Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Alles nur Fake?
+
Alles nur Fake?

Update

Beste Kolumne!!!

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
    schließen

Streit um die Sternchen: Kundenbewertungen im Netz sind doch eh bloß Fake – oder etwa nicht?

Bevor ich mit meiner Mutter ein neues Festnetztelefon kaufen ging, hatte ich natürlich alle Kundenbewertungen bei Amazon durchgelesen. „Auf keinen Fall das Speedphone“, hatte ich mir eingeprägt, denn das fand die Amazon-Kundschaft ein besonders schlechtes Gerät. Ich hätte gar nicht so viel lesen müssen, im örtlichen Mediamarkt gab es sowieso nur drei verschiedene Telefone. „Wenn Sie einen Speedport-Router haben, nehmen Sie am besten das Speedphone“, riet der Verkäufer, „dann gibt es keine Probleme.“ Wir kauften das Speedphone. Es war ein schlechtes Telefon.

In letzter Zeit musste ich mich überraschend oft für meine Gewohnheit verteidigen, Kundenbewertungen im Netz zu lesen. Das sei doch alles gefälscht, sagen meine Gesprächspartner, die eine innigere Beziehung zum lokalen Einzelhandel haben als ich. Ich sage dann, es sei keineswegs alles gefälscht und meine damit: „Ich Internet-Topcheckerbunny kann selbstverständlich erkennen, was die echten und was die falschen Bewertungen sind.“ Das stimmt wahrscheinlich nicht. Schließlich würde es mir nicht schwerfallen, eine falsche Bewertung zu verfassen, die auf Leute wie mich glaubhaft wirkt. Was ich erkenne, sind die „Bestes Produkt von allen!!!“-Bewertungen und die schlechten automatischen Übersetzungen aus dem Chinesischen. Ob unter den authentisch wirkenden Bewertungen weitere Fakes sind, weiß ich nicht.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Mit diesem Unwissen bin ich nicht allein. Die Forschung an Kundenbewertungen steht vor demselben Problem: Niemand weiß, wie groß der Anteil gefälschter Bewertungen ist. Artikel suggerieren das gelegentlich durch Überschriften wie „61 Prozent aller Kundenbewertungen im Netz sind gefälscht“. Geht man den Quellen nach, stellt sich heraus, dass diese vielen Prozente lediglich „auffällig“ waren, zum Beispiel, weil sie Formulierungen enthalten, die auch in anderen Bewertungen auftauchen. ReviewMeta.com ist ein nützlicher Dienst, der Amazon-Kundenbewertungen gründlicher analysiert als Amazon selbst das tut. Man kann dort unter anderem nachsehen, welche mehrfach vorkommenden Formulierungen zu einer Abwertung führen. Oft sind das nur Allerweltsausdrücke wie „die Powerbank ist“ oder „gute Powerbank“. Auch echte Menschen schreiben manchmal sehr einfallslose Rezensionen. In manchen Lebensbereichen lässt sich das Echte klar vom Falschen unterscheiden – Gold oder Katzengold, Medikament oder Placebo, Gespenst oder Mensch mit Bettlaken. Bei Kundenbewertungen gibt es keine eindeutige Diagnose. Allerdings beruhen auch die Empfehlungen menschlichen Verkaufspersonals nicht immer auf Sachkenntnis oder einem Interesse am Telefonierglück unbekannter Rentnerinnen. Und die Unterscheidung zwischen kompetenter Beratung und Eigennutz ist im Einzelhandel genauso schwer wie im Netz.

Das Lesen von Bewertungen erfordert ein bisschen Übung. Insofern tun meine netzfernen Gesprächspartner einerseits gut daran, sie zu ignorieren und täten andererseits noch besser daran, ihre Bewertungs-Lesekompetenzen zu üben. Die bloße Menge der Sternchen bedeutet meistens gar nichts, vor allem dann, wenn ein Anbieter das Produkt mit zwei Fünfsternerezensionen weiter oben anzeigt als das mit 2000 Bewertungen und einem Schnitt von 3,8. „Verifizierter Kauf“ ist leider keine Garantie für die Echtheit einer Bewertung, motivierte Anbieter erstatten Fake-Rezensenten den Kaufpreis. Die Fünf-Sterne-Bewertungen und die Ein-Stern-Bewertungen sind weniger hilfreich als die im Mittelfeld. An den beiden Extremen befinden sich mehr gefälschte Bewertungen (die guten vom Anbieter bezahlt, die schlechten von der Konkurrenz), und auch die echten Bewertungen besonders erboster oder begeisterter Kundschaft sind nicht immer hilfreich. Im Dreisternebereich ist die Chance größer, eine ausführliche Besprechung von Vor- und Nachteilen zu finden. Wenn der jeweiligen Plattform durch irreführende Informationen finanzielle Nachteile entstehen – etwa, weil Waren zurückgesendet werden – investiert man dort wahrscheinlich etwas Zeit und Geld in die Eindämmung falscher Bewertungen. Wenn die Plattform durch Fake-Bewertungen kaum Nachteile oder sogar Vorteile hat, wird man sie allenfalls mit schönen Worten bekämpfen und sich womöglich sogar selbst daran beteiligen. Das ist vor allem dort ein Problem, wo es um Dienstleistungen, Restaurants und Unterkünfte geht.

Der Telefonkauf liegt jetzt vier Jahre zurück. Meine Mutter hat das Gerät satt und wünscht sich eines, das weniger Probleme verursacht. Ich habe sämtliche Kundenbewertungen für Festnetztelefone bei Amazon durchgelesen und ihr mitgeteilt: „Die anderen sind auch alle Mist, nur auf unterschiedliche Arten. Du kannst also einfach bei dem bleiben, das du schon hast. Da kennst du den Ärger wenigstens schon.“ Es ist ein zu wenig beachteter Vorteil von Kundenbewertungen im Netz, wie viel Geld sie dadurch sparen helfen, dass man am Ende einfach gar nichts kauft.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare