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Blick in Stauffenbergs Glasauge

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Von: Daniel Kothenschulte

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Bis zum 20. Juli 1944 ist Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein verdienter Offizier der Wehrmacht. Er gilt als mutiger Soldat, entschlossener Christ und intelligenter Mensch, erzählt sein Neffe, Ludwig Freiherr von Lerchenfeld. Als Sohn eines schwäbischen Oberhofmarschalls entstammt er gehobenen Verhältnissen und entscheidet sich trotz seiner Begeisterung für Literatur für eine Militärkarriere.
Bis zum 20. Juli 1944 ist Claus Schenk Graf von Stauffenberg ein verdienter Offizier der Wehrmacht. Er gilt als mutiger Soldat, entschlossener Christ und intelligenter Mensch, erzählt sein Neffe, Ludwig Freiherr von Lerchenfeld. Als Sohn eines schwäbischen Oberhofmarschalls entstammt er gehobenen Verhältnissen und entscheidet sich trotz seiner Begeisterung für Literatur für eine Militärkarriere. © dpa

Der Drehbuchautor Christopher McQuarrie über einen - noch - unsichtbaren Film.

Diesen Donnerstag startet der lang erwartete Stauffenberg-Film "Walküre" in den deutschen Kinos. Allerdings leider nicht komplett: Ein vierminütiger Trailer fasst erstmals Mini-Schnipsel aus dem gesamten Filmverlauf zusammen, nachdem ein kürzerer, düsterer Werbeclip bereits für allerhand Internet-Spekulationen gesorgt hatte. Nun sieht alles heller aus: Man sieht Soldaten in Afrika, fast wie in "Lawrence von Arabien".

Der Trailer ist alles, was geladene Journalisten gestern in Berlin zu sehen bekamen von dem dort gedrehten Historienfilm, dessen Kinostart jüngst abermals verschoben wurde - auf den 22. Januar. Zur Überbrückung hat man jetzt einen der beiden Drehbuchautoren eingeladen. Eine ganze Stunde stand Christopher McQuarrie gestern für ein FR-Gespräch zur Verfügung - um über einen Film zu sprechen, den man noch immer nicht sehen darf. Der 40-jährige ist ein Spezialist für das Spiel mit verborgenen Informationen: Vor acht Jahren gewann er den Oscar für das meisterlich arrangierte Rätselraten in "Die üblichen Verdächtigen".

Durch den Besucher einer Test-Vorführung war zu erfahren, dass die Figuren mit erklärenden Zwischentiteln wie im Stummfilm eingeführt seien - etwas viele komplizierte deutsche Namen für das amerikanische Jugendpublikum. "Das haben wir herausgenommen. Und dann hat plötzlich jeder den Film verstanden." Welche Bedeutung, frage ich, hat die physische Veränderung des Helden nach seiner Verwundung in Afrika? Im Drehbuch zeigt sich Stauffenberg befremdet vom "gruselig funkelnden Glasauge" - und bevorzugt die Augenklappe. Ist dies nicht ein typisches Comic-Motiv? Der Held verändert seine Physis - und wird dadurch eine Art Phantom?

"Nein", stellt McQuarrie richtig. "Der wahre Stauffenberg trug das Glasauge unter seiner Augenklappe. Er fürchtete, es mit seinen drei verbliebenen Fingern zu zerbrechen. Allerdings: Was mich faszinierte, war, dass jemand in der Lage war, sein Auge in die Hand zu nehmen und sich selbst ins Auge zu blicken. Für mich symbolisiert es sein Gewissen."

Aber ist das nicht erst recht ein mystisches Element, würdig eines Doktor Mabuse? "Bevor Sie es sagten, ist mir das gar nicht aufgefallen. Wir hatten einfach Angst, seine Behinderungen könnten zum Handlungsmotiv werden wie in einer gewöhnlichen Rachegeschichte. Das wäre die amerikanische Motivation, so eine Geschichte zu erzählen." Wird vielleicht der politische Mystizismus des Stefan-George-Kreises, in dem Stauffenberg verkehrte, durch einen anderen ersetzt? "Nein, die Deutschen kennen diesen Dichter, aber wir wollten für ein breiteres Publikum erzählen, so haben wir das weggelassen. Auch wollten wir in Bildern erzählen, nicht durch Text."

Geht es dann im Gegenteil um die Illustration von Geschichte wie in der Eichinger-Produktion "Der Untergang"? Um die Nachreichung fehlender Bilder? "Ja, nein, ich bin schon detailversessen, aber was wir wirklich wollten, war ein Ereignis, eben den 20. Juli, darzustellen. Und wie es sich in der Zeit vorbereitet. Aber wir wollten nicht das definitive Bild dieser Ereignisse zeigen. Es werden natürlich auch Zuschauer kommen, die genau sehen wollen, was wir alles falsch gemacht haben (lacht). Den ,Untergang' finden wir allerdings ganz toll." Wäre es vielleicht eine Option gewesen, statt eines Multimillionenfilms diese Ereignisse als Kammerspiel in den Diskussionen der Widerständler zu erzählen? "Ja, ich hatte zuerst einen viel kleineren Film vor Augen. Ich hätte nie gedacht, dass so ein gewaltiger Film daraus würde. Aber dazu gehört eben die starke Ikonographie dieser Zeit."

Aber warum eigentlich? Diese immer gleichen Bilder der Hakenkreuzfahnen? Besteht nicht die Gefahr, dass man in Bildern, die man schon zu kennen scheint, irgendwann gar nichts mehr sieht? "Das heutige Publikum soll sehen, was die Attentäter täglich sahen. Wie das Regime sich dargestellt hat - mit überwältigenden Bildern."

Warum aber gleich - wie im Trailer zu sehen - eine Totale aus der Vogelperspektive mit Fahnenmeer, genau wie bei Leni Riefenstahl? Nun rutscht McQuarrie heraus, was wohl jeder Künstler einem Kritiker entgegenhielte, der sein Werk nicht kennt.

"Bitte halten Sie Ihre Meinung darüber zurück, bis Sie das im ganzen Film gesehen haben", bittet der Autor - und liefert dennoch eine technische Erklärung: "Rein praktisch ist das ein "establishing shot", der das Groß-Deutschland-Wach-Batallion einführen sollte wie es am 15. Juli angetreten war. Es sollte nicht "Triumph des Willens" nachahmen." Aber pardon, hätte das nicht Leni Riefenstahl genauso gesagt über ihren Propagandafilm? Diese Vogelperspektive ist nur ein "establishing shot"?

"Jetzt müssen wir aber über die Wirkungsabsicht reden", verteidigt der Autor auch seinen Regisseur. "Sie müssen das im Kontext sehen. Aber warum lächeln Sie eigentlich?" Na, weil die Situation so absurd ist. Ich möchte den Film sehr gerne sehen, aber er wird immer mysteriöser, je länger wir darüber reden. Es ist, als spekulierten wir über einen lange verschollenen Stummfilm. Jetzt endlich lacht auch McQuarrie. "Normalerweise macht man einen Film, bringt ihn heraus, und dann wird er beurteilt. Aber im Zeitalter des Internets wird ein Film schon vorher nach Gerüchten beurteilt."

Doch wie sollte ein Gespräch mit dem Autor eines unsichtbaren Films hier wohl Klarheit schaffen? Nach einer Stunde Interview schwirren nicht weniger, sondern mehr Phantasien über diese "Walküre" durch die Flure des Berliner Regent-Hotels.

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