Digitale Texte entstehen wie Beuteltiere: Einen im Netz erscheinenden Text kann man veröffentlichen, während er noch ganz nackt und rosa ist.

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Beuteltexte

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Wann ist Geschriebenes eigentlich fertig? Etwa, wenn es einem Känguru ähnelt? Gute Frage!

Ein Kängurubaby wiegt bei der Geburt weniger als ein Gramm. Es ist nackt und blind, ungefähr so groß wie ein Gummibärchen, und kann gar nichts, außer im Fell seiner Mutter nach oben klettern, bis es den Beutel erreicht. Dort verbringt es die nächsten sechs bis acht Monate. Die Plazentatiere, zu denen auch die Menschen gehören, lösen dieselbe Aufgabe anders als die Beuteltiere: durch eine lange Tragzeit. An deren Ende gebären zumindest einige Arten ein Lebewesen, das nach einem kurzen Moment der Verwirrung aufsteht und sich schon beinahe erwachsen benimmt.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Digitale Texte entstehen wie Beuteltiere: Einen im Netz erscheinenden Text kann man veröffentlichen, während er noch ganz nackt und rosa ist. So läuft es zum Beispiel bei Wikipedia-Einträgen. Hier kann man auch gleich sehen, dass ich mit der Beschreibung „digital“ oder „im Netz erscheinend“ eine Abkürzung genommen habe, denn auch Nupedia, die Vorläuferenzyklopädie der Wikipedia, war ebenfalls digital und erschien im Netz, folgte aber nicht dem Beuteltierkonzept: Alle Beiträge wurden vor der Veröffentlichung von Fachleuten begutachtet. Am Ende erblickte kein rosa Wurm, sondern ein fertiger Beitrag das Licht der Welt, genau wie man es auch für ein gedrucktes Buch gemacht hätte.

Nupedia ging nach nur 25 Beiträgen wieder ein, Wikipedia erwies sich als sehr erfolgreich. Das bedeutet nicht, dass die Beuteltierstrategie generell die überlegene ist. Man kann das schon daran ablesen, dass Beuteltiere außerhalb Australiens nicht so häufig vorkommen. Es ist nur unter bestimmten Umständen eine günstigere Strategie. Für das Beuteltier bietet sie unter anderem bei unregelmäßig auftretenden Dürreperioden Vorteile.

Ein unvollständiger, aber vorhandener Text ist in vielen Fällen nützlicher als ein ausführlicher, an den man gerade nicht herankommt. Ein frisch angelegter, noch sehr kurzer Wikipediaeintrag ist ja wahrscheinlich nicht falsch, sondern zunächst einmal nur unvollständig. So ein leicht erreichbarer Miniaturbeitrag kann bereits hilfreicher sein als ein ausführlicher, für den man erst einmal eine Bibliothek aufsuchen oder ein Buch kaufen müsste.

Aus der Perspektive der Schreibenden heißt das, dass ein heute veröffentlichtes Fragment für andere nützlicher ist als der durchdachteste Text, der nur im eigenen Kopf existiert oder erst in zwei Jahren erscheinen wird. Oder gar nicht, weil man sich vorgenommen hat, das Thema eines Tages umfassend abzuhandeln, wozu es niemals kommt.

Ob es überhaupt schon genug aufzuschreiben gibt, kann man außerdem selbst ganz schlecht beurteilen, ähnlich wie die Frage, ob man auf Passfotos wie ein überfahrenes Eichhörnchen aussieht oder doch eher wie immer. Was man selbst für unfertige Notizen hält, kann für andere bereits erhellend sein. Außerdem sind Notizen schneller gelesen als dicke Monografien. Es ist besser, wenn die Lesenden denken: „Das hätte ich mir aber ausführlicher gewünscht“, als wenn die Autorin in jahrelanger Arbeit jedes Detail behandelt und alle nach den ersten zwei ermüdend ausführlichen Kapiteln aussteigen. Oder schon beim Betrachten von außen denken: „Viel zu lang, das lese ich später oder nie.“ Ideal wäre natürlich ein Text genau der richtigen Länge und Detailliertheit, aber diese richtige Länge ist generell schwer einzuschätzen und von der Autorin selbst aus dem erwähnten Passbildgrund noch etwas schwerer.

Was in der Geschichte von Nupedia und Wikipedia eine Rolle spielte, ist auch der motivierende Effekt der Veröffentlichung. Wenn ein Text für andere sichtbar ist, motiviert das die ursprüngliche Autorin, ihn weiter zu verbessern. Wenn es die Möglichkeit zur Mitarbeit gibt, können andere dabei mithelfen. Selbst wenn keins von beidem geschieht, ermutigen unfertige Beiträge andere, sich eigene, schlauere Gedanken zum Thema zu machen.

Natürlich sind auch ganz traditionell entstandene und auf Papier gedruckte Texte bei der Veröffentlichung nicht fertig. Der Neurologe Oliver Sacks beschreibt in seiner Autobiografie die Arbeit an seinem ersten Buch im Jahr 1968: Nachdem er das Manuskript beim Verlag abgeliefert hat, schreibt er noch sechs Wochen lang ständig weiter am Buch und schickt die Ergänzungen an William Gooddy, den Autor des Buchvorworts. Gooddy antwortet: „Nein, lassen Sie es. Das Buch ist gut so, wie es ist. Das sind Gedanken, auf die Sie in den nächsten Jahren immer wieder zurückkommen werden.“ Ergänzungen werden dann eben nicht im ursprünglichen Text verstaut, sondern in Folgetexten. Auch diese Kolumne ist eine Ergänzung zur vorletzten, in der das öffentliche Fertigstellen digitaler Texte bereits kurz vorkam. Und es steht sogar noch nicht einmal alles drin, was ich über die Vorteile unfertiger Texte zu sagen gehabt hätte, so dass …

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