihr wegen seines Alters oder einer Behinderung dauerhaft angehört, ist daran gewöhnt, dass die Welt größtenteils für andere gemacht und daher voll mit nicht nutzbaren Produkten und Angeboten ist. Wenn man zu den übrigen drei Vierteln gehört, kann man leicht auf die umgekehrte Idee kommen. Dann hält man sich grundsätzlich für die Zielgruppe aller Neuerungen und lacht über unnütz erscheinende Dinge.

Dieser Beitrag enthält keine Auflösung der Frage, wozu Smart-Home-Geräte gut sein sollen, weil ich das weiterhin nicht weiß. Aber darauf kommt es auch nicht an, im Gegenteil: Die entscheidende Fähigkeit besteht darin, beim Anblick von Angeboten entspannt zu bleiben, für die einem keine Verwendung einfällt.

Am sichersten ist es, nie zu behaupten, irgendeine Innovation sei unnütz, nicht einmal die wirklich sehr, sehr unnützen Fidget Spinner. Vielleicht erinnert sich noch jemand an die angeblich Nervosität abbauenden Handkreisel, die 2017 überall waren und 2018 schon wieder verschwunden.

Oder eben nicht, denn sie lösen sich ja nicht einfach in Luft auf, irgendwo sind sie noch. Neue Erfindungen dienen manchmal ganz anderen Zwecken als denen, für die sie später bekanntwerden – das Telefon etwa galt anfangs als Gerät zum Übertragen von Konzerten und Theaterstücken. Nur wer zum fehlenden Nutzen höflich schweigt, kann behaupten, es schon immer gewusst zu haben, wenn demnächst jemand aus ein paar Milliarden Fidget Spinnern einen Fusionsreaktor baut.

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