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Der Modeblogger Carl Jakob Haupt, hier im Juli 2018 in Berlin, starb mit 34 Jahren.

Carl Jakob Haupt

Radikal leben bis zum Schluss

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Mit Carl Jakob Haupt, dem Blogger hinter „Dandy Diary“, ist eine der wichtigsten und lautesten Stimmen der deutschen Modebranche verstummt. Unsere Autorin hat mit ihm gearbeitet.

Mit nur 34 Jahren ist der „Dandy Diary“-Blogger Carl Jakob Haupt seiner Krebserkrankung erlegen, wie die Familie am vergangenen Dienstag mitgeteilt hatte. 

Gefürchtet und gefeiert war Haupt wie kaum einer in seinem Metier. Mit einem Text im Blog „Dandy Diary“, das er zusammen mit David Kurt Karl Roth führte, konnte er eine ganze Kollektion verreißen. Kritisierte er eine Marke, klingelten dort die Telefone. Nach einem Video, das vorgeblich Kinderarbeit bei H&M und Alexander Wang zeigte, riefen die Konzerne zurück und verklagten Dandy Diary auf mehrere Tausend Euro Schadensersatz. Gleiches geschah, als sie einen Nacktflitzer über die Mailänder Dolce&Gabbana Show und ihren Fashionporno in einem Neuköllner Sexkino laufen ließen. 

Haupt und Roth beschränkten sich in ihren Kommentaren nicht auf die Mode und nicht auf das geschriebene Wort. Sie stellten sich selbst zur Debatte und stießen so Diskussionen an, die bis heute zu führen sind. In Berlin-Neukölln gründeten sie die vegane Fastfood Kette „Dandy Diner“ - CNN und BBC berichteten, auch weil zur Eröffnung ein Polizeieinsatz nötig war, um dem Andrang Herr zu werden.

Dandy-Diary-Parties: Provokation und Protest

Ausnahmezustände der ein oder anderen Art waren bei Dandy-Diary-Parties, insbesondere denen zur Fashion Week, die Regel und das erklärte Ziel. Von der Location (Hausbesetzung in der Friedrichstraße oder Indoor Spielplatz) über die Gästeliste bis zur Duftnote der Räucherstäbchen auf der asiatisch angehauchten Party zum Gallery Weekend vor einem Jahr waren diese Events Konzept und kuratierte Grenzüberschreitung. Zwischen Elefanten und Lamas, Tortenschlachten und Live-Botoxspritzen, Nackten und Feuerspuckern stand Haupt als Eskalationsapologet stets im Mittelpunkt und vor der Tür standen Schlangen von Menschen, die nicht verpassen wollten, worüber morgen alle sprechen würden. Party als Provokation und Protest als Party.

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Die Liebe meines Lebens, die für immer meine Liebe bleiben wird, mein Herz ist von uns gegangen. Mein Ehemann Carl Jakob Haupt ist Karfreitag in meinen Armen friedlich eingeschlafen. Er hat sich so verabschiedet, wie er es sich gewünscht hat. Nach Wochen des Kampfes gegen den Krebs. Er war in diesem letzten Moment ganz bei mir, bei unserer Liebe. Die Zeit, die wir beide miteinander hatten, war so intensiv, dass Worte sie nicht beschreiben können. Wir haben jeden Tag so miteinander gelebt, als wäre es unser letzter. Wir haben ein Leben geführt, das so von uns geprägt war, dass alles andere egal war. Wir haben bedingungslose Liebe erlebt. Auch wenn Jakob nur 34 Jahre alt geworden ist, hat er so viele Spuren hinterlassen, eine so tolle Familie gehabt, so viele großartige Freunde gefunden, dass er in uns allen weiterleben wird. Er war und ist unser Häuptling. Ich weiß, dass er so viele Menschen verzaubert hat mit seinem unbeschreiblichen Lächeln, seiner Energie und seiner Klugheit. Jakob hat sich trotz der Krankheit nie beklagt. Er hat das Schöne im Leben betrachtet, war furchtlos und hat immer alles in vollen Zügen genossen. Jakob hat sich von nichts und niemandem beeinflussen lassen, sich immer seine eigene Meinung gebildet und war für alle Menschen offen, egal welchen Hintergrund sie hatten. Jakob ist immer bei mir und bei uns. Er schaut jetzt von einem anderen Ort auf uns, wacht über mich und lächelt, weil er weiß, dass wir ihn nie vergessen werden. „Du bist das erste an das ich denke, wenn ich morgens aufwache - und das letzte, woran ich denke, wenn ich einschlafe. Und das, seit wir uns kennen. An jedem Tag. Und so wird es auch jetzt gewesen sein, wenn ich zum letzten Mal eingeschlafen bin.“ (Jakob an mich, April 2019) Unsere Liebe bleibt. Jetzt ist spáter für immer. ❤️

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So wild er feierte, so genau konnte er beobachten. So unverwechselbar, wie er sich kleidete, schrieb er. Den studierten Politikwissenschaftler beschäftigten die gesellschaftlichen Fragen hinter der Oberfläche. Er konnte den Aufstieg Trumps an einer Cowboy-Kollektion von Levi’s verhandeln und über Feminismus und die Verschiebung der Grenzen des Sagbaren ebenso aufschlussreich philosophieren wie über einen Nachmittag in seinem Lieblingscafé „Bravo“ in Berlin Mitte, alles in einer unnachahmlichen Nonchalance. Seine bewundernswerte Gelassenheit verminderte dabei nicht seine Begeisterungsfähigkeit, sein Blick für das Schöne nahm ihm nicht die Sicht für das Wichtige. Ein Vorbild ist er in der Großzügigkeit und Offenheit, die er anderen zuteilwerden ließ, und der Freiheit, die er sich selbst bewahrte.

Carl Jakob Haupt: Als Kind wollte er Punk werden

Als Kind habe er Punk werden wollen, sagte Haupt in einem Interview. Er wuchs in einer protestantischen Familie in Kassel auf, wo er mit seinem späteren Kompagnon Roth zur Schule ging. Für das Studium zog er zunächst nach Hamburg, dann weiter nach Berlin und von dort in die ganze Welt, die er seit 2016 gemeinsam mit seiner Freundin und späteren Frau, dem Model Giannina Haupt, bereiste. Geheiratet hatten sie im vergangenen Jahr auf Sizilien, bereits in dem Wissen um Haupts schwere Krebserkrankung. Sein Weg endete schließlich im Sterbezentrum Bad Saarow in Brandenburg,  wo er am Karfreitag im Kreise seiner Familie und Freunde in den Armen seiner Frau einschlief.

Die Autorin war Praktikantin bei Dandy Diary.

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