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Edisons erste Glühbirne, am 27. Januar 1880 patentiert.

Nachruf auf die Glühlampe

Birne kann alles

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Das EU-Glühlampen-Verbot wird den Blick auf die Kunst des 20. Jahrhunderts verdunkeln. Von Daniel Kothenschulte

Wie gerne wäre ich bei meiner Australienreise als gefürchteter Glühlampenschmuggler verhaftet worden. Ein Koffer voller illegal eingeführter Leuchtmittel hätte schon ein Zeichen gesetzt gegen das barbarische Verbot der Lichtquelle des 20. Jahrhunderts. Wer das Kino liebt, dem kann Thomas Alva Edisons andere Erfindung nicht völlig gleichgültig sein.

Auch wenn der amerikanische Ingenieur nur bestehende Ideen verbesserte, gab er dem Film wie dem Licht ihre bis heute gebräuchlichen Formate: Den 35mm-Filmstreifen und den genormten Schraubsockel. Vor allem aber schenkte er diesem Kunstlicht seine herrliche Unvollkommenheit. Einen aus der Nähe kaum merklichen, aus fremden Fenstern dagegen unübersehbar schimmernden Gelb-Rot-Stich. Hersteller von Neonlampen versuchen bis heute verzweifelt, diese Abbildungsschwäche zu beheben, indem sie ihre Produkte entsprechend einfärben. Und doch erscheint ihr Licht stets ungleich kälter.

Natürlich hatte ich bei der Einreise in Sydney dann doch keinen Koffer voller Birnen dabei. Die sprichwörtliche Zerbrechlichkeit der Glasballons hätte nur einen Scherbenhaufen in meinem Koffer hinterlassen und den umweltbewussten Australiern recht gegeben. Und nun hat die Europäische Union ohnehin die Überholspur eingeschlagen. Wie Anfang der Woche bekannt gegeben wurde, soll es schon im September 2009 keine matten Glühbirnen mehr zu kaufen geben. In den folgenden Jahren verschwinden dann auch die transparenten, gestaffelt nach der Wattzahl endgültig. Im Jahre 2012 schließlich wird der hochschmelzende Wolframdraht für immer verlöschen.

Damit aber wird auch die Möglichkeit verschwinden, die Kunst des 20. Jahrhunderts mit den Augen ihrer Zeitgenossen zu betrachten. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Denkmalschutz kontinuierlich entwickelt, viele architektonische Zeugnisse der Vor- und Nachkriegsmoderne wurden auch in ihren Interieurs wiederhergestellt. In den meisten Repräsentationsbauten trumpfen Glühlampen in langen Wandreihen oder eigens für sie konstruierten Leuchtern auf. Der warme Charakter dieser Helligkeit nimmt der funktionalen Ästhetik, dem vielen Weiß der Bauhaus-Ära und der Materialromantik der fünfziger Jahre, ihre Autorität. Mit der Architektur ist es wie mit dem Theater: Erst das richtige Licht macht die Inszenierung sichtbar.

Im rechtsrheinischen Köln wurde jetzt die "Weiße Stadt" wieder herausgeputzt, die stilbildende Arbeitersiedlung Walter Riphahns. Bei Tag ist das geordnete Muster ihrer Fensterreihen imposant, doch an einem Winterabend leuchten sie in warmen Farben. Erst die Glühlampen machten diese architektonische Utopie aus Sauberkeit und Ordnung bewohnbar und komplett. Nicht umsonst hieß der wichtigste Repräsentationsbau der DDR im Volksmund Erichs Lampenladen. Nun sollen seinem traurigen Ende auch noch die Lampen folgen.

Ich schreibe diesen Abgesang im Licht der 40-Watt-Birne in meiner Schreibtischlampe, nachdem ich ihre Vorgängerin, eine unförmige Energiesparlampe, in den Keller verbannt habe. Soll sie doch dort die verbleibenden vier Jahre ihrer Lebenserwartung über ihren leblos-diffusen Schein verbreiten. Dieser Luxus kostet mich 27 zusätzliche Watt. Dass ich dafür meinen stromfressenden Wäschetrockner stillgelegt habe, ist der Politik egal. Die in ihrer Wohnästhetik entmündigten Bürger sollen sich mit dem unfreundlichen Energiesparlicht arrangieren, während die gesparten Emissionswerte den Stromerzeugern zugute kommen: Sie können sie im Emissionshandel verkaufen, worauf sie an anderer Stelle zu Emissionen führen. Dass sich Energiesparlampen im Wohnbereich nicht durchsetzen werden, weiß man auch in Brüssel. Deshalb kommt auch niemand auf die Idee, ihre luxuriösere Alternative zu verbieten, die Halogenlampe. Ihr helles Licht kommt dem natürlichen am nächsten. Doch wer sich einmal einen der in den achtziger Jahren modischen Halogen-Deckenfluter kaufte, weiß auch, dass sie kaum minder auf die Stromrechnung schlagen.

Man wirft Glühlampen ihre Ineffizienz vor und dass sie nur fünf Prozent ihrer Wärme in Licht verwandeln. Nun, meine Schreibtischlampe wärmt damit mich, ist das vielleicht nichts? Wenn meine Hände kalt werden, brauche ich sie nur kurz auf den heißen Metallschirm zu legen. Joseph Beuys verwendete Glühlampen häufig in seiner persönlichen Ikonographie, vorzugsweise rot gefärbte: Sie standen für ein Versprechen an Wärme, das sich auf Knopfdruck einlösen ließ. In der Comicsprache ist Edisons Glühlampe das Symbol für Erfindergeist schlechthin. Ob Daniel Düsentrieb sein Helferlein nun operieren muss? Noch patenter war das kluge Leuchtmittel in Günter Herburgers linkem Kinderbuchklassiker der siebziger Jahre: Birne konnte alles.

Mein liebstes Leuchtmöbel aber ist der Spiegel einer ehemaligen Künstlergarderobe neben meinem Bett. Darin leuchten, welch eine Verschwendung, sechs matte Birnen, die ich auf wenige Watt herunterdimmen kann. Früher, mit vollem Energieeinsatz, entlarvten sie jede Falte. Heute schmeicheln sie jedem. Es gibt nichts Schöneres als gedimmte Glühlampen, in denen man die Fäden glimmen sieht wie frisch angesteckte Zigaretten.

Für die Kunst des 20. Jahrhunderts konnte das technische Licht eine ähnliche Herausforderung darstellen, wie es die Sonne für die Impressionisten gewesen war. Ob für die Fotografen der New Yorker Secession der Jahrhundertwende, den Maler Edward Hopper oder den Licht-Bildhauer Moholy-Nagy - die Modernität ihrer Werke ist untrennbar von dem Licht, das sie umgab. Wie will man in Zukunft die Kunst der Moderne verstehen, wenn sich schon das Lampenlicht nicht mehr nacherleben lässt? Als der Fotograf William Eggleston Anfang der siebziger Jahre die Farbfotografie salonfähig machte, fotografierte er auch das Glühlampenlicht. Den daraus resultierenden Gelb-Rot-Stich filterte er nicht mehr heraus, wie es bis dahin die Berufsfotografen taten. In den Fehlfarben der Amateurfotos hatten die Glühbirnen Spuren hinterlassen, die er für die Kunst entdeckte.

Gerade weil die Birnen uns die Farben der unmittelbaren Umgebung immer etwas vergoldet haben, adelten sie auch unsere Wirklichkeit. Besonders fasziniert war Eggleston aber von den farbigen Glühbirnen, mit denen man Karussells und Gartenfeste dekoriert. Keine noch so energie-effiziente Leuchtdiode kann mit ihrem Zauber konkurrieren.

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