+

Architektur

Und wo bleibt die Moral?

Wer groß bauen will, braucht Geld und Macht. Kaum verwunderlich, dass Architekten und Stadtplaner sich chronisch mit denen verbünden, die über beides verfügen. Politische oder gar moralische Bedenken spielen dabei selten eine Rolle.

Von Nikolaus Bernau

Siehe jene westlichen Architekten, die seit gut zwei Jahrzehnten für Chinas Machthaber arbeiten. Oder die seltsame Faszination, die in manchen Architektenkreisen Nordkorea auslöst.

Vielleicht war es auch deswegen Ende vergangener Woche so voll im Ausstellungsraum des Werkbunds in der Mommsenstraße, dass nicht einmal die Tür zuging. Es ging um die Rolle des Städtebaus für die europäischen Diktatoren der 1920er- bis 1970er-Jahre. Harald Bodenschatz und Daniela Spiegel von der Technischen Universität Berlin, Max Welch Guerra und Christian von Oppen von der Bauhaus-Universität Weimar sowie der einstige Berliner Kultursenator Thomas Flierl aus Berlin stellten ihr neues Forschungsprojekt vor. Es soll die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der stalinistischen und faschistischen Systeme herausarbeiten, die historischen Ursachen von politischen und ästhetischen Zielwechseln und die Rolle von Planern und Architekten für die infrastrukturelle und dekorative Ausgestaltung der Regime.

Scheitern des Radikal-Funktionalimus

Das Scheitern des Radikal-Funktionalimus eines Ernst May in Stalins Sowjetunion wird da zu einem Spiegel des brutalen Kampfes um die Macht. Der Blick auf Mussolinis Italien zeigt, dass die Vielfalt der Stile auch die Konkurrenz zwischen dem Diktator, Parteigliederungen und Ministerien spiegelt. Franco versuchte mit dem Wiederaufbau Spaniens nach dem Bürgerkrieg die Agrar-Gesellschaft zu konservieren und begründete zugleich hochmoderne Arbeiterhochschulen – die in klosterartigen Palästen im Stil der spanischen Hochrenaissance unterkamen.

So überzeugend solche Detailanalysen sind, fehlt doch der Blick auf die Alternativen. Sicher waren die Diktaturen, wie Thomas Flierl sagte, eine Antwort auf die Krise der Nachkriegszeit. Aber es gab auch stabile demokratische Antworten auf diese Krise, siehe alle west- und nordeuropäischen Staaten und die USA. Auch dort wurde neuklassizierend gebaut oder avantgardistisch, waren Städtebau und die Landesplanungen Mittel der Modernisierung wie der Stabilisierung.

Aber es gab keine brutalen Skulpturen wie die von Josef Thorak oder Arno Breker, nie sollten dort Monumente wie das Brandenburger Tor, das Kapitol oder der Kreml zum Stadt-Nippes gemacht werden. Es gibt offenbar doch Unterschiede zwischen Diktaturen und Demokratien, die sich auch an Formen ablesen lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion