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Die Aussischt auf viel Geld kann blind und betrunken machen.

Geldanlage in Zeiten der Krise

Die Biester laufen einfach nicht

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Ein betroffener Blick auf unsere Finanzlage. Von Regine Sylvester

Hinterher ist man immer schlauer. Vorher gehen Paare nachher unglückliche Ehen ein, man kauft einen Gebrauchtwagen mit verdeckten Schäden, bucht das falsche Hotel, schließt Freundschaften, die mit Enttäuschung enden. Jeder macht Fehler. Niemand kann hellsehen. Außerdem neigen Menschen dazu, von ihren Entscheidungen eine Verbesserung des eigenen Lebens zu erhoffen. Weshalb denn sonst sollte man überhaupt Entscheidungen treffen?

Warner und Mahner werden oft der Panikmache bezichtigt. Wir mögen sie nicht. Sie verderben die gute Stimmung - umso mehr, wenn die sich ausbreitet und auf Erfolge verweisen kann. Zum Beispiel auf Geld. Auf viel Geld. Die Aussicht auf sehr viel Geld kann blind und betrunken machen. Ich kenne das Gefühl der Verlockung. Es hat mich angesteckt, wie viele. Und die Finanzmärkte auf unserem Planeten verloren deshalb jedes Maß.

Eigentlich sollten sie nur Mittel zum Zweck sein: Ressourcen bereitstellen und Risiken managen, damit die Wirtschaft florieren kann. Die Banken sollten Geld beschaffen, Geld verleihen und mit Gewinn zurückbekommen. Das klassische Prinzip hat lange funktioniert.

Bis ein paar Zauberlehrlinge von der Wall Street, führend war eine Frau, eine Idee hatten: Banken verkaufen die Kredite ihrer Kunden an Dritte weiter, an Zweckgesellschaften. Damit verschwinden die Kredite aus der Bankbilanz, sie kann neue Kredite vergeben. Die Zweckgesellschaften bündeln die Kredite und verkaufen die Schulden fremder Leute als Wertpapiere weiter. Und die Käufer verkaufen sie auch wieder. Jetzt dreht sich ein großes Rad. Das Geschäft wird undurchschaubar und riskant. Alle wollen mitverdienen. Faule Kredite werden unter sichere gemischt. Ratingagenturen geben falsche Einschätzungen. Geld soll mit Geld verdient werden, nicht mit Waren. Und manche Leute werden tatsächlich sehr reich.

In dieser Epoche verneigt sich der Kapitalismus vor dem freien Markt und seinen Selbstheilungskräften. Der Staat gibt die Kontrolle ab und hebt ohne Not immer mehr Beschränkungen im Geldhandel auf - auch der deutsche Staat unter Rot-Grün. Bundespräsident Horst Köhler spricht 2004 von einem "alles durchdringenden Regulierungseifer". In den Medien wetteifern die Vertreter des regellosen Kapitalismus um die sorglosesten Prognosen. Hans-Werner Sinn, den unsere größte Boulevard-Zeitung damals "Deutschlands klügsten Wirtschaftsprofessor" nennt, spricht von einer notwendigen Kulturrevolution.

Aber alle Dinge gehen nur so lange gut, bis sie nicht mehr gut gehen.

Nach und nach läuft die Sache international aus dem Ruder. Der unkontrollierte Kapitalismus - vom Maximalprofit getrieben, rücksichtslos gegen die Natur und schwächere Länder, erfinderisch in immer riskanteren Finanzprodukten, abgezockt durch Hasardeure - dieser moderne Kapitalismus ist verrückt geworden. Jetzt, Anfang 2009, röchelt ein Gespenst, das von allein nicht mehr auf die Beine kommen kann.

Es gab Leute, die die Entwicklung vorhergesagt haben. Eigentlich wäre das auch für Wirtschaftslaien nicht unmöglich gewesen. Man hätte sich wenigstens wundern können über die unglaublich leichte Vermehrung des Geldes. Zahlen dazu gab es: Die Geldmenge hat sich in den letzten dreißig Jahren mehr als vervierzigfacht, die Gütermenge nur vervierfacht. Man hätte seinen Verstand einschalten können, wie der New Yorker Ökonom Nouriel Roubini, der lange vorher die Immobilienkrise aufkommen sah. Oder wie der alte Ausnahme-Investor Warren Buffett: Auf dem Höhepunkt der Euphorie bezeichnete er Finanzderivate - eine besonders riskante Klasse von Wertpapieren - als "finanzielle Massenvernichtungsmittel. Sie bergen Gefahren, die im Augenblick zwar verborgen, potenziell jedoch todbringend sind". Diese Männer konnten nicht hellsehen, sie waren nur hellsichtig und skeptisch. Man hat sie verspottet.

In der Zeit gab es eine sehr genaue Reportage , der Spiegel veröffentlichte im November seine bisher längste Titelgeschichte: "Das Kapitalverbrechen". Sie erzählt, wie seit 1995 finanzielle Fehleinschätzungen zusammenwirkten, mit desaströsen Folgen für die ganze Gesellschaft und auch für diesen Einzelfall: Ein Familienvater kämpft jahrelang verzweifelt um sein verschuldetes Haus. Inzwischen gehört es einem dazwischen geschalteten Dienstleister der Deutschen Bank, die steckt da längst auch drin. Der Mann fragt den Berater am Telefon, wie er die Schulden abtragen solle, und der sagt: "Keine Ahnung, hör doch auf zu essen."

Heute verlieren jeden einzelnen Tag etwa 10 000 Amerikaner ihre Häuser, viele ziehen in riesige Zeltstädte. Im US-Hypothekenmarkt stehen elf Billionen Dollar Kredite aus, das entspricht fast der Wirtschaftsleistung des Landes.

Ein Freund hat mir ein Buch geschenkt: "Der Crash kommt. Die neue Weltwirtschaftskrise und wie Sie sich darauf vorbereiten" von Max Otte. Es erschien 2006, ich habe es leider eben erst gelesen. "Die Unternehmensqualität hat nichts mit dem Kurs der Aktie zu tun, denn dieser wird durch irrationales Verhalten bestimmt. Hüten Sie sich vor allem vor Börsenprognostikern", schreibt er. Oder: "90 Prozent des Anlageerfolgs bestehen darin, die eigenen Emotionen unter Kontrolle zu halten." Eigentlich schreibt der Autor lauter Sachen, auf die ich selber hätte kommen können. Bin ich aber nicht.

Als ich neu in den Westen kam, bot mir ein Westberliner Bekannter eine Geldanlage an. Herr K., ein gutmütiger Teddy-Typ und SPD-Mitglied, hatte früher als Dozent an der FU Berlin gearbeitet. "Zwölf Prozent Zinsen!", sagte er. Mein Geld würde in der prosperierenden Baubranche arbeiten, zu der er gute Beziehungen pflegte. Ich solle diesen Tipp nur an enge Freunde weitergeben, denn die Sorge um unsere Geldanlagen sei sein ganz persönlicher Beitrag zur Wende. "Ich sehe das als eine soziale Tat für den Osten", sagte er.

Ich war gerade arbeitslos geworden und gab ihm mein Erspartes, das er sich bei mir zu Hause abholte. Später, als er nicht mehr ans Telefon ging, erfuhr ich, dass halb Westberlin zu seiner Klientel gehörte, und dass einige dieser Leute auf frische Gelder aus dem Osten hofften, damit wenigstens sie noch, die Westler, ihren Einsatz zurückbekämen. Den Letzten beißen die Hunde.

Vier Geschädigte verklagten ihn. Ich erfuhr zu spät von dem Prozess, bot mich aber als Zeugin an und wurde nicht gehört. Vor Gericht bereute der Mann - erst da erfuhr ich, dass es nur in diesem einen von mehreren Verfahren gegen ihn um 1,4 Millionen Mark ging: Viele Ostler hatten ihm vertraut, auch Bekannte von mir. Der zerknirschte K. bekam Bewährung. Seine Villa hatte er schon lange vorher auf seine Frau überschrieben. Sie hatten eheliche Gütertrennung und er gesperrte Konten. Bei ihm war nichts mehr zu holen.

Zwei Jahre später blätterte ich in einem Gutscheinheft vom "Tag der offenen Tür". Unter anderem gab es eine kostenlose Vermögensberatung. Ich hatte wieder ein bisschen was angespart, eine Beratung könnte nichts schaden. So trat Herr S. aus einem Büro in der Charlottenburger Eisenzahnstraße in mein Leben. Sein roter Sportwagen hätte mich misstrauisch machen sollen. Wir saßen oben im Café Kranzler. Herr S. sagte, es sei wichtig, mit Gewerbe-Immobilien für das Alter vorzusorgen und zeigte schräg über die Straße: "Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Anteil am KaDeWe!"

Verkauft hat er mir einen Anteil an einem SB-Markt in Halle. Ich zeigte den Vertrag einem Kollegen, mit dem ich in der Wochenpost zusammenarbeitete. Er kam aus dem Westen und schrieb in der Wirtschaft. Er war entsetzt und entdeckte außerdem, dass der Vertrag einen Monat vordatiert war, also von Beginn an außerhalb der Kündigungsfrist lief. Ich bestellte Herrn S. unter einem Vorwand in die Redaktion. Der Kollege konfrontierte meinen Vermögensberater mit dem falschen Datum. Herr S. zerriss den Vertrag mit hochrotem Kopf. Er brüllte, dass er von mir menschlich enttäuscht sei und verschwand.

Wieder zwei Jahre später übergab ich einem guten Nachbarn Geld. Das sollte bei Geschäften mit Italienern Gewinn bringen. Er selbst und sein Freund Hans hatten bereits mehrmals höhere Summen investiert. Immer war alles gut gegangen. Der mir unbekannte Hans wollte sich mit den Italienern wieder im Grenzgebiet treffen. Am späten Abend desselben Tages trat der Nachbar bleich in meine Küche und berichtete Folgendes: Die Italiener hätten diesmal eine Pistole dabeigehabt, Hans aus dem anfahrenden Auto geworfen und unser Geld mitgenommen. Aus die Maus.

Für meine Dummheit und Gier bin ich bestraft worden. Ich weiß, dass diese Geschichten gegen mich sprechen. Aber sie können auch als Beispiele dafür gelten, wie naiv, wie unbeleckt viele aus dem Osten in Finanzangelegenheiten waren. Die Vermehrung unserer Ostmark lief bis zur Wende über sparsames Verhalten und drei Prozent Zinsen.

Etwa 1997 beschloss ich, mein Geld nur noch in professionelle Hände zu geben. Ein Kollege vom Spiegel hatte mir überzeugend erklärt, dass Geld arbeiten muss. Es war die Zeit, als man viel über Aktien sprach.

"Einen Kaffee, Frau Sylvester?", fragte die Frau von der Bank, bei der ich nun Kundin geworden war. "Danke gern."

Ich orderte mit Vernunft. Über SAP hatte ich eine Reportage gelesen - weltweite Logistik als innovative Software, das überzeugte mich. Woanders stand, wie eine moderne Datenleitung zwischen England und Japan verlegt wurde. Danach kaufte ich die erste Internetaktie. Mein Depot entwickelte sich gut, manchmal folgte sogar die Bankangestellte meinen Entscheidungen mit Vertrauen und ihrem privaten Geld.

Der Neue Markt verlockte jetzt viele Leute. Ich wartete hinter einer Greisin am Bankschalter, sie wollte eine neue Aktie kaufen - "die heißt so ähnlich wie Finnland". Sie meinte und kaufte dann Infineon.

Die Aktien am Neuen Markt stiegen. Ich kaufte weiter - eine Aktie, Cinemedia, auf Empfehlung des Magazins Focus: "Der Ferrari der Börse." Viel später würde ich diese Aktie mit 95 Prozent Verlust verkaufen.

Aber damals machte man gerne imaginäre Rechnungen auf: Wer vor zehn Jahren bei Cisco 8000 Mark angelegt hätte, besäße heute 1,4 Millionen. Wir redeten im Konjunktiv. Entfernte Bekannte gaben ihre feste Arbeit auf und arbeiteten nun als "Daytrader". Sie saßen Tag und Nacht am Computer und studierten die Charts. Sie blickten auf zittrige Kurven, und wenn die irgendwelche Linien berührten, griffen sie mit Käufen und Verkäufen in den Welthandel ein.

Silvester 2000 feierte ich mit einem Kollegen am Brandenburger Tor. Auf dem Hinweg sprachen wir vertrauensvoll über unsere Aktien. Ich hatte mit EM.TV große Gewinne gemacht, jedenfalls auf dem Papier. "Denke an dein Alter", sagte der Kollege. "Diese Aktie darfst du nie verkaufen."

Am 10. Mai 2000 fuhr ich an die Ostsee und kümmerte mich um nichts. Am 20. Mai kam ich zurück und hörte zum ersten Mal von einer geplatzten Blase. Alle Aktien waren in den Keller gegangen. Ich beschloss abzuwarten, denn die Empfehlung der Analysten lautete: "Füße stillhalten." EM-TV halte ich immer noch, sie heißt jetzt nur anders. Seit Jahren ist sie im tiefen Minus mein Aktiengespenst.

160 Milliarden Euro verloren allein die Deutschen in den Jahren 2000 und 2001 an der Börse. Ich hatte daran nur einen kleinen Anteil. Und wenigstens habe ich niemals Schulden gemacht.

Ab jetzt wollte ich nur noch in ganz sichere Anlagen investieren und so für mein Alter vorsorgen. Ich wollte nach den Regeln des Westens leben lernen.

"Noch einen Kaffee?", fragte meine Bankfrau. Jahrelang folgte ich ihren Empfehlungen. Sie war vom Fach. Sie war nett.

Solche Szenen kannte ich aus der Fernseh-Werbung: Ehepaare oder größere Familien sitzen vor einem netten Bankberater, und wenn sie nach dem unterzeichneten Vertrag aus seiner Tür treten, springen sie vor Freude in die Luft.

Die Bank Ihres Vertrauens. Wir machen den Weg frei. Überlassen Sie uns Ihre Geschäfte. Leben Sie, wir kümmern uns um die Details. Das Grüne Band der Sympathie. So waren die Sprüche. Sie rieten dem Kunden zu Sorglosigkeit.

Aber - das muss man sich wirklich merken - der Bankberater ist ein Verkäufer.

Er verkauft zum Beispiel Steuersparmodelle, die das beim Finanzamt Gesparte durch die Hintertür in sein Haus tragen. Die Bank will nur mein Bestes, sie will mein Geld. Der Angestellte steht selber immer unter Druck. Bei jedem Neukauf kassiert die Bank Provision. Bei jedem Verkauf kassiert sie auch. Und sogar wenn mein Geld ganz still auf dem Ertragskonto ruht und wirklich keinem Menschen Arbeit macht, zahle ich Depotgebühr. Fonds kosten die ganze Laufzeit Verwaltungsgebühr, dieses Detail wird nicht genau kenntlich gemacht. Wenn eine Aktie mit ihrem Kurswert am Abnippeln ist, muss trotzdem die jährliche Depotgebühr bezahlt werden. Dann ist es manchmal besser, sie ganz ausbuchen zu lassen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich das alles begriffen habe.

In meinem Depot herrscht viel Verkehr. Ich frage meine Bankfrau, warum ich einen bestimmten Fonds nach kurzer Zeit schon wieder verkaufen solle. "Die Biester laufen nicht", sagt sie. Dieser Spruch begleitet uns jahrelang. Sie empfiehlt mir einen anderen, einen besseren Fonds. Ich kenne die Börsenweisheit: "Hin und her - Taschen leer!" Aber es gibt so viele Sprüche. Manche widersprechen sich: "Kaufe, wenn alle verkaufen" passt nicht zu "Greife nie in ein fallendes Messer." Ich bin ein kleines Licht und vertraue dieser Frau.

Vertrauen wird verschenkt. Vertrauen ist eine soziale Währung. Ich handle so, als werde alles gut. Ich kann nicht kontrollieren, ob der Busfahrer nüchtern zu seiner Schicht angetreten ist. Oder ob mein Autoschlosser alle verabredeten Arbeiten ordentlich erledigt hat. Ich habe zu wenig Zeit, um jede Zinszahlung nachzuprüfen. Der Handwerker muss mir vertrauen, dass ich seine Rechnung bezahle. Wenn nur jeder Siebente, von Misstrauen getrieben, zu seiner Bank oder Sparkasse liefe, um sich alle seine Ersparnisse auszahlen zu lassen, bräche das ganze Zahlungssystem zusammen.

Aber der Vertrauensbeweis geht davon aus, dass der Busfahrer, der Autoschlosser, der Zinsenausrechner in einem System arbeitet, das seine Leute kennt und kontrolliert. Deshalb gibt es Sicherheitsinspektoren, Steuerfahnder, Wirtschaftsprüfer, Gesetze, schließlich Gerichte. Und niemand darf sich selbst kontrollieren.

Eigentlich. Und dann versagen alle Systeme und lassen 1995 einen Angestellten der Barings Bank, Nick Leeson, 1,4 Milliarden Dollar unbeaufsichtigt verspekulieren. Er hatte mit extrem riskanten Wetten auf die Börse in Tokio gesetzt, dann kam des Erdbeben von Kobe, danach verzockte er sich noch weiter. "I'm sorry", schrieb Leeson auf einen Zettel, bevor er flüchtete. Danach diskutierte die aufgeschreckte Bankenwelt über strengere Kontrollen.

Viel ist wohl nicht dabei herausgekommen. Gerade jetzt flog die New Yorker Börsengröße Bernard Madoff auf, mit 50 Milliarden Dollar der bisher größte Anlagebetrüger. Er bezahlte seine ersten Investoren mit dem Geld späterer Investoren. Ein Schneeball-System, so ähnlich funktionieren diese idiotischen Ketten-Mails mit Geldversprechen. Auch in Madoffs Fall gab es einen Warner. Schon 1999 hatte ihn ein Anlageexperte bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC angezeigt: Madoffs Renditen, unverändert hoch auch in schlechten Börsenjahren, erschienen ihm irreal. Die Börsenaufsicht glaubte dem Mann nicht. Niemand sah genauer nach. Es vergingen zehn Jahre. In dieser Zeit wurde die Zahl der Mitarbeiter in der Abteilung Risikomanagement der SEC reduziert - am Ende blieb von hundert einer übrig. Der einsame Mitarbeiter sollte die Risiken des Kredit-Universums im Auge behalten, in dem inzwischen Billionen bewegt wurden.

50 Milliarden Dollar. Wie kann so eine Schuldsumme anwachsen? Durch Bilanzen rutschen, in Verneblungen durch grandiose Selbstdarstellung verschwinden? Das ganze Ausmaß des Schwindels ist noch nicht einmal bekannt. Zu lesen war, dass berühmte Leute zu den Geschädigten gehören, es fielen die Namen des Regisseurs Steven Spielberg und des Vorstandschef von Dreamworks Animation, Jeffrey Katzenberg.

Viele Leute, die mehr von Geld verstehen als unsereiner, haben in letzter Zeit enorme Verluste gemacht: Die Universität von Harvard, die auch für ihre Anlagepolitik einen guten Ruf genießt, verlor 2007 mit einem unrentablen Fonds um die 800 Millionen Dollar. Die Nobel-Stiftung - sie vergibt auch den Nobelpreis für Wirtschaft - beteiligte sich an Hedgefonds und muss nach schwedischen Zeitungsberichten mit 30 Prozent Verlust ihres Vermögens rechnen. Der TV-Börsenkorrespondent Markus Koch hat 30 Prozent seines Vermögens verloren. 21 Banken in den USA gingen in Konkurs. Die Krise trifft die Reichen und die Armen.

Die großen Staaten schnüren Rettungspakete und müssen andere Aufgaben zurückstellen. Im Jahr 1789 schrieb Thomas Jefferson, der dritte amerikanische Präsident und Hauptverfasser der Unabhängigkeitserklärung: "Keine Generation darf mehr Schulden aufnehmen, als sie während der Zeit ihrer Existenz zurückzahlen kann."

Heute machen Regierungen riesige Schulden auf Kosten der nächsten Generationen. Aber das unbekümmerte Kontoüberziehen hat sich in der ganzen Gesellschaft ausgebreitet, besonders in der amerikanischen: Schulden sind Lebensstil. Das Jonglieren mit einem Dutzend Kreditkarten ist verbreitet, jeder kauft auf Pump, gespart wird fast gar nichts.

Ein anderes Beispiel: Die Menschheit hat viel Zeit gebraucht, um das Nomadentum zu überwinden und zu erkennen, dass die Ansässigkeit an festen Orten soziale Bindungen und Wohlstand bringt. Die heutige Forderung nach permanenter Mobilität der Arbeitskräfte züchtet wieder Nomaden. Sie schleudert den Einzelnen aus dem vertrauten Umfeld, verändert Lebenspläne und soziale Strukturen. Jeder soll für sich selber sorgen, dahin gehen, wo er Geld verdienen kann, und dabei so billig wie möglich sein.

Aber jeder stimmt nun auch wieder nicht. Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, wurde in einem Interview gefragt, ob er denn wirklich 14 Millionen Euro verdienen müsse. Ob ihm nicht auch sechs oder sieben reichten. Er selber käme sogar mit viel weniger aus, antwortete Ackermann. Aber diese jungen hungrigen Männer in seinem Haus verlören allen Respekt vor ihm, wenn er sich mit weniger Geld zufrieden gäbe, als er rausholen könne.

Nur Geld ist der Maßstab für Respekt. Wessen Respekt? Mit welchem Ergebnis?

Nur mit sehr viel Geld - so sprachen die deutschen Experten - können die Top-Manager zum Bleiben bewegt werden. Man muss sie immer bei Laune halten. Sonst sind sie weg. Inzwischen könnten man diesen und jenen Verlust wohl verschmerzen. Jeder Einwand gegen extrem hohe Einkommen wurde mit dem Vorwurf des Sozialneids vom Tisch gewischt. Der Reiche wirft dem Armen niedrige Beweggründe vor. Das Wort Sozialneid macht das menschliche Bedürfnis nach mehr Gerechtigkeit verächtlich. Der verächtlich Gemachte verliert die Hoffnung auf Besserung.

Es ist eine traurige Geschichte. Nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte leidet die Wirtschaft - bis zum kleinsten Zulieferer setzt sich das Elend fort und trifft auch ganz seriöse, ehrliche Firmen. Entlassene Broker entlassen ihre Putzfrauen und Hausmeister. Weil die Pensionsfonds einkrachen, müssen amerikanische Senioren wieder arbeiten gehen - sie waren auf private Vorsorge angewiesen und ihre Geldanlagen sind jetzt verloren. Den höchsten Preis aber zahlen die armen Länder.

"Noch einen Kaffee?"

"Ja, bitte."

Ich bin wieder bei meiner Bankfrau. Die Stimmung ist frostig, aber wir wahren die Form. Inzwischen habe ich nicht nur Geld verloren, ich besitze zu meiner Überraschung extrem riskante Papiere, unter anderem "Exotische Zertifikate" - allein dieses Wort hätte mich vom Kauf abgeschreckt. Es ist nur nie zwischen uns gefallen. Es stand auch nicht in den Kaufbestätigungen. Ich weiß das jetzt, weil ein Geldinstitut, zu dem ich wechseln möchte, zuerst eine Analyse meiner Anlagen machte und zu bestürzenden Ergebnissen kam. Dieses andere Haus hat mich auch auf das in den Papieren weiter hinten sehr Kleingedruckte aufmerksam gemacht - auf Einschränkungen, eventuell längere Laufzeiten, eventuell viel niedrigere Zinsen, Ausschluss des Aussteigens.

Das alles trage ich nun vor. Die Frau, die ich so lange kenne, sitzt ganz steif auf ihrem Stuhl und sagt immer nur einen Satz: "Das haben wir uns alles anders gedacht."

Dies ist die gekürzte Fassung eines Textes, der am 27.12.2008 in der Berliner Zeitung erschienen ist.

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