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„Man ist einer Person seinerzeit gefolgt, weil man sie in diesem Moment sympathisch oder ihre Themen interessant fand.“

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  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Wenn sich Onlinefreunde wandeln, merkt man das besonders schnell. Kein Grund, sich über diese Entwicklung zu beklagen.

Menschen haben die unangenehme Angewohnheit, sich zu verändern. Gerade hat man sich endlich gemerkt, dass jemand gern Nussschokolade und Horrorfilme mag, da muss man schon erfahren, dass beides seit zehn Jahren nicht mehr stimmt – wenn man es überhaupt jemals merkt. Oft ist die Erinnerung stärker als die Tatsache, dass man von der betreffenden Freundin nur Dokumentarfilme empfohlen bekommt und sie nie beim Kauf oder Verzehr von Schokolade antrifft. Bei Menschen, mit denen man vor allem außerhalb des Netzes zu tun hat, ist das kein so großes Problem. Mit dem vor Jahren geformten Bild einer Person lässt sich lange über das Verfallsdatum hinaus arbeiten. Allenfalls an Geburtstagen wundern sich die anderen vielleicht über die hartnäckigen Nussschokoladengeschenke.

In sozialen Medien erfährt man mehrmals täglich etwas über die Vorlieben und Meinungen der Menschen, denen man folgt. Bei einer physischen Begegnung hätte die Gesprächspartnerin ihr neues Interesse an Monstertrucks vielleicht gar nicht erwähnt, und falls doch, kann man es leicht ignorieren oder wieder vergessen. Im Netz wird davon bis zum Abebben der Begeisterung circa 4531-mal die Rede sein. Die Sache mit der Veränderung ist hier kein Spezialproblem langjähriger Beziehungen mehr, sondern ein Grund für täglichen Missmut.

Man ist einer Person seinerzeit gefolgt, weil man sie in diesem Moment sympathisch oder ihre Themen interessant fand. Im Laufe der Jahre hat sie sich verändert, und es ist unwahrscheinlich, dass sich diese Veränderung genau in der Richtung vollzogen hat, die man als Publikum gutheißt. Dasselbe Phänomen gibt es in der Musik: Als Fan findet man alles gut, was die Band in den Anfangsjahren gemacht hat. Danach ging es bergab. Der Beginn des Niedergangs liegt zufällig immer kurz nach der Zeit, in der man selbst die Band entdeckt hat.

Durch diesen Mechanismus kann der Eindruck einer allgemeinen Erschöpfung entstehen: Alle haben schlechtere Laune als früher, verlegen sich auf uninteressante Themen, machen langweiligere Bilder und blödere Musik. Oder die Kritik richtet sich auf die jeweilige Plattform: früher, ja früher, als hier noch Originalität und Optimismus herrschten! Aber jetzt ist es aus, die guten Zeiten kommen nicht zurück, und schuld sind falsche Entscheidungen der Betreiber.

Weil man sich im gleichen Zeitraum auch selbst verändert, gibt es selbst dann Anlass zu Unzufriedenheit, wenn jemand ausnahmsweise große Beständigkeit an den Tag legt. „Sieht doch alles gleich aus“, beschwert man sich, „das war vielleicht vor zehn Jahren mal lustig“, und „zu dem Thema ist wirklich alles gesagt“.

Wie man mit diesem Problem nicht umgehen sollte, lernte ich um das Jahr 2010. Auf einer Party sagte ich zu einem Twitterer, früher sei er aber lustiger gewesen, und wurde daraufhin minutenlang angeschrien. Eventuell hatte er den Vorwurf einmal zu oft gehört. Inhalt des Anschreiens war unter anderem, dass mich das erstens überhaupt nichts angehe. Zweitens sei es unverschämt zu fordern, dass andere sich bei ihren Äußerungen im Netz an meinen Interessen orientieren. Damit hatte er recht, und auch das Format des Anschreiens war gut gewählt, weil ich mir den Vorfall sonst wahrscheinlich nicht gemerkt hätte.

Die Social-Media-Forscherin Emily van der Nagel befragte im Herbst 2019 ihre Follower zu ihren Erinnerungen an entschwundene Social-Media-Plattformen. Eine der Antworten lautete: „Die Plattformen fehlen mir nicht. Mir fehlt die jugendliche Energie meiner Onlinefreunde in den 1990er, 2000er und 2010er Jahren, die jetzt Väter und Mütter im mittleren Alter sind.“ Väter und Mütter im mittleren Alter sind nicht grundsätzlich uninteressantere Onlinefreunde, auch wenn sie manchmal etwas wenig Zeit haben. Wahrscheinlich geht es bei dieser Nostalgie also nicht um Elternschaft, Energie oder Lebensalter, sondern darum, dass man sich zeitweise in einer Gesellschaft befunden hat, die in diesem Moment zu den eigenen Interessen passte. Und dieser Zustand lässt sich in jedem Alter wieder herbeiführen.

Wenn die anderen früher lustiger waren, gibt es drei Möglichkeiten, damit umzugehen. Die praktischste: Man entfolgt ein paar Leuten und folgt dafür neuen, die besser passende Interessen und Ansichten mitbringen. Das ist kein Eingeständnis des Scheiterns und kein Zeichen, dass man sich seinerzeit getäuscht hat. Die schwierigere Lösung: Man erlangt Weisheit und hat die veränderten Freunde mit ihren neuen Interessen weiterhin gern. Die dritte Möglichkeit ist ganz einfach, sie erfordert nur ein schlechtes Gedächtnis: Man vergisst alles, was die Freunde früher dachten und mochten. Nussschokolade? War da mal was?

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