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Nach dem Terroranschlag in London bekannte sich der IS zu dem Attentat.

Terror

Die Botschaft der Bekennerschreiben

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Der "Erfolg" eines Terroranschlags bemisst sich für die Täter nicht nur nach der Zahl der getöteten oder verletzten Opfer, sondern auch nach dem Grad der Aufmerksamkeit.

Die Geschichte des Terrorismus ist auch die Geschichte des Bekennerschreibens. Kein konventioneller Verbrecher, der seine Taten auf eigene Faust aus Habgier oder Rachsucht begeht, käme auf den Gedanken, sich am Tatort, per Post oder in sozialen Netzwerken mit seiner Tat zu brüsten, im Gegenteil, er betrachtet die Öffentlichkeit aus guten Gründen als Bedrohung seiner Aussichten, der Strafverfolgung zu entgehen.

Der Erfolg eines Terroranschlags bemisst sich für die Täter hingegen in aller Regel nicht nur nach der Zahl der getöteten oder verletzten Opfer, sondern nach dem Grad der Aufmerksamkeit, die ihr Verbrechen erregt. Denn erst durch sie gelingt die Verbreitung der Botschaft, die sich in der Tat manifestiert und im Bekennerschreiben ihren Ausdruck findet.

Die Bekennerschreiben der Terrorgruppe Islamischer Staat, die regelmäßig nach Attentaten auftauchen und den Täter als „Soldaten des Kalifats“ bezeichnen, unterschieden sich nur in der Botschaft von den Bekennerschreiben rechts- und linksextremer Terrorgruppen, alle zusammen aber stehen in derselben Tradition. Sie begann mit der anarchistischen Bewegung des späten 19. Jahrhunderts, genauer gesagt mit deren Konzept der Propaganda der Tat.

Der berühmte Anarchist Michail Bakunin hat es 1870 mit den Worten beschrieben: „Wir müssen unsere Prinzipien nicht mit Worten, sondern mit Taten verbreiten, denn dies ist die populärste, stärkste und unwiderstehlichste Form der Propaganda.“ Das Konzept schloss durchaus Banküberfälle („Enteignungen“), organisierte Unruhen und Generalstreiks mit ein, das Erkennungsmerkmal der Anarchisten aber war der politische Mord und das öffentliche Bekenntnis, das die Tat begründen und die Bevölkerung für die Anarchie gewinnen sollte, ihr unentbehrliches Instrument.

Ältere Deutsche, die die Hochzeit des Terrorismus der Rote Armee Fraktion (RAF) in den späten 70er und in den 80er Jahren erlebt haben, werden sich an das Symbol der Terrorgruppe erinnern – ein roter fünfzackiger Stern, der Schriftzug RAF und eine Heckler & Koch MP 5. Es befand sich auf den Bekennerschreiben, die die Terroristen nach jedem Mordanschlag auf einen Politiker oder Wirtschaftsführer veröffentlichten und die vom Fernsehen in großer Aufmachung gezeigt wurden.

Wer die Verbrechen der RAF mit denen des Islamischen Staats vergleicht, dem fallen sofort zwei Unterschiede auf. Die deutsche Terrorgruppe ermordete gezielt vor allem Repräsentanten von Staat und Wirtschaft, also Vertreter des bekämpften Systems, anders als die Attentäter, die im Namen des Islamischen Staates in London, Berlin oder Manchester wahllos ahnungslose Passanten auf offener Straße und die Besucher eines Weihnachtsmarktes oder eines Pop-Konzerts liquidieren. Und jedes Mal, wenn die RAF blutig zugeschlagen hatte, fand sich hinterher ein Schreiben, in dem die Mörder den Mord ausführlich – wenn auch in wahnhafter Sprache – zu begründen und damit zu legitimieren versuchten.

Nach dem Anschlag auf den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, am 30. November 1989 hieß es in einer Erklärung: „In dieser neuen Phase müssen wir es schaffen, die vielfältige und unterschiedliche revolutionäre Praxis in einer Orientierung gegen das System zu verbinden. Der revolutionäre Prozess braucht neue Dynamik und produktive Wechselbeziehungen, nur zusammen können die Kämpfe die nötige Kraft entwickeln, um destruktive Entwicklungen des Imperialismus zu stoppen und überhaupt seine ganze zerstörerische Entwicklungsrichtung umzudrehen...“

Der IS pflegt sich mit ausführlichen Erklärungen hingegen nicht lange aufzuhalten. Die Botschaft, die er verbreitet, liegt tatsächlich nur in dem Bekenntnis, die Tat durch einen „Soldaten des Kalifats“ begangen zu haben. Sie richtet sich weniger an die Bevölkerung, vielmehr an junge, gewaltbereite, frustrierte Männer. Die Terroristen der RAF – die übrigens nur den Tod anderer, nie ihren eigenen auf der Rechnung hatten – warben für die Bomben der Revolution, die „Kämpfer des Kalifats“ aber werden mit dem Versprechen geworben, selber zur Bombe zu werden. Das ist die Botschaft der Bekennerschreiben des IS.

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