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Das Blaue Wunder

Theater

Seelenverkäufer

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Volker Löschs „Das blaue Wunder“ verzerrt am Staatsschauspiel Dresden die AfD-Propaganda zur Kenntlichkeit. 

Dass der seit letzter Spielzeit am Staatsschauspiel Dresden amtierende Intendant Joachim Klement Ruhe bewahren kann, lässt sich gut beobachten, als er am Samstag, eine Viertelstunde nach Beginn der Premiere auf die Bühne tritt und wegen eines ausgefallenen Tonmischpults die Vorstellung unterbricht. Man wisse nicht, woran es lag, habe das Gerät neu gestartet und hoffe nun, dass es funktioniert. Und das tut es dann auch. Besser als nötig: mit ordentlich anschwellenden wagnerianischen Hörnerchören, mit Druckwellen erzeugendem Donnerhall, mit Rammstein-Rums und akribisch ausgesuchten Schussgeräuschen aus vielerlei Waffen.

Auch ohne die technische Panne war die Atmosphäre in Dresden wegen des neuen Volker-Lösch-Abends angespannt. Der Klassenkämpfer Lösch und seine beiden Autoren Thomas Freyer und Ulf Schmidt haben mit „Das blaue Wunder“ eine AfD-Groteske geschrieben: Wut- und Angstbürger gehen an Bord eines feuchtdeutschen Traumschiffs, wo die Regeln das Blauen Buches gelten. Diese stammen von den Propheten, Predigern und Märtyrern der AfD und werden – kaum hat man abgelegt und sich auf die Reise von der Elbe über das Nordmeer, die Südsee und zurück gemacht – sogleich in die Tat umgesetzt.

Am Anfang herrscht erdrückende Zufriedenheit, gibt es doch für alle deutschen Passagiere Grundnahrungsmittel (Kraut und verschiedene Wurstsorten) kostenlos. Später fällt dann aus Kostengründen die Wurst weg, was – wir sind bei Lösch – zu Verdauungsproblemen und zu Fäkalmetaphern führt: „Ist ja alles braun!“ Da hat sich die stumpfe Utopie vom einfachen Leben in absoluter Sicherheit und auf Kosten der „Ölgesichter“ (Ausländer im Maschinenraum) längst in einen paranoiden Albtraum verwandelt – mit einer sozioökonomischen Gesetzmäßigkeit wie aus dem Bilderbuch (oder bei Marx). Die deregulierte Wirtschaft kollabiert, die sozialen Gegensätze verschärfen sich, Arbeit gibt es fast nur noch bei den Sicherheitsbehörden.

Menschen in Seenot werden dem Ertrinken überlassen, ein paar Ölgesichter zur Aufrechterhaltung des Sicherheitsgefühls exekutiert und für Schießübungen missbraucht, dann muss bald jeder dran glauben, der auch nur aufmuckt oder zum Beispiel homosexuell ist. Die Unterdrückten denunzieren einander, die Unterdrücker sind von Abstiegsängsten gepeinigt, Frauen, die nicht schnell genug schwanger sind, werden vergewaltigt.

Am Schluss steuert das Kriegsschiff auf den Sächsischen Landtag zu. Dort hat der Michel noch immer nichts von der Realität mitbekommen, in der sich die Rechten in neuer Traditionsverbundenheit mit Islamisten verbrüdern: Schiff, heil! Allah ist groß! Die Faschisten in hellblauen SS-Mänteln fuchteln mit Maschinengewehren, die Dschihadisten in grünen Kaftanen mit Krummsäbeln.

Kenntlichkeit und Eindeutigkeit sind bei Lösch oberstes Gebot und werden mit dem richtig fetten Gummihammer hergestellt. Gib dem Populisten, was des Populisten ist! Die Schauspieler wedeln mit den Armen, reißen Augen auf, um sie zu rollen, stampfen auf, lachen irre und brüllen den Ansagetext (von Höcke, Gauland oder Poggenburg) mit möglichst dumpfer und penetranter Beflissenheit. Das Schiff besteht aus einem kolossalen Stahlrumpfskelett (Bühne Cary Gayler), der die Bühne ausfüllt, dreh- und versenkbar ist und über drei Decks verfügt, wobei das vierte und unterste mit Ankerkammer und Maschinenraum nie ins Bild kommt.

Bei einem Gespräch eine gute Stunde vor der Premiere im Intendantenbüro sagt Klement in der bereits erwähnten Ruhe: „Wir machen es nicht um des Skandals Willen. Uns ist klar, dass dieser Abend zuspitzt und polarisiert, es ist eine Groteske.“ Die AfD-Leute – Mitglieder und Wähler – werden sich dennoch angegriffen und demokratisch delegitimiert fühlen, oder? Ist die Provokation nicht gewollt? „Ausgangspunkt dieser Arbeit ist eine sehr genaue Lektüre deren Programms. Man muss dann schon mal zur Kenntnis nehmen, was die eigentlich wollen.“ Ob Proteste zu befürchten sind? „Wir sind die Hausherren. Wir haben zu verantworten, dass die Veranstaltungen durchgeführt werden können, dass die Menschen sicher sind. Wenn wir unser Hausrecht nicht mehr allein durchsetzen können, dann holen wir uns Hilfe.“ Der stellvertretende Intendant und Chefdramaturg Jörg Bochow lächelt den Berichterstatter ein bisschen müde an, so als wüssten alle im Raum, warum er angereist ist – wohl eher nicht im Vorgefühl ästhetischer Beglückung. Als würde Bochow etwaige Erwartungen rücksichtsvoll abbauen wollen, sagt er: „Lösch sucht die Widersprüche in der Stadt, und es kam schon hier und da zu erhitzten Debatten. Aber die Aufführungen selbst waren nie so skandalträchtig.“

Wobei das Missfallen bei Volker Lösch nicht nur durch (absichtlich?) schlechtes Theaterspiel und grobschlächtige Mittel hervorgerufen wird, sondern immer auch Teil der Lektion ist.

Kein Aufruhr, sondern eine sehr aufgeräumte Atmosphäre herrschte dann bei der Premiere. Ganze zwei Widerworte sind an das Berichterstatterohr gedrungen: „Quatsch“ und „Blödsinn“. Ein Herr rief sie halblaut und gesittet in den Saal. Eine Reaktion nicht auf die luftabschnürend dämlichen und gefährlichen AfD-Hanebücheneien, sondern ausgerechnet auf eins der Statements von politischen Aktivisten und Gruppierungen, denen während der Vorstellung immer mal zur nötigen Erholung die Bühne überlassen wird. Ein sehr wohltuendes Kontrastprogramm zum debilen Dauergetröte der Blauschiffer.

Nicht nur weil einem in Erinnerung gerufen wird, dass Menschen statt zu brüllen einfach sprechen können, sondern auch, weil man in all der geistigen Schifffahrtsflaute von vernünftiger, mutiger, leidenschaftlicher und auch mühevoller politischer Arbeit hört, von der Mission Lifeline etwa, Seenotrettern, die schon über tausend Menschen vor dem Ertrinken bewahrt haben, gegen perfide Unterstellungen standhaltend; von den Blasmusikern der Banda Comunale, die montags hinter den Pegidisten herkehrten oder sie mit einer Angsthasenprozession parodierten; von Aktivisten, die Partys (Tolerave e.V.), Demos (Herz statt Hetze) und Berichterstattung (Straßengezwitscher e.V.) organisieren, die sich gegen Rassismus, Homophobie und Faschismus engagieren und gegen die Ungleichbehandlung von Links und Rechts durch die Polizei – das war der Punkt, an dem die Widerworte fielen – was völlig unkommentiert blieb.

Stattdessen gab es für jedes Statement bekenntnisfreudigen Szenenapplaus, und am Ende minutenlangen stehenden Jubel, wenn Dresdner Aktivisten die Bühne für ein chorisches Schlusswort füllen, auf das man sich offenbar hat einigen können: „Sachsen kann richtig geil für alle werden.“

Die kulturpolitische Sprecherin der AfD, Karin Wilke, hatte sich vor der Premiere schon darüber beschwert, dass ein subventioniertes Theater gegen eine Beteiligung ihrer Partei an der Regierung Stimmung mache. 2019 ist Wahljahr ins Sachsen. Joachim Klement weist auf das Neutralitätsgebot seines Hauses hin, zugleich aber auch auf die Freiheit der Kunst. Figuren dürften natürlich ihre Meinung äußern, und die Bühne könne innerhalb der künstlerischen Setzung auch für politische Statements in Beschlag genommen werden. Dass die Worte der AfDler auch dem letzten Theaterbesucher als unwählbarer und grotesker Bullshit aufgehen muss, dafür kann der „linksversiffte“ Kultur- und Medienbetrieb nichts.

Termine

Staatsschauspiel Dresden: 2., 11., 15., 24. Februar. www.staatsschauspiel-dresden.de

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