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Journalisten bei der Arbeit.

Claas Relotius

Die Branche spricht mit sich selbst

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In der Debatte um die Relotius-Affäre zeigt sich auch ein Kampf um journalistische Deutungshoheit. Dabei sollte es um die Fragen gehen, was Informationen sind, wie sie gewonnen und bewertet werden.

Seine Sätze sollten dahinbrummen wie eine Harley Davidson, und von seinen Pointen erhoffte sich der amerikanische Star-Journalist Hunter S. Thompson, dass sie einschlagen wie die Kugeln aus einer 45er Magnum. Ein derart radikaler Wille zum Stil war vielen natürlich verdächtig, und Präsident Richard Nixon fasste durchaus treffend zusammen, dass die exzentrische Erscheinung Thompsons die „dunkle, bestechliche und unheilbar gewalttätige Seite des amerikanischen Charakters“ repräsentiere.

Das war eine dezidiert kritische Volte gegen einen Journalisten, den Nixon zweifelsfrei im feindlichen Lager verortete. Insgeheim aber sprach daraus die heimliche Verehrung eines Präsidenten, der bereits vor seinem Sturz über die Watergate-Affäre im Jahr 1974 nicht gerade für seine politische Moral und menschlichen Tugenden gerühmt wurde. Und so war Thompson schließlich einer der wenigen Journalisten, die Nixon in seiner Nähe duldete.

Bei allem, was sie voneinander trennte, gab es etwas, das sie verband. Nixon hatte erkannt, dass Thompson einer war, mit dem es sich über Football zu reden lohnte. Er gewährte ein Interview mit der Auflage, ausschließlich über den von beiden so geliebten Sport zu reden. Was dabei herauskam, gehört seither zu der von Thompson geprägten Gattung des Gonzo-Journalismus, eine subjektive Hochgeschwindigkeitsberichterstattung, in deren Zusammenhang das Gebot einer journalistischen Distanz wie ein Widerspruch in sich selbst scheint. 

Der Reporter als neidisch beäugte Elite 

Vielleicht muss man gerade jetzt an Hunter S. Thompson erinnern, da angesichts des Skandals um die Fälschungen des „Spiegel“-Redakteurs Claas Relotius viele sehr genau zu wissen meinen, was journalistische Tugenden sind und wie man sich zu ihnen verhält. Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: Thompson war kein Fälscher. In dem rauschhaften Leben bedurfte es keiner nachträglichen Schummeleien am Schreibtisch. Wohl auch deshalb ist er bis heute das verwegene Idol einer Generation von Journalisten, die einmal danach trachteten, ihr Berufsbild kräftig zu entstauben.

So hat in den letzten Wochen manch einer die Affäre Relotius zum Anlass genommen, mit der Branchengattung Reportage abzurechnen. Systemversagen. Und das ausgerechnet beim „Spiegel“. Gönnerhaft wurde gleich mehrfach der Ratschlag erteilt, die Verleihung von Reporterpreisen vorübergehend auszusetzen, als gelte es nun, an sich selbst berauschte Kollegen auf Entzug zu setzen. Dabei konnte der Eindruck entstehen, beim Berufsstand Reporter handele es sich um eine neidisch beäugte Elite, die man endlich dabei erwischt hat, dass sie allein auf dem Papier gute Ergebnisse hervorbringt und nicht auf der Straße.

Über den Schaden hinaus, den Relotius angerichtet hat, besteht das Dilemma aber wohl auch darin, dass die Branche wieder beinahe ausschließlich mit sich selbst ins Gespräch gekommen ist. Zu bemerken ist, dass der Journalismus seit jeher von wechselnden Moden belebt worden ist und seine Stilmittel gerade auch aus der internen Konkurrenz heraus geschärft hat. 

Blüte des politischen Feuilletons

Joachim Fest, bis 1993 Mitherausgeber der FAZ, hat sich bei der Beschreibung für den Kulturbereich seiner Zeitung ausdrücklich den Zusatz „politisches Feuilleton“ festschreiben lassen, was jedoch erst von seinem Nachfolger Frank Schirrmacher in vollem Umfang in Anspruch genommen wurde. Dessen Karriere als prototypischer Blattmacher verlief nicht zuletzt über seine leidenschaftliche Energie im Kampf um gesellschaftspolitische Deutungshoheit.

Schirrmacher beschränkte sich dabei nicht auf die Beschreibung der sozialen Wirklichkeit. Sein publizistisches Selbstverständnis war geprägt von dem Willen zur Wirkung, die ihren stärksten Ausdruck in der dezisionistischen Kritik an Bundespräsident Christian Wulff fand, die schließlich in dessen Rücktritt mündete. 

Schirrmacher hat allerdings früh bemerkt, dass die Blüte des politischen Feuilletons längst vorbei war und er seinen Blick fortan auf das weite Feld der Wissenschaften richten könnte, um aus ihm die seltenen Erden für den Journalismus zu gewinnen. Mit Schirrmachers plötzlichem Tod 2014 endete die Rolle der Wissenschaft als bevorzugter Ideenspeicher für den Journalismus. Stattdessen ist man seither bemüht, sich auf die Kernkompetenz der investigativen Recherche zu konzentrieren, die in Zeiten des digitalen Datenverkehrs jedoch vor ungeheuren Herausforderungen steht. 

Die spektakuläre Auswertung der „Panama-Papers“, durch die die geheimen Transfers des Finanzkapitalismus offengelegt werden sollten, förderte nicht zuletzt auch die Darstellungsprobleme des neuen Journalismus zutage. Noch deutlicher wurde dies im Zusammenhang mit den sogenannten Football Leaks, über die die dunklen Machenschaften des Fußballgeschäfts enttarnt werden sollten. Was davon in einer NDR-Dokumentation hängenblieb, war kaum mehr als die skurril ins Bild gesetzten Schwierigkeiten bei der Tarnung eines Informanten.

Es wäre in der Debatte über die Folgen der „Spiegel“-Affäre schon etwas gewonnen, wenn es anstelle der angestrengten Suche nach dem jeweils neuesten Leitmedium um die Fragen ginge, was Informationen sind, wie sie gewonnen und bewertet werden. Was der geneigte Leser aus ihnen macht, wird ohnehin nicht in den Redaktionen entschieden.

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