Bewegte Skulptur

Der japanische Bach-Spezialist Masaaki Suzuki im Kloster Eberbach

Von Tim Gorbauch

Vor etwas mehr als 20 Jahren galt das noch als eine Sensation. Johann Sebastian Bach, Urform deutsch-protestantischer Musik, gespielt von einem Spezialensemble aus Fernost. 1990 gründete der Cembalist, Organist und Dirigent Masaaki Suzuki das Bach Collegium Japan, ein Exot der Originalklangbewegung, mit altem Instrumentarium, aber breitem Strich.

Suzuki, der fließend deutsch spricht und einer der wenigen japanischen Protestantenfamilien entstammt, wollte nie die Rolle des Revolutionärs oder Bilderstürmers einnehmen. Von außen her, sehr still und unaufgeregt, näherte er sich der Weltspitze. Wo andere polarisierten oder Extrempositionen ausloteten, suchte er, ganz altmodisch, nach Vollkommenheit. Von Karl Richters epochaler, aber eben auch in die Jahre gekommener Einspielung der h-moll-Messe sagte er einmal, sie habe ihm „klar gemacht, wer Bach überhaupt ist“.

In der Nische zwischen Richter, der Bach als Heiligtum verehrte, und Gardiner, Koopman und den anderen Originalklangerneuerern, die lustvoll den Staub aus den Barock-Perücken schüttelten, ist Suzuki zu Hause. Das kann zu großen Momenten führen, wie ganz zu Beginn der Matthäus-Passion, mit der das Bach Collegium Japan nun in der Basilika von Kloster Eberbach zu Gast ist, ihrem Debütkonzert beim Rheingau Musik Festival. Der Eingangschor, „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“, gelingt wundervoll. Ein von innen gefüllter, durchhörbarer und zugleich immens präsenter Klang, eine bewegte Skulptur gewissermaßen, balancierend auf dem schmalen Grat zwischen der Wirkkraft einer Kathedrale und dem Urvertrauen in die stille, innere Ordnung.

Doch das Niveau können die Japaner nicht halten. Die Scheu vor dramatischen Kontrasten, die sofort spürbar wird, wenn Suzuki die Volkschöre zähmt, ist bald nämlich keine Frage mehr der interpretatorischen Haltung, sondern auch eine von Ordnung und Architektur. Die Choräle treten kaum mehr als Ruhepol in Erscheinung, vieles klingt gleichförmig, manchmal sogar seltsam gleichgültig, obschon umgekehrt anderes, der Name Barrabam etwa, extrem herausgestellt wird.

Und so werden die 200 Minuten inklusive Pause doch recht lang, und nicht einmal die Erfahrung eines Peter Kooij (Jesus) und Gerd Türk (Evangelist) und nicht einmal der blühende Schönklang von Robin Blazes Altstimme können daran etwas ändern.

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