1. Startseite
  2. Kultur

Bis der Schmerz der Entwurzelung endet

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Handout vom 29.01.2922 zeigt den Poeten Dinçer Güçyeter. Er erhält den diesjährigen Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik.
Handout vom 29.01.2922 zeigt den Poeten Dinçer Güçyeter. Er erhält den diesjährigen Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik. © dpa

Der Debütroman des Peter-Huchel-Preisträgers Dinçer Güçyeter ist ein „Deutschlandmärchen“.

Wer in einem Märchen bestehen will, muss auf der Hut sein. Verluste und Verletzungen sind niemals ausgeschlossen. Und eine Garantie aufs Happy End wird nicht gegeben. Insofern ist „Unser Deutschlandmärchen“ ein Märchen durch und durch – allerdings eines aus dem gelebten Leben. Dinçer Güçyeter, der für seine Lyrik in diesem Jahr mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet wurde, gestaltet sein Romandebüt als Autofiktion, die weitaus mehr mit dem Autobiografischen als mit dem Erfundenen zu tun hat. Der Schriftsteller, der auch Verleger des Elif-Verlags ist, blättert im Familienalbum. Die darin versammelten Texte und Fotografien fügen sich zu einem Mutter-Sohn-Epos, das in Anatolien beginnt und nach Nettetal am Niederrhein führt.

Fatmas vierfache Last

Es war einmal! Zunächst ist die verwitwete Hanife empört, als ein Fremder ihre Tochter Fatma zur Frau haben will. Doch die Not ist zu groß. Der Verehrer mit dem riesigen Kopf bekommt, was er haben will. So zieht Fatma 1965 mit Yilmaz nach Deutschland – in der Hoffnung, dort das Geld von den Bäumen pflücken und die Ernte in die türkische Heimat schicken zu können.

Stattdessen geht für Fatma das entbehrungsreiche Leben weiter. Auch weil Yilmaz, der eine Gastwirtschaft betreibt, keine Hilfe ist. Um alles muss sich Fatma kümmern. Vor allem um das Geld. Sie schuftet in der Fabrik und auf dem Feld. Nebenbei hilft sie Verfolgten aus der Türkei und bemüht sich, türkische Frauen aus der Prostitution zurück zu ihren Eltern zu führen. Sie trage an einer vierfachen Last, steht da geschrieben: Sie ist „eine Frau, eine Waise, eine Arbeiterin, eine Migrantin.“ Was nie vergeht, ist das Heimweh. Als endlich der erste Sohn zur Welt kommt, nach langen Jahren des Hoffens, setzt sie darauf, durch ihn die Unterstützung zu bekommen, die ihr der Ehemann nicht gibt.

Das „Deutschlandmärchen“ ist ein bunt gewebter Teppich. Einige Fäden kann man schon aus Dinçer Güçyeters Lyrikband „Mein Prinz, ich bin das Ghetto“ (2021) kennen – das „Gastarbeiterkind“, die „Blubber-Girls“ oder auch die Nussknacker für die Verwandtschaft in der Türkei. In den kurzen Kapiteln kommt mal die Mutter, mal der Sohn zu Wort. Gedichte werden zitiert, Theaterdialoge gibt es obendrein. Alltagsskizzen wechseln mit hoch dosierter Poesie – wie im „Lied der Huren“: „Wir möchten ins Meer geworfen werden, auf der Mähne der Wellen brausen, möchten zum Strand gespült werden, verstummt und müde wie ein Stein.“

Einige heitere Kindheitsmomente gibt es. So ist der frisch entbundene Dinçer sofort hellwach: „Ich glaub, sie ist nicht ganz dicht, meine Oma, was macht sie da mit meinem Pipimann, jetzt zieht sie noch an der Vorhaut. Oma, das da ist kein Börekteig, verstehst du mich, autsch!“ Unter allem aber immer der Blues vom ewigen Kampf um ein erträgliches Leben.

Mit Deutschland hadern Mutter und Sohn. Nicht nur wegen der Mordanschläge in Mölln (1992) und Solingen (1993) und jenen des NSU (2000 bis 2007). Fatma erinnert sich: „Manche haben uns freundlich empfangen, manche haben uns als Bedrohung gesehen, für manche waren wir Menschen zweiter Klasse, einige dachten sogar, wir würden ihnen die Arbeit wegnehmen.“

„Unser Deutschlandmärchen“ ist nicht nur ein intensiv leuchtendes Kapitel aus dem deutsch-türkischen Mit- und Nebeneinander. Es erzählt auch, wie Dinçer zum Dichter wird. Seine „erste Schreibakademie“ sei ein Bordell in Bracht am Niederrhein gewesen. Als Jugendlicher habe er dort samstagmorgens beim Putzen geholfen. Und ein Richter vom Amtsgericht ist es, der ihm 2001 den Weg in die Öffentlichkeit weist: „Dinçer, deine Zeit kommt langsam, du musst vor Menschen lesen, die müssen deine Gedichte hören.“

„Habt keine Angst“

Nicht zuletzt ist dieser Roman eine Liebeserklärung an die Mutter. Gerade in jenen Passagen, in denen er ihre konservative Einstellung beklagt, leuchtet diese Liebe auf. Fatmas Bilanz: „Wir haben blind danach gestrebt, den Schmerz der Entwurzelung mit Eigentum, mit Geld zu heilen, vergebens.“ Den Nachgeborenen empfiehlt sie: „Ihr sollt besser leben, freier, ohne Ängste. Jede Last, jeder Schmerz ist vergänglich, traut euch, habt keine Angst vor dem Leben.“ Ein guter Rat, ein bewegender Roman.

Das Buch

Dinçer Güçyeter: Unser Deutschlandmärchen. Mikrotext. 216 S., 25 Euro.

Auch interessant

Kommentare