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Dort im Turm wohnte der „arme Hölderlin“.

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Bewandert - Die Feuilleton-Kolumne

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Er war außergewöhnlich begabt, bewandert auch in Versformen. Die Feuilleton-Kolumne.

Schau, spricht der Knabe, und er tut es bei Wilhelm Waiblinger, wortwörtlich. Schau, Wanderer, so spricht er, und denkt dabei nicht mehr an Deutschland, denn es hat den jungen Autor (in seiner Fantasie) nach Griechenland verschlagen, unter dorische Säulen, alte Triglyphen, in die Welt von Tempeln, in eine andere Welt, eine, die bereits 1823 älteren Datums ist.

Ein Sprung durch Zeit und Raum, vom antiken Griechenland in das neue Griechenland, in die Gegenwart Waiblingers, der an seinem Pult in Tübingen sitzt, um von hier aus abzuschweifen, in eine alles andere als heitere Gegenwart: „Wohin ich blicke,/ Alt vermorschtes Gestein,/ Über einander geworfen,/ Gestürzte Säulen,/ Regellos zu Schutt und Trümmer/ Schaurig aufgehäuft,/ Schwarze, gebrochne Reste,/ Wildwechselnd getürmt,/ Aufragend in düster’m Grau./ Aus jungem, keimendem Gras.“

Verse eines 18-Jährigen. Wilhelm Waiblinger war außergewöhnlich begabt, jonglierte nicht nur mit Jambus oder Daktylus, er war bewandert in den ambitioniertesten Versformen, auch mit dem Hexameter stand er auf gutem Fuß. Hier wählte er ein ganz bewusst schlichtes Metrum. Seine „Lieder der Griechen“ trug er den Kommilitonen vor, er fand in Friedrich Franck 1823 einen Verleger, der die 58 Seiten veröffentlichte. Keimendes Gras war das Stichwort, bei dem wir oben unterbrochen wurden – deshalb hier noch: „Das all’ hat/ Gestürzt die Zeit!“

Die literarische Welt befindet sich in diesem Jahr im Hölderlinjahr, was auch mit Wilhelm Waiblinger ein wenig zu tun hat, weil dieser literarische Kontinent Waiblinger die erste Hölderlinbiografie verdankt. 1828 wurde sie veröffentlicht, nachdem er den Dahindämmernden „armen Hölderlin“ jahrelang im Tübinger Turm besucht hatte, erstmals im Jahr 1823, über den Zeitraum von fünf Jahren hinweg, mit Unterbrechungen, doch immer wieder, solange Waiblinger nicht mal wieder weg war, Richtung Italien.

Die Griechenlandleidenschaft des wilden Wilhelm Waiblinger, der immer ein junger Autor blieb, weil er bereits mit 25 Jahren starb, 1830, in Rom, ist in aller Regel mit der Griechenlandbegeisterung Friedrich Hölderlins in Verbindung gebracht worden. Es bestand tatsächlich eine große Abhängigkeit und zugleich eine gewisse Autonomie im Werk Waiblingers – auch in „Lieder der Griechen“, in denen der Autor pathetisch den Freiheitskampf der Griechen gegen die osmanischen Unterdrücker besang. Neben Versen der historischen Entrückung hochaktuelle Schlachtenlyrik, schaurig.

Es gab Zeiten, da wurde über die Schaffenszeit Wilhelm Waiblingers das Schildchen literarischer Biedermeier geklebt. Mit Waiblinger bewandert, darf man das als einen bieder(meierlich)en Aufkleber bezeichnen.

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