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Der Papst und seine Söhne (v.l.): Rodrigo (John Dorman), Juan (Stanley Weber) und Cesare Borgia (Mark Ryder).
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Der Papst und seine Söhne (v.l.): Rodrigo (John Dorman), Juan (Stanley Weber) und Cesare Borgia (Mark Ryder).

TV-Drama

Die Borgias - Familie der Todsünden

Von Wollust bis Habgier: Zwei TV-Serien inszenieren das schillernde Leben der Borgias in der Renaissance.

Von Klaudia Wick

Sage noch einer, das Entwerfen einer zweiten, makellosen Identität sei eine Erfindung des Medienzeitalters! Wer sich auch nur oberflächlich mit den Päpsten der Renaissance beschäftigt, wird schnell feststellen: Da gab es in einer Person den demütigen Diener Gottes auf Erden. Und den mächtigen Herrscher des Vatikans. Den keuschen Heiligen Vater. Und den lebensfrohen Renaissancefürsten.

Zu den spektakulärsten Persönlichkeiten der Vatikangeschichte gehört sicher Alexander VI. Bereits als Kardinal Rodrigo Borgia zeugte der Spanier vier Kinder, deren Vaterschaft er als Papst – Skandal, Skandal! – öffentlich machte, um bedeutende Ämter an seine Söhne übertragen zu können. Die Wahl zum Papst soll sich Alexander mit Besitztümern erkauft haben, die er sich zuvor als Kardinal und Vizekanzler des Papstes angeeignet hatte.

Ob aber jedes aufnotierte Gerücht über die Sippe der Borgias den Tatsachen entspricht, bezweifeln Historiker. Oftmals nahmen es die Schreiber mit der Wahrheit nicht so genau. Wie heute die Autoren historischer Mehrteiler vom wissenschaftlichen Stand der historischen Erkenntnis um der Unterhaltsamkeit meist ein Stück abweichen, indem sie Liebesgeschichten hinzuerfinden und Nebenschauplätze streichen, gab es auch vor 500 Jahre gute Gründe, Gerüchte zu Sensationen, Ahnungen zu Gewissheiten, Nebensächlichkeiten zu Skandalen aufzubauschen: Das Gerücht war in Rom eine scharfe Waffe, mit der Gegner zu Fall gebracht oder Günstlinge gefügig gemacht werden konnten.

So bezweifeln Fachleute heute, dass Papst Alexander VI. tatsächlich ein inzestuöses Verhältnis mit seiner illegitimen Tochter Lucrezia unterhielt; auch dass diese gelegentlich mit ihrem Bruder Cesare schlief, könnte üble Nachrede oder eine prächtige Sexfantasie zölibatärer Kreise gewesen sein.

Machtpoker am Hofe

Für die Macher der beiden „Borgia“-Mehrteiler ist die historische Genauigkeit also kaum sinnvoll, ohnehin schöpfen sie aus dem Vollen einer zügellosen Familiengeschichte, die von Wollust bis Habgier so ziemlich jede Todsünde auflistet. Was dieser Tage der Quote so gut tut wie weiland das Gewisper dem Machtpoker am Hofe.

Am Montag nun macht das ZDF mit der sechsteiligen europäischen Koproduktion „Borgia“ den Anfang, am 9. November zieht ProSieben nach mit der US-Produktion „Die Borgias – Sex. Macht. Mord. Amen“. Auch wenn der Untertitel schwer nach Privatfernsehen klingt, spart doch die öffentlich-rechtliche Variante ebenso wenig an erotischen, blutrünstigen und aus katholischer Sicht auch blasphemischen Ausschweifungen: Gleich im ersten Teil sieht man Udo Kier als siechenden Papst Innozenz an den prallen Brüsten einer Amme nuckeln.

Der junge Bischof Cesare Borgia (Mark Ryder) wird als Flagellant vorgestellt, der sich nach seinen unkeuschen Sünden mit einer siebenschwänzigen Peitsche geißelt und schon mal mit bloßer Hand zur besten Sendezeit eine Hexe erwürgt. Tochter Lucrezia Borgia (Isolda Dychauk) wird von ihrem Verlobten beschlafen, während sie im Fieberwahn glaubt, eine Heilige zu sein. Da muten die geld- und machtgierigen Kardinäle, die sich von Rodrigo Borgia (John Doman) im Konklave mit Gold und Ländereien bestechen lassen, geradezu lächerlich an.

Ursprünglich wurde „Borgia“ beim ZDF für eine Ausstrahlung nach 22 Uhr geplant. Die üppig orchestrierte Inszenierung – unter anderem des deutschen Regisseurs Oliver Hirschbiegel – hätte entsprechend wenig Rücksicht auf Fragen des deutschen Jugendschutzes nehmen müssen. Nachdem sich das ZDF, das mit 4 von 25 Millionen an den Produktionskosten beteiligt ist, nachträglich entschied, die Serie doch montags, mittwochs und freitags zur Primetime zu zeigen, wo selbstverständlich mehr Menschen, aber eben auch Kinder zuschauen, musste eine „harmlosere“ Schnittfassung erstellt werden. Die freilich stellt das Rom der Renaissance immer noch wie das biblische Sodom und Gomorra dar.

Auch ProSieben wird mit „Die Borgias“ im November keinen Schulfunk anbieten. Aber anders als die europäische Version, die unter dem Deckmantel historischer Authentizität und Gelehrigkeit allerlei menschliche Widerlichkeiten genüsslich in Szene setzt, hat Neil Jordan, Produzent von „The Borgias“, die historische Vorlage gleich als spannenden Agententhriller aufgefasst, in dem Brieftauben geheime Depeschen und Dienstboten vergifteten Rotwein durch die Kulisse tragen.

Jede Episode der bereits mit einem Emmy ausgezeichneten Miniserie wird durch einen klaren Plot vorangetrieben: Die Pilotfolge „Der vergiftete Kelch“ inszeniert zum Beispiel in knappen Zügen die komplette Machtergreifung Rodrigos bis hin zum Giftmord an seinem Widersacher Orsini. Die ZDF-Fassung braucht allein zwei Folgen, diverse Schauplätze und unüberschaubar viele Ränkespiele, bis Alexander VI. überhaupt zum Papst ausgerufen wird.

Inzest und Gewalt

Der Übersichtlichkeit halber dichten die Amerikaner Cesare Borgia gleich ein Verhältnis mit seiner kleinen Schwester an, sparen sich aber den cholerischen Charakterzug des Borgia-Bastards, der ihn für den Zuschauer so unausrechenbar macht. Beim ZDF hackt der junge Mann dagegen einem Rivalen erstmal ohne Ankündigung einen Finger ab, später opfert er sein neugeborenes Kind nach biblischem Vorbild seiner Gottesfüchtigkeit und ist auch sonst ein recht unsympathischer Geselle.

Die US-Verfilmung verlegt Cesares Aufenthalt während des Konklaves von Pisa (historisch!) nach Rom (praktisch!), damit der heißspornige Sohn den ehrgeizigen Vater beim Kampf gegen seine nur schemenhaft skizzierten Feinde mit allen (auch unchristlichen) Mitteln unterstützen kann. Beim ZDFschwirrt einem angesichts der vielen Namen, Orte, Untaten bald der Kopf – auch ob der vielen Kardinäle im Konklave, die sich mal hier verfeinden, mal dort verbünden. Vorwissen ist hilfreich

Die Machtpolitik der italienischen Stadtstaaten wird zwar in „Borgia“ ähnlich minutiös aufgefächert wie der Charakter Cesares, aber die Belehrung über die geopolitische Gemengelage wirkt angesichts der saftigen „Privatszenen“ dann doch wie das berühmte Feigenblatt. Ein bisschen bigott kommt diese zur Schau getragene Beflissenheit schon daher, mit der dem Zuschauer die Geschichte der Renaissance in der öffentlich-rechtlichen Variante als hehres Ringen um eine authentische Darstellung serviert wird.

Wer ausreichend kunsthistorisches Vorwissen mitbringt, kann die Anspielungen und Randfiguren der Inszenierung dechiffrieren und schätzt also an der ZDF-Verfilmung vor allem den Distinktionsgewinn. Wer sich bisher für die Borgias nicht interessierte und vom Pantoffelkino vor allem Unterhaltung erhofft, wartet besser auf den „Gegenpapst“ von ProSieben.

Borgia, Mo, Mi. und Fr. 20.15 Uhr, ZDF. Die Borgias, ab 9. November, ProSieben

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