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Hilmar Hoffmann 2012 im Metzler Saal des Frankfurter Städelmuseums.

Hilmar Hoffmann

Es bildet ein Charakter sich im Strom der Zeit

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Für Hilmar Hoffmann ? eine Hommage.

Manchmal während der letzten Monate, schon gegen Abend, durfte ich ihn, Hilmar Hoffmann, abholen aus seinem Domizil am Waldrand, wir fuhren zum Essen in ein Gasthaus mit Geschichte am Ufer des Mains, er war dort gerne. Das neunzigste Jahr hatte er überschritten, das Gehen war mühsamer geworden, jedoch der Gedankengang, auf an ihm ungewohnt gelassene Art, ausgreifender, der Bogen weiter gespannt, im Sinne der Bemerkung Goethes, Lebensglück bedeute, Ende und Anfang miteinander in Verbindung setzen zu können.

Auch schien es, als gelänge es ihm immer besser, vor allem die zwanzig Jahre zwischen 1970 und 1990 im Amt des für die Kulturszene Frankfurts am Main maßgebend verantwortlichen Politikers zu begreifen nicht länger nur als Periode unaufhörlichen Bemühens mit den Ergebnissen zahlloser Teilerfolge, sondern zutreffender als ein Ganzes, dem künstlerischen Begriff entsprechend als ein Gesamtwerk, ein Oeuvre.

An dem Ort, an dem wir heute seiner gedenken, den Frankfurter Städtischen Bühnen, ist Hilmar Hoffmann oft gewesen. Als Zuschauer von Aufführungen im Schauspiel und in der Oper – viel wichtiger aber war, zahllos die Anlässe, die Präsenz, zu der er gerufen wurde als Schlichter streitender Fraktionen in den Ensembles, in der Technik, in der Verwaltung. Theaterleute sind nämlich generell, nicht ausschließlich friedfertig, eher streitbare Geister, je begabter umso heftiger der dramatischen Geste zugetan, nicht nur wenn die Rolle es gebietet.

Am Frankfurter Schauspiel wurde, bald nach seiner Ankunft in der Stadt, auf Betreiben des neuen Kulturdezernenten Hoffmann unter der Leitung der Regisseure Palitzsch und Neuenfels, ein Mitbestimmungs-Modell installiert, das vorsah, zumal die Schauspieler zu beteiligen an allen Entscheidungen hinsichtlich des Spielplans, der Rollenvergabe und neuer Engagements.

Außer an einer kleinen Bühne in Zürich und, in Grenzen, an der Berliner Schaubühne, ist diese Mitbestimmung nur in Frankfurt über einige Jahre hin praktiziert worden. Es kam dabei zu Aufführungen, die zum Besten der Frankfurter Bühne und des deutschen Nachkriegstheaters gehören. Das war auch Hoffmanns Verdienst. Die Leistung der Beruhigung immer wieder bitterster Kontroversen und den Betrieb der Bühne gefährdender Turbulenzen, die ihm in jenen Jahren hinter der Bühne abverlangt wurde, war enorm.

Er hat sie erbracht mit der ihm eigenen, von seiner Statur sympathisch begünstigten Souveränität, mit einer nicht auf das Amt, vielmehr auf die Kraft des besseren Arguments gestützten Autorität. Hart gefordert wurde, was eine Qualität von ihm war, nicht hoch genug zu rühmen, seine Loyalität, Treue, die er, wenn Sturm aufkam, jedem bewahrte, den er für eine Aufgabe ausersehen hatte. Und nimmermehr, es sei zu seiner Ehre gesagt, hat Hilmar Hoffmann sich eingemischt in inhaltliche, ästhetische Fragen. Wir haben in unserem Land die Regel, es war sein Credo, dass für die befristete Dauer ihrer Berufung Theaterleitungen grundsätzlich frei sind in ihren Entscheidungen – nur einmal ist in Frankfurt, aber nur beinah, es ist eine Frage der Auslegung, davon abgewichen worden.

Das Beispiel von Hoffmanns, sportlich gesagt: Einsatzfreude für das Theater mag als Beispiel dafür stehen, wieviel er in seinem Amt an Aufgaben zu lösen hatte, lösen wollte und gelöst hat, die nicht ins helle Licht öffentlicher Aufmerksamkeit geraten sind. Kleinarbeit – das Publikum macht sich kaum einen Begriff davon, was das gerade auf dem Feld der Kulturarbeit impliziert. Und zwar vor allem, weil es jemandem wie Hilmar Hoffmann immer darum ging, die Bürger der Stadt gleichsam mitzunehmen auf dem Weg zu den großen Projekten besonders der Bauten für die neuen Museen. Es gab Wochen, an denen er an jedem, aber auch jedem Abend unterwegs war zu irgendeinem Bürgertreff oder einer Diskussionsrunde von Menschen, wie es sie in jeder Stadt gibt, die stets gegen alles Neue sind.

Hilmar Hoffmanns Stärke

Man muss selbst gelegentlich erlebt haben, wie er im Heim des Post-Sportvereins in einem Frankfurter Vorort auf wütende Angriffe gegen eine von niemandem im Saal auch nur ansatzweise überhaupt wirklich wahrgenommene Aufführung von Samuel Becketts „Letztem Band“ (erspielt vom großen Bernard Minetti) – wie Hoffmann mit Feuer und zugleich in aller Ruhe, das konnte er mitunter zusammenbringen, den Dichter als einfach den bedeutendsten des 20. Jahrhunderts behauptete; und nach drei Stunden von anfangs lauter Beckett-Verächtern verabschiedet wurde, mir respektvollem Beifall. Leser des irischen Dichters werden die Postsportler nicht unbedingt geworden sein – aber etwas achtsamer vielleicht doch.

Hilmar Hoffmanns Stärke: Am Detail, am Kleinen zu arbeiten – aber zugleich auch das Größere, das Große zu denken. Und zu wagen, es zu verwirklichen. Jede Gesellschaft, die einer Stadt wie die eines Landes, braucht die Idee eines Projekts, das gemeinsame Vorhaben gegen das bloße Weiterso zur Bildung von und als Voraussetzung für Gemeinschaft. Es war dieser Gedanke das grundlegende Motiv für die über den Taghorizont weit hinausreichenden Planungen und dann eben auch die Verwirklichung der Neugründungen von mehreren Museen und einer Reihe anderer kultureller Institute.

Flüchtiger Überschwang kann dazu veranlassen, verführerische Vorstellungen solcher Art zu entwickeln – und ist ja auch von eigenem Zauber. Flüchtiger Überschwang indes war Hilmar Hoffmanns Sache nicht. Seine Erkundigung statt dessen: Was kann man tun, um mit der Realisierung zu beginnen? Derart hat er mit Heinrich Klotz, von ihm bestellt zum Gründungsdirektor des in Aussicht genommenen Deutschen Architekturmuseums, und mit mir, der ich das Museum für Moderne Kunst aufbauen sollte, den Traum eines Frankfurter Museums-Ufers mitgeträumt – und wurde, nahezu im gleichen Moment: vom Träumer zum Macher. Unübertroffen an ihm: die Fähigkeit, ein Imaginiertes der Wirklichkeitsprobe auszusetzen.

So ist er mit der Kraft seiner Vorstellung ein deutscher André Malraux geworden – nur, dass seine Museen eben nicht wie das des späteren Kultusministers Frankreichs „Museés imaginaires“ geblieben sind, wunderbarer Entwurf, sondern jetzt mit Fortsetzungen auch noch an anderen Standorten in der Stadt sich am Mainufer aneinanderreihen wie im weltweiten Vergleich sonst nur die Museen längs der Mall in Washington DC.: Filmmuseum, Deutsches Architekturmuseum, das Jüdische Museum (das erste in Deutschland), Ikonen-Museum, Museum für angewandte Kunst, Kindermuseum, Portikus, das Museum für Moderne Kunst und die großzügigen Erweiterungsbauten für das Städel und das Liebighaus, – welch eine Parade.

Sie zitiert sich leicht so hin. In der Realität einer demokratisch verfassten Gesellschaft aber steckt immenser Aufwand schon in der politischen Durchsetzung jeder einzelnen solcher Neu-Gründungen. Denn es sind immer ja die widerständigen Interessen von Einzelnen wie von Gruppierungen der Stadtgesellschaft, Machtstrukturen, zu berücksichtigen und zu überwinden. Dann die Probleme der Finanzierung, der Folgekosten und der ästhetischen Qualitäten der Bauten selbst, des Aufbaus der Sammlungen – oft scheint ein Ende der Mühen, es mit Ödön von Horváth zu sagen: „voraussichtlich unabsehbar.“

Zwölf Lebensjahre, schätzt man, seien von den hauptsächlich mit einem Projekt des Frankfurter Zuschnitts Befassten mindestens zu veranschlagen gewesen für die Zeit zwischen der ersten Idee für einen Museums-Neubau bis zur Grundsteinlegung. Dem Museum für Moderne Kunst war der Beistand des Kulturdezernenten besonders unersetzlich: Er war es, der mit der politischen Durchsetzung des Erwerbs von 64 Werken aus dem Bestand der Sammlung Ströher den Grundstock für eine eigene Sammlung des neuen Museums ermöglichte (und der Stadt damit zu einer der höchsten Renditen ihrer Geschichte verhalf), wie er später den Ankauf mehrteiliger Hauptwerke unter anderem von Joseph Beuys und Gotthard Graubner zu finanzieren sich mit Erfolg eingesetzt hat.

Aber auch Hilmar Hoffmann, so mutig, kühn und so erprobt er war im Umgang mit Hindernissen, hat unvermeidlich sich zuweilen gefragt: Warum das alles, all die Kämpfe, nicht alle gewonnen, um die Ausweitung der Museumslandschaft in unserer Stadt? Wir haben darüber gesprochen. Es ging ihm um die Vorstellung, das Bewahrende, für das Museen Kompetenz beanspruchen gegen die Flüchtigkeit der Zeit und unsere Flüchtigkeit in ihr, zu verbinden mit dem Begriff und der Praxis notwendiger Veränderung, also darum Elemente des Retrospektiven prospektiv zu nutzen.

Das schloss für Hoffmann als Angebot an den Einzelnen im Publikum der Kultur-Einrichtungen den Prozess ein, sich selbst zu sehen wie den fremden Anderen neben sich. Er folgte hier der Überlegung von Karl Jaspers: Veränderung des Bewusstseins durch Institutionen – mit der Konsequenz der Veränderung der Institutionen durch das Bewusstsein.

Eine Erneuerung der Kulturszene

In Frankfurt ist es Hilmar Hoffmann und seinen Mitarbeitern gelungen, nachdrücklich unterstützt von dem Oberbürgermeister Walter Wallmann und dessen Nachfolgerin Petra Roth, das Vorhaben der reflektierten Erneuerung einer Kulturszene weitgehend Realität werden zu lassen. Beispielhaft für das ganze Land. Man blickte auf diese Stadt und den erstaunlichen Vorgang ihrer Verwandlung – nicht zuletzt verblüfft ob eines Kulturetats, mit zeitweilig mehr als phantastischen zehn Prozent des städtischen Gesamthaushalts, unter den europäischen Kommunen vergleichslos.

Es bilde „sich ein Charakter in dem Strom der Zeit“, so eine der Leonoren in Goethes „Tasso“. Hilmar Hoffmanns Prägung war von dieser Art. In seinem letzten von schier unglaublichen fünfzig Büchern, die er publiziert hat, „Generation Hitlerjugend“, dem sehr persönlichen Rückblick auf die frühe eigene Verführung durch das Nazi-Regime und dann der Beschreibung seiner Läuterung durch die unmittelbare Erfahrung des Krieges an der Westfront, wird durchgängig erkennbar, wie alle Phasen seines späteren Lebens bestimmt waren von der Absicht, mitzuwirken an der Entwicklung und dem Erhalt einer freien, gerechten, lebenswerten Gesellschaft.

Es war dieser Impuls, der ihn der englischen Besatzungsmacht empfahl, ihn mit zweiundzwanzig in Oberhausen zum Leiter des British Information Center, „Die Brücke“, zu berufen. Eine Haltung zu haben und zu zeigen, als Demokrat – das hat ihn ausgezeichnet. In kritischen Momenten der Oberhausener Kurzfilmtage, die unter seiner Leitung überregional erfolgreich wurden, wie auch in der Arbeit in Frankfurt, und nach 1990 als Direktor des Goethe-Instituts mit dessen internationalem Wirkungsfeld. Eben: „Charakterbildung in dem Strom der Zeit“.

Was ist zu lernen von dieser Lebensleistung? Wir sehen, wieviel an gesellschaftlichem Zusammenhang zersplittert, erleben die Brüchigkeit von für stabil und verbindlich gehaltenen Systemen der Entwicklung von Verständigung als wesentlicher Bedingung jeder Gemeinschaft. Kann wirklich Hoffmanns Parole „Kultur für alle“, mit der er selbst nach anfänglichem Enthusiasmus, als er das darin enthaltene Risiko der Nivellierung erkannte, vorsichtiger umging, dagegen halten? Er hat den Künsten es zugetraut, gesellschaftsbildend wirken zu können. Aber sind nicht Zweifel angebracht, Kunst, die aktuell selber viele Symptome des Zerfalls zeigt, ihrem Anspruch auf Autonomie entgegen derart in die Pflicht zu nehmen?

Fragen – durch die Gründung der Räume für die Kunst hat Hilmar Hoffmann in hohem Maß dazu beitragen, dass wir sie überhaupt stellen und vielleicht sogar Antworten versuchen können. Nur wie’s euch gefällt, gehts dabei nicht mehr. Und verschenkt wird nichts. Es liegt an jedem von uns, selbst sich Klarheit zu verschaffen und die Anstrengung der Verständigung, es ist eine Arbeit, auf sich zu nehmen. Mit der Haltung gegen jede Form von Menschenverachtung, dem Mut, der Offenheit, der Zuwendung Hilmar Hoffmanns.

Er hat sein erwachsenes Leben beispielhaft gesellschaftlichen Zielen verpflichtet. Für Frankfurt am Main und die deutsche Kulturlandschaft war er ein Glück; wirklich ein Glück.

Dafür schulden wir ihm Dank; von länger her, auf lange hin.

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