+
Unfreiwillig war es aber doch die großartige Testversion einer internationalen Tagung ohne körperliche Anwesenheit.

Update

Bildung im Bett

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
    schließen

Bei einer Tagung geht es um die Vorträge, aber auch um die Begegnung mit Menschen. Wie klappt das virtuell?

Anfang Juli verbrachte ich ein paar Stunden auf der 58. Jahrestagung der „Association for Computational Linguistics“. Ich verstehe wenig von Computational Linguistics und bin lediglich Nutznießerin der praktischen Ergebnisse dieses Forschungszweigs, zum Beispiel wenn ich automatische Übersetzungstools verwende. Es ist auch eher unüblich, auf einer wissenschaftlichen Tagung nur ein paar Stunden zuzubringen. Beides war in diesem Fall kein Problem, weil „ACL 2020“ nicht, wie ursprünglich geplant, in Seattle stattfand, sondern im Netz. Die Vorträge waren vorab auf Video aufgezeichnet worden, ich konnte sie mir im Bett ansehen und brauchte mich während der Tagung nicht von schlechtem Kaffee und welken Brötchen zu ernähren.

Auch das Veranstaltungsteam musste sich nicht weit vom Bett entfernen. Die Begrüßung von Dan Jurafsky beginnt mit den Worten: „Es ist meine wunderbare Pflicht als Generalvorsitzender, hier in San Francisco an meinem Küchentisch zu sitzen und diese Worte zu schreiben, um Sie zur 58. Jahrestagung der Association for Computational Linguistics zu begrüßen. Unsere Konferenz in diesem Jahr ist natürlich ganz anders als in der Vergangenheit. Ich werde die Konferenz auch von meinem Küchentisch aus besuchen. Dies ist unsere erste Erfahrung mit ACL als virtueller Konferenz, eine Verschiebung aufgrund einer großartigen Testversion für uns alle, dem Covid-19-Virus.“ Ich habe den Anfang der Rede von Google Translate übersetzen lassen. In Wirklichkeit hält Jurafsky das Virus natürlich nicht für eine „großartige Testversion“, sondern für „a great trial“, also eher so etwas wie eine harte Prüfung.

Unfreiwillig war es aber doch die großartige Testversion einer internationalen Tagung ohne körperliche Anwesenheit. Sie war vermutlich insgesamt nicht schwieriger zu organisieren als eine Tagung für 5000 Personen in Seattle, aber auf neue, unerprobte Arten kompliziert. Unter anderem gab es 24 verschiedene Versionen des 687-seitigen Tagungsprogramms, für jede Zeitzone eine.

Viele der Beteiligten teilten im Netz ihre Erfahrungen mit der großen Küchentischtagung. Praktische Aspekte werden oft gelobt: Freie Zeiteinteilung beim Ansehen der Vorträge, die Teilnahme kostet nur um die 100 Dollar statt 3000, man braucht nicht in die USA zu reisen und schläft im eigenen Bett. „Keine Probleme, die Präsentationen zu sehen und zu hören, nie war ein sauberes WC leichter zu finden, immer eine Steckdose, abends bin ich bei meiner Familie – und das Ganze ohne Schuhe!“, schreibt „Computational Psycho Narratology“ bei Twitter. Aber eine Tagung besteht ja nicht nur aus Informationsaustausch. Der funktioniert in der Wissenschaft schon seit ein paar Hundert Jahren, ohne dass die Beteiligten sich dazu am selben Ort aufhalten müssten. Die schwierigere Frage lautet: Wie lässt sich das Sozialleben einer Tagung ins Netz übertragen?

Zusätzlich zu den Vortragsvideos gab es multiple offizielle und inoffzielle, spontan gegründete Kanäle für Soziales, eine Vielzahl von Chats und separate Mini-Videogesprächsrunden. Viele äußerten sich zufrieden zum Verlauf der Diskussionen über die einzelnen Vorträge: „Das ist so viel besser als die typischen Fragerunden bei richtigen Konferenzen, wo es meistens nur zwei Minuten gibt und man gar keine Zeit hatte, den Vortrag zu verdauen und eine Frage zu formulieren, und diese zwei Minuten gehören etablierten Akademikern, die eher einen Kommentar als eine Frage loswerden wollen“, schreibt die Wissenschaftlerin Esther Seyffarth.

Tagungsteilnehmer Yoav Goldberg beklagt in einem längeren Text trotzdem das Fehlen von Zufallsbegegnungen. Er zitiert eine Stelle aus dem 2019 erschienenen Buch „Because Internet“ der kanadischen Linguistin Gretchen McCulloch, die von der Wichtigkeit zufälliger Begegnungen in den Gängen von Konferenzgebäuden handelt. Das ist bemerkenswert, weil McCulloch mit dem Flurbeispiel die Vorteile von Twitter illustriert: Linguistik-Twitter hat für sie die Funktion eines ganzjährig und rund um die Uhr zugänglichen Konferenzkorridors. Goldberg kennt diesen Kontext und behauptet gar nicht erst, dass im Netz stattfindende Konferenzen keine sozialen Orte und Funktionen haben können. Er findet lediglich die sozialen Möglichkeiten der ACL-Tagung noch unzureichend.

Das ist für mich die zweitbeste Erkenntnis gleich nach „Ich kann einfach so an einer interessanten Tagung teilnehmen, die mir unter normalen Umständen schon aus Kostengründen verschlossen geblieben wäre“: Wir haben die Phase hinter uns, in der diskutiert werden musste, ob sich auf einer Tagung im Netz produktive Zufallsbegegnungen herstellen lassen. Selbst kritische Beiträge wie der von Goldberg befassen sich nur noch mit dem Wie.

Kommentare