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Geht ihnen ein Licht auf? Bernhard Schütz (3. v. l.) als Eichwald in „Eichwald, MdB“.
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Geht ihnen ein Licht auf? Bernhard Schütz (3. v. l.) als Eichwald in „Eichwald, MdB“.

Polit-Serien

Ein Blick auf die Hinterbühne der Politik

  • Karl Doemens
    VonKarl Doemens
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Sei es "House of Cards", "The West Wing" oder "Eichwald, MdB": Auch in der Berliner Politik guckt man die gängigen Politserien. Ein Podium fragt nach Wechselwirkungen zwischen Realität und Fiktion.

Der Regenschauer hat sich verzogen. Vor der Fensterfront des Sitzungsaals 1.228 im Jakob-Kaiser-Haus des Bundestages in Berlin rasen die Wolken so schnell vorbei wie in der US-Serie „House of Cards“. Drinnen drängen sich politbegeisterte Jungakademiker, und man würde sich nicht wundern, wenn gleich Josh Lyman aus dem Weißen Haus herüberkäme und einen furiosen Vortrag hielte. Bloß würde ihn der Steinzeit-Beamer mit der lächerlich kleinen Leinwand wahrscheinlich zu einem Wutausbruch verleiten.

Statt des Vize-Stabschefs aus der Serie „West Wing“ trägt an diesem Abend der Marburger Medienwissenschaftler Andreas Dörner seine Thesen vor. Die Zuhörer im Saal gehen zur Uni, arbeiten in Parlamentarierbüros oder unterrichten Sozialkunde an der Schule. Ein paar richtige Abgeordnete und Professoren sowie ein Regierungsdirektor aus dem Kanzleramt sind auch darunter. Eingeladen hat die Deutsche Gesellschaft für Parlamentsfragen. Es geht um Politserien wie „West Wing“, „Borgen“ oder die satirische Mini-Episodenfolge „Eichwald, MdB“ – um die Spiegelung oder Verzerrung der Wirklichkeit und um die Rückwirkungen der Fiktion auf die reale Regierungswirklichkeit.

„Jeder von uns möchte doch gerne Präsident Bartlet oder zumindest Josh Lyman sein“, gesteht der Hamelner CDU-Bundestagsabgeordnete und „West Wing“-Fan Michael Vietz in der Debatte. Eine Lehrerin aus Moabit berichtet, wie sie eine Unterrichtsreihe über das politische System der USA mit Szenen aus „House of Cards“ illustriert habe: „Das hat sehr gut funktioniert.“ Auch das Ringen der dänischen Ministerpräsidentin Birgitte Nyborg („Borgen“) um ein Prostitutionsgesetz hat sie pädagogisch eingesetzt: „Das zeigt eindringlich, welche Kompromisse Politik eingehen muss.“

Man beginnt zu ahnen: Die Beziehung zwischen der politischen Realität und ihrer filmischen Darstellung ist höchst komplex – wie auch die Wirkung der Politserien in der Öffentlichkeit. Die deutschen Fernsehserien-Versuche von „Kanzleramt“ bis zu „Die Stadt und die Macht“ sind ausnahmslos gescheitert, galten als zu bieder, zu eindimensional, zu humorfrei. Einzig die ZDF-Comedy-Reihe „Eichwald, MdB“ über einen ausgebrannten Bundestags-Hinterbänkler konnte überzeugen. Im klassischen TV-Programm hierzulande erzielten auch die ausländischen Politserien nur magere Quoten. Doch abseits der „In aller Freundschaft“-Hausmannskost hat sich eine Fangemeinde gebildet, die nächtelang US-Politserien aus der DVD-Box oder dem Internet verschlingt. Längst haben auch Promis wie Ex-Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) oder SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil ihre Abhängigkeit eingestanden.

In der realen Politik geht es um das langsame Bohren von dicken Brettern. In den Serien hingegen herrscht ein atemberaubendes Tempo. Sie verdichten, spitzen zu, beschleunigen und unterhalten. „Für das Laienpublikum besteht die Faszination im Blick auf die Hinterbühne. Dem Fachpublikum dient die fiktive Welt als Reflexionsmedium für die eigene Tätigkeit“, so  Dörner.

Das politische Geschäft wird in verschiedenen Tonarten vorgeführt. Mal idealistisch wie in „West Wing“, dessen Präsident Bartlet als Gegenentwurf zu Bush galt. Mal realistisch wie in „Borgen“, wo Nyborg ihre hehren Ziele mit moralisch fragwürdigen Methoden erreicht. Mal zynisch wie in „House of Cards“, wo der angehende Vizepräsident Frank Underwood ohne Skrupel eine Journalistin vor die U-Bahn stößt. Oder aber satirisch wie in „Eichwald, MdB“.

„Für die von uns, die zur Spitze unterwegs sind, ist Erbarmen keine Option“, sagt Underwood. Ist das nicht bösartig verzerrt und übertrieben? Einerseits: Natürlich ja. Andererseits: Wer hätte vor ein paar Jahren die Edathy-Affäre für möglich gehalten oder sich vorstellen können, dass ein deutscher Abgeordneter mit der Horror-Droge Crystal Meth erwischt wird? „Die Serien bedienen mit Sicherheit Vorurteile“, glaubt der Berliner Politikwissenschaftler Nils Diederich, der selbst vor mehr als 20 Jahren im Parlament saß. Andererseits: „Was im Bundestag stattfindet, übertrifft bisweilen die Serien.“ Auch Bärbel Bas, die als Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Fraktion Mehrheiten organisieren muss, bestätigt: „Hier kommen so viel Menschen zusammen – von Realsatire bis Intrige ist da alles drin.“

Gleichwohl: Verändern die Serien mit ihren finsteren Machenschaften bis hin zum Auftragsmord nicht die Wahrnehmung von Politik zum Negativen? Nicht unbedingt, glaubt Stefan Stuckmann, Erfinder des fiktiven Bundestagsabgeordneten Hajo Eichwald. Nach Ausstrahlung der ZDF-Serie habe er „jede mögliche Meinung“ über Eichwald gehört: „Jeder bringt das mit, was er an Erfahrungen gesammelt hat.“ Ähnlich sieht das der Medienwissenschaftler Dörner: Natürlich hätten Serien Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Realität, aber: „In der Regel finden die Zuschauer das Bild wieder, das sie ohnehin von Politik haben.“

Bisweilen verschwimmen gar die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Mitten im Vorwahlkampf wurden in den USA zum Start der 4. Staffel von „House of Cards“ im März Kampagnenfotos mit dem Titel „Underwood 2016. Anything for America“ geschaltet – gerade so, als werfe ein neuer Kandidat seinen Hut in den Ring. Bei einem Truppenbesuch ließ sich die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vor einiger Zeit in „Top Gun“-Pose ablichten. Und bei der Diskussion im Jakob-Kaiser-Haus zeigt sich der echte CDU-Abgeordnete Vietz neidisch auf seinen fiktiven Kollegen: „Wenn ich Eichwald anschaue, frage ich mich: Wo kriegt man so ein schönes Büro hier im Bundestag?“

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