Chiharu Shiota: „Drifting“. Foto: Chiharu Shiota / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Bad Homburg

In blutroten Fadenwirbeln

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Das Sinclair-Haus zeigt knotenreiche Werke der Japanerin Chiharu Shiota.

Die japanische Künstlerin Chiharu Shiota fängt mit List und einem Netz sogleich die Gefühle der Ausstellungsbesucherin ein. Denn blutrot spannt sich ein Fadengewirr, -geflecht über die Decke eines Raumes im Bad Homburger Museum Sinclair-Haus, mal dichter, mal Lücken lassend, mal sich ausbeulend nach unten, dann wieder kleine Durchblicke eröffnend, mal wie feine Blutgefäße, mal wie etwas, das sich bedrohlich senken könnte. „Becoming Painting“ heißt diese raumfüllende Arbeit, von der man sich bedrängt, aber vielleicht auch geborgen fühlen kann.

Das Bad Homburger Ausstellungshaus zeigt in der Regel Themenausstellungen, diesmal widmet es sich einer einzelnen Künstlerin. Chiharu Shiota studierte in Kyoto Malerei, dann in Berlin bei Marina Abramovic. So neigte sie zunächst auch der Performance zu, legte sich etwa vier Tage in ein Erdloch oder versuchte sich nackt in eine Erdspalte unter einer Wurzel zu zwängen – „Try and Go Home“ von 1997 ist auf Fotos festgehalten – und rutschte immer wieder einen lehmigen, steinigen Abhang hinunter. Und kroch erneut nach oben. Und fand keinen Platz.

Vergeblichkeit ist eines der Themen Chiharu Shiotas, aber sie entlockt ihm eine eigene Poesie. In „Beyond Time“ von 2019, einem metallenen Klavier-Umriss, von dem aus ein Gespinst weißer Fäden nach oben zu schweben scheint, in diesen Fäden wie in einer Wolke Notenblätter. Weiße Vögel, ein ganzer Vogelschwarm. Auf dem Papier eine Suite von Mozart. Man meint, eine zarte Bewegung zu sehen. Man meint auch fast, etwas hören zu können.

In den Fadenwirbeln dieser Ariadne steckt immer wieder auch eine Bootsform fest, die Gedanken sollen wohl auf Reisen gehen. Zwei weiße Kinderkleidchen sind eingesponnen wie in ein Spinnennetz. Von einer liegenden Figur steigt auf einer Lithografie eine schwarze Windhose auf, als werde die Seele gerade davongetragen. Ein roter Faden verbindet einen Kinderumriss mit einem anderen. Chiharu Shiota bestickt Leinwände, legt Faden über Faden in unendlicher Geduld. Erschafft Räume. Man kann sich in ihnen, etwa unter dem blutroten Netz drehen und wenden und wird immer neue Perspektiven entdecken – nur geradeaus schauen genügt nicht.

Sinclair-Haus,Bad Homburg: bis 16. Juni. www.museum-sinclair-haus.de

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