Da könnte man die treibenden Blüten noch für neugierige Schwänchen halten.

Tanzmainz Festival

Die Blumen halten nicht still

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„Floating Flowers“ aus Taiwan und „Creature“ aus der Schweiz beim Tanzmainz-Festival im Staatstheater.

Das Tanzstück „Floating Flowers“, schwebende Blüten, des Taiwanesen Po-Cheng Tsai wurde inspiriert vom buddhistischen Geisterfest, bei dem auf dem Wasser treibende Laternen Wünsche in die Welt tragen und Glück bringen sollen. So weckt der Titel eine Erwartung von Stille, Behutsam- und Langsamkeit, während die feinen weißen Musselin- oder Chiffon-Röcke des Ensembles, Männer wie Frauen, Schwanensee-Assoziationen heraufbeschwören (Ausstattung: Otto Chang). Das Treiben ums Wasser – dieses angedeutet durch flirrende Video-Muster im Hintergrund – wird freilich wild und wilder, die Musik (Ming-Chieh Li) rhythmischer und insistierender. Fast könnte man am Ende meinen, da wurde der ein oder andere Geist auch ausgetrieben. Jubel nach einer Stunde für die furiosen Tänzerinnen und Tänzer.

Der erst 31-jährige taiwanesische Choreograf Po-Cheng Tsai gilt als Hoffnungsträger, hat bereits mit internationalen Compagnien zusammengearbeitet. In der Tat hat er mit seiner Truppe B.Dance eine selbstbewusst eigenständige Bewegungssprache gefunden, in der sich Kampfkunst-Armschwünge mit intrikaten Fingerspielen und westlichen Schrittfolgen mischen. Da lässt sich einer nicht festlegen, schon gar nicht auf Fernost-Exotik. Das achtköpfige Ensemble, das sich oft unisono bewegt, wirkt ganz verankert im tanztechnischen Heute. In einer Szene werden die Frauen auf den Schultern der Männer zu langbeinig staksenden Wasservögeln. In der letzten Szene geben sich die Männer erschrocken, da ihnen die Frauen mit einem Ruck die langen Röcke runterziehen.

Die „Floating Flowers“ füllten am dritten Tag des Tanzmainz-Festivals die Bühne des Großen Hauses also mit überwiegend resoluter, elektrisierender Bewegung. Im kleinen, untergründigen U17 waren es anschließend der ungarisch-australisch-schweizerische Tänzer und Choreograf József Trefeli und der ungarisch-schweizerische Tänzer und Performer Gábor Varga, die in „Creature“ gleich zwei seltsame Kreaturen auftanzen ließen inmitten des rund um die Spielfläche platzierten Publikums.

Den Kopf haben die beiden ganz mit einem bunten, geblümten Tuch umhüllt. Sie bringen Stöcke, Peitschen, Stoffhaufen mit – letztere entpuppen sich später als Flickenmantel, die sie zu zotteligen, aber nicht furchteinflößenden Wesen machen.

Die beiden Tänzer legen wie in einer rätselhaften Zeremonie Stöcke, Peitschen, Stoffhaufen hintereinander in Linien ab, ehe sie die Dinge auch benutzen. Dann beginnen sie mit Bruchstücken von Volkstanz, sie konfrontieren sich, die Stöcke aufstoßend, schütteln sich, springen wie Pferdchen, schuhplattlern auf Ungarisch, lassen die Peitschen knallen.

Manchmal wirken sie wie eine freundliche Variation auf schweizerische Perchten, manchmal erkennt man kurz die Folklore-Show. Doch Trefeli und Varga verfremden alles, setzen Fund- und möglicherweise auch Erinnerungsstücke ihrer ungarischen Herkunft in einen ganz neuen Zusammenhang – in dem sie gar nicht erst so tun, als würden sie originale Volkstänze auf die Bühne bringen wollen. Vielleicht haben die allemal leicht vertraut wirkenden Schritte und Sprünge – vielleicht aus dem Fernsehen vertraut – gerade deswegen etwas hübsch und charmant Artifizielles.

Die beiden so unterschiedlichen Aufführungen fügten sich an einem Abend aufs Beste zusammen, gerade weil sie mit einem Bein (Po-Cheng Tsai eher nur mit einem halben) in einer alten Tanz-Tradition standen, aber jeweils bewiesen, dass nur kesse Neuerungen die Tradition für die zeitgenössische Kunstausübung fruchtbar machen. Kleine ironische und verquere Widerhaken verhindern, dass das Publikum es sich bequem macht im Gefühl, irgendwie schon alles zu kennen und bereits gesehen zu haben. Blumen, die auch Kickboxer sein könnten. Zottelwesen, wie sie vielleicht durch unsere Träume tanzen.

Staatstheater Mainz:Festival noch bis 6. April. www.staatstheater-mainz.com

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