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Gerhard Kettner: „Caspar“, 5. September 1985.

DDR-Kunst

Biografie zwischen Kinn und Stirn

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Das Dresdner Leonhardi-Museum erinnert an den Menschen-Zeichner Gerhard Kettner.

Zeichnen ist nichts für Zögerliche. Eine Linie auf dem Papier, ein Strich, eine Schraffur – die sind nicht reparabel, nicht übermal- oder überklebbar, die müssen entschlossen sitzen. Wie ein Wurf, wie ein Schuss, wie der Zug eines Schachspielers.

Letzteren Vergleich hätte der aus Thüringen stammende Dresdner Gerhard Kettner (1928 – 1993) wohl am meistern gemocht. Er schätzte das Unaggressive, Friedfertige, das Gelassene. Mit dieser Haltung forschte sein Graphitstift, gern auch die Feder mit tiefblauer Tinte, neugierig und hartnäckig den Spuren des Lebens in einem Gesicht nach. Gnadenlos auch im eigenen, schon von jung an, als es noch nicht so verknittert und wulstig war. Biografie zwischen Kinn und Stirn.

Gerhard Kettners gezeichnete Bildnisse lassen den Betrachter etwas von der Einmaligkeit des einzelnen Menschen erfahren. Das war der Grund für diese von Anke Fröhlich-Schauseil im Dresdner Leonhardi-Museum kuratierte Ausstellung. Fünfzehn Jahre lang gab es in der Stadt, an deren berühmter Kunsthochschule an der Brühlschen Terrasse Gerhard Kettner zweimal Rektor war und als Lehrender etliche heute erfolgreiche Maler und Zeichner auf den Weg brachte, kaum etwas von diesem Meisterzeichner zu sehen.

Was nun neben subtilen Akten, Landschaften, Interieurs ausgebreitet ist, waren zumeist ihm vertraute Gesichter: Familienangehörige, Freunde, Künstler-Kollegen, Nachbarn, junge Frauen. Und Kinder. Deutlich wird gerade in der Darstellung der Weiblichkeit und der Jugend der Ansatz zu einer aufgerissen-großzügigen Liniensprache, die eine unbekannte Seite an dem grüblerischen, immer auf Reduktion, auf Wesenhaftigkeit erpichten Kettner zeigt: einen geradezu klassischen schönlinigen Stil.

Aber welch ein Gegensatz: Dieses alte, zerfurchte, vom Leben, schon von Krankheit gezeichnete Selbstporträt aus dem Jahr 1987. Und darunter dieser feine, von den Spuren des Leben noch unberührte Knabenkopf. Caspar, der Enkel.

Gerhard Kettner: „Rolf Hoppe, nach links blickend“, 2. Januar 1990.

Unweit davon hängen die schlicht gerahmten Blätter von der alten, sterbenden Mutter, gezeichnet im Jahr 1977, Leihgaben des Dresdner Kupferstichkabinetts. Diese kühne Serie hatte für viel Aufsehens in der DDR gesorgt. „Ein Tabubruch!“, empörten sich die einen. Andere rühmten den Mut des Zeichners.

Im Leid und im Tode wurden in der DDR-Kunst meist Revolutionäre und Opfer von Krieg und Gewalt dargestellt. Kettners konsequenter Schritt ins Private brach mit der Heroisierung und auch mit der Idealisierung. Der Anblick der sterbenden Mutter ist drastisch, gerade in seiner Schlichtheit. Der Zeichner hat darin etwas codiert, das keineswegs nur atheistische Fragen stellt nach dem, was da ist zwischen Leben und Tod.

Es brauchte Zeit, bis diese Blätter öffentlich zu sehen waren – bis der Tabubruch unter Kettners Schülern, etwa der Zeichnerin Elke Hopfe, eine von Konventionen befreite Fortsetzung fand. Kettner, seinerseits einst Schüler von Hans Theo Richter und auch selbst Lehrer zweier Graphiker-Generationen, hinterließ Zeichnungen, die meist klein, aber um so monumentaler in ihrer Wirkung sind.

In den fünfziger Jahren hatte er die „Shelter Drawings“ von Henry Moore gesehen, jene Kohlezeichnungen, die 1943 während der deutschen Luftangriffe in Londoner U-Bahn-Tunneln entstanden. Bald darauf verinnerlichte der Verehrer von Zeichnern wie Hercules Seghers, Rembrandt, Paul Holz, Käthe Kollwitz auch Alberto Giacomettis ausgedünnte, existenzialistische Gestaltzeichen.

Jeder Strich, jedes Kürzel, jedes Loch, das Gerhard Kettner förmlich ins Papier hineinschoss, wurde zur Lebensbetrachtung. Etwa als er 1988 den greisen Bildhauer Heinrich Drake zeichnete, ein Blatt, das seinesgleichen sucht, als Gleichnis für die verrinnende Zeit.

Leonhardi-Museum,Galerie für zeitgenössische Kunst, Dresden: bis 3. März. www.leonhardi-museum.de

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