Tanz mit trockenem Holz: Szene aus „The Invention of Evilness“.

Mousonturm

Brasilianischer Tanz: Das harmlose Böse

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Der Brasilianer Marcelo Evelin mit dem Tanzstück „The Invention of Evilness“ im Frankfurter Mousonturm.

Als das Publikum eingelassen wird, stehen sieben nackte Performer schon am Rand des Mousonturm-Theatersaals, der leergeräumt ist bis auf vier kegelförmige Holzhaufen. Eine Tänzerin schreitet wippend und lässt ein Ästchen voranzittern, als suche sie eine Wasserader. Ein Tänzer zuckt wie in leichten Krämpfen, ein anderer wiederholt die immergleiche Armbewegung. Das Publikum ist aufgefordert, sich im Saal zu verteilen, nach Gusto auch herumzugehen. Über den Köpfen klingeln Glöckchen. Später, wenn zuerst aus Lautsprechern ein kräftiger Trommelrhythmus einsetzt, wenn der Performer Sho Takiguchi dann dazu einige Hölzer als Klangkörper furios bearbeitet, wird man die Glöckchen nicht mehr hören.

Mousonturm-Leiter Matthias Pees hat in Brasilien gearbeitet, ehe er ans Frankfurter Haus kam, so hat er ein aufmerksames Auge auf die brasilianische Theater- und Tanzszene; er hat Marcelo Evelins zusammen mit den Performern von Demolition Incorporada entstandenes „The Invention of Evilness“ (Die Erfindung des Bösen) auch mitproduziert. Es sind möglicherweise seine Vorlieben, die dazu führen, dass die im Mousonturm gastierenden brasilianischen Tanzstücke sich mittlerweile sehr zu ähneln scheinen: nackte Performer inmitten der Zuschauer, Naturmaterialien wie Sand und Salz, ein zum treibenden Rhythmus ins Ekstatische sich steigernder Tanz.

Es dauert eine Weile, bis die sieben Akteure sich um einen der Holzhaufen sammeln, um den sie wild und wilder zu tanzen, hüpfen, zucken, sich verbiegen beginnen. Jeder hat einen etwas eigenen Stil, anderes Bewegungsvokabular. Einer schiebt Brust und Bauch raus. Eine macht Sprünge, bei denen ihre Beine kurios kantig ausschlagen. Die Stöckchen-Trägerin stochert damit immer noch in die Luft. Indessen bemüht sich das Publikum um eine gute Sicht. Was nicht leicht ist, wenn man sich nicht gleich nah bei den Performern auf den Boden gesetzt hat.

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Eine besondere Anteilnahme und innere Beteiligung am Geschehen versuchen Regisseure und Choreografen zu erzwingen, wenn sie die Zuschauer sich unter die Darsteller mischen lassen. Das funktioniert freilich selten und auch bei Evelin nicht. Zum einen ist der Mousonturm-Saal nicht ideal, der Raum müsste rauer, brutaler, vielleicht auch niedriger, regelrecht beengend sein, der Tanz dadurch eine verzweifeltere Qualität erhalten. Zum anderen geschieht zu viel vom Immergleichen. Ein paar Ästlein werden arrangiert. Später wird der umtanzte Haufen zum Einsturz gebracht. Noch später fädeln die Tänzer sich laufend durchs Publikum. Und schließlich wird Salz ausgeworfen.

Diese „Erfindung des Bösen“ ist damit nicht gerade bedrohlich und böse. Eher assoziiert die Kritikerin ein therapeutisches Ritual, das gut in Feld oder Wald um ein Feuer herum stattfinden könnte. Denn bis zuletzt bleibt auch das Gefühl, dass die muntere Performer-Truppe das alles mehr für sich selbst tut als für ihre Gäste. Trotz aller Vermischung ist eine unsichtbare Grenze gezogen, springt kein Funke über.

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