Das Vorbild: Bud Spencer 1981 im Film „Eine Faust geht nach Westen“.
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Istanbul

Boxer verteidigt sich gegen 15 Angreifer

  • Frank Nordhausen
    vonFrank Nordhausen
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Weil er einen Kühlschrank etwas grob öffnet, greifen türkische Ladenbesitzer mit Knüppeln und Sitzhockern einen Touristen an. Pech für sie, der Mann ist Boxer - schnell geraten sie selbst in die Defensive.

Er wurde in Istanbul von einer kleinen Armee von Angreifern attackiert – und blieb trotzdem Sieger. Der aus Kuwait stammende irische Tourist Mohammed Fadel Dobbous wurde in der Türkei zum Helden der sozialen Medien, nachdem Videos von Überwachungskameras im Internet auftauchten, die seinen Bud-Spencer-mäßigen Kampf gegen 15 Ladenbesitzer dokumentierten, die ihn mit Knüppeln und Sitzhockern angriffen. Eigentlich wollte er nur eine Flasche Wasser kaufen, als ihm ein gar nicht so ungewöhnliches Missgeschick passierte.

In der Türkei stellen viele Kleinhändler mit Getränken gefüllte Kühlschränke vor die Tür, aus denen sich die Kunden selbst bedienen und dann im Geschäft bezahlen. Im Video sieht man, wie der etwa 30-jährige Ire, ein Muskelpaket in Caprihosen, den Kühlschrank vor dem Laden im zentralen Istanbuler Stadtteil Aksaray etwas zu grob öffnet und ihm plötzlich Dutzende Plastikwasserflaschen entgegenpurzeln. Das Problem der wackelnden Getränkekühlschränke kennt jeder Bewohner Istanbuls. Diesmal aber folgte auf die Slapstick- eine Kampfszene wie im Italowestern, als der Ladenbesitzer herausstürmte und begann, mit einem Knüppel auf den Touristen einzuprügeln.

Als Mohammed Fadel Dobbous sich dagegen wehrte, strömten weitere Kleinhändler herbei, die sich ebenfalls bewaffnet hatten. Dobbous nahm daraufhin die klassische Boxer-Haltung ein, knöpfte sich die Angreifer einzeln vor und streckte sie mit Fausthieben zu Boden. Man sieht, wie er Knüppelschläge klaglos einsteckte und schließlich sämtliche Gegner in die Flucht schlug. Womit diese nicht gerechnet hatten: Der bullige Ire ist ein gut trainierter Amateurboxer.

Die Videoaufnahmen von Anfang August wurden in der Türkei auf Twitter und in Internetforen zum Renner, der robuste Ire zum Helden erklärt und mit Haudegen wie dem Hulk, Jackie Chan oder Neo aus den Matrix-Filmen verglichen. Ironische und hämische Kommentare machen seither die Runde. „Man motiviert sich selbst, indem man sich sein ganzes Leben lang sagt, dass jeder Türke die ganze Welt in die Tasche stecken kann. Und dann kommt ein Ire und schlägt sie alle zusammen. Das ist wirklich ein Drama“, twitterte ein bekannter Parodist. Viele Äußerungen bezogen sich auf eine Rede des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor einem Jahr, in der er die türkischen Händler dazu aufrief, „falls notwendig“ als „freiwillige Hilfspolizisten und Richter“ für Ordnung zu sorgen.

„Du machst Ladenbesitzern vor, sie seien Polizisten und stark wie Löwen. Aber hier treffen sie auf einen Boxer. Hätten sie sich keinen kleinen Koreaner vornehmen können?“, fragte jetzt der türkische Sänger Attila Tas auf Twitter. Er spielte damit zugleich auf Vorfälle an, bei denen rechtsextreme Türken koreanische Touristen verprügelt hatten, weil sie sie für Chinesen hielten und für die Unterdrückung der muslimischen Uiguren in China verantwortlich machten. Andere Twitterer erinnerten an den Fall des 47-jährigen Journalisten Nuh Köklü, den ein Gewürzhändler im Istanbuler Bezirk Kadiköy im Februar nach einer Schneeballschlacht erstochen hatte, weil Schneebälle seine Schaufensterscheibe trafen.

Der rabiate Ladenbesitzer aus Aksaray namens Senol Palan sagte der Polizei laut der Zeitung „Hürriyet“, er habe schon zuvor einen Streit mit Mohammed Fadel Dobbou gehabt, der Alkohol in seinem Laden kaufen wollte, obwohl er doch gar keinen Alkohol führe. „Es war, als ob der Kerl aus Beton war – als ob er kein Mensch war“, sagte der 32-Jährige. Nach möglichen antiarabischen Ressentiments, die in der Türkei weit verbreitet sind, fragten die Polizisten offenbar nicht. Mit dem irischen Touristen sprachen inzwischen Fernsehreporter. „Ich wollte mich für den Vorfall entschuldigen“, sagte der Ire. „Da griffen sie mich mit Knüppeln an. Sind das Kaufleute oder Metzger?“ Die Angreifer hätten ihm nicht nur den linken Arm und eine Schulter gebrochen, nach dem Kampf habe er auch sein Smartphone und eine goldene Halskette vermisst. Nachtragend zeigte er sich trotzdem nicht. Wenn sich Palan bei ihm entschuldige, sei die Sache für ihn vergessen, sagte Dobbou. Bis dahin ermittelt die Polizei.

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