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Israels Architektur der Besatzung: Har Homa auf der West Bank.
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Israels Architektur der Besatzung: Har Homa auf der West Bank.

Kritik an Israels Siedlungspolitik

Besatzung als vielschichtiges Gebäude

Architektur ist "in Material gegossene Politik": Eine Begegnung mit Eyal Weizman, einem Kritiker der Siedlungspolitik Israels.

Von Carsten Hueck

Rote Wangen hat er und einen dicken Wollschal um den Hals geschlungen. Eyal Weizman, gebürtiger Israeli, ist mit dem hiesigen Klima vertraut. In London hat er studiert, in Wien war er Professor für Architektur an der Hochschule der Künste. Derzeit ist Weizman Direktor des "Centre for Research Architecture" am Goldsmiths College in London. Einer Art Labor, das der Enkel polnischer Holocaustüberlebender selbst eingerichtet hat. "Dieses Zentrum ist als Herausforderung auf dem Gebiet der Architektur konzipiert. Ich habe mit ihm eine Plattform geschaffen, auf der Ausstellungsmacher, Künstler, Filmemacher und Philosophen zusammenkommen. Das gemeinsame Interesse am Raum verbindet uns, aber nur die Hälfte unserer Mitglieder und Studenten sind Architekten. Es ist ein phantastischer Ort, um über kulturelle Praxis in Form gebauter Realität nachzudenken." Kurz gesagt: Für Weizman sind Politik und Architektur nicht voneinander zu trennen.

Seine Studenten arbeiten dementsprechend an Projekten, die Architekturanalyse mit politischer Aufklärung verbinden. Weltweit, in Dubai, Beirut oder im ehemaligen Jugoslawien. Auch er selbst ist viel unterwegs. Als Ausstellungsmacher und Redner in New York, Berlin, Rotterdam, San Francisco, Malmö, Tel Aviv oder Ramallah. Weizman unterrichtet, hält Vorlesungen, organisiert Konferenzen, engagiert sich in der Menschenrechstarbeit. Seit geraumer Zeit unterhält er mit palästinensischen Partnern auch ein Büro in Bethlehem. Die roten Backen kommen nicht von der Kälte, sondern weil der Neununddreißigjährige aus Haifa, Fan von Thomas Pynchon und John Zorn, unter Strom steht.

Das traditionelle Berufsbild eines Architekten hat mit ihm so wenig zu tun wie ein Büschel frischer Nana-Minze mit einem Pfefferminzbeutel von Teekanne. "Schon als junger Mann habe ich mich immer als Architekt gesehen, mir war nur nicht klar, in welcher Form. Ich wollte aber auf jeden Fall im Ausland studieren."

Weizman - der nicht kommentieren möchte, ob er mit dem gleichnamigen ehemaligen Präsidenten Israels verwandt ist - verließ sein Land gleich nach dem Militärdienst. Er war "Refusenik" geworden, ging erst nach Frankreich, dann zur "Architectural Association" in London. "Architektur wird dort tatsächlich als ausgedehnter Praxisbegriff verstanden. Man erweitert die Grenzen der Profession. Fünf Jahre habe ich studiert, ohne viele Gebäude zu entwerfen. Aber ich habe in der Zeit etliche Bücher geschrieben. Architektur bedeutet für mich, einen Ausgangspunkt zu haben, um politische, soziale und ökonomische Prozesse verstehen zu können. Sie manifestieren sich in gebauter Realität und können so gut beschrieben werden."

2001, während Weizman in Tel Aviv für Museen und Theater arbeitet, dokumentiert er im Auftrag der israelischen Menschenrechtsorganisation "B´Tselem" die Verletzung palästinensischer Rechte durch die israelische Besiedlung der Westbank.

"Ich hatte immer schon sehr starke politische Überzeugungen hinsichtlich dieses Konfliktes. Ich bin kein Zionist. Als Student arbeitete ich für das palästinensische Planungsministerium in Ramallah. Erst habe ich den ganz normalen Bürokram gemacht, bis meine Vorgesetzten merkten, dass ich als Israeli Zugang zu Karten hatte. Meine Haupbeschäftigung war danach, in Bibliotheken und Archiven Landkarten zu besorgen. Plötzlich begriff ich etwas von der Macht der Landkarten."

Seit den 1990er Jahren hat sich in Israel der politische Diskurs über Zionismus und Besatzung stetig verändert. Er wurde zunehmend kritischer. "Wie waren damals stark von Edward Saids Thesen beeinflusst. Sie schrien danach, das Verständnis israelischer Kolonialisierung auf die physisch geschaffene Realität zu übertragen. Es gab viele regionale und urbane Studien, um räumlich über den Konflikt nachzudenken. Eines meiner ersten Projekte war das Zeichnen einer Karte der Westbank. Ein Teil vieler Aktivitäten, den Konflikt als Prozess von Enteignung und Kolonialisierung darzustellen. Linien zu ziehen, auf dem Papier oder am Computer, ist die normale Arbeit eines Architekten. Aber der Verlauf einer Linie kann den Bruch eines Gesetzes oder ein bürokratisches Verbrechen verdeutlichen." Die Landkarte, die Eyal Weizman für "B´Tselem" anfertigte, war die erste ihrer Art. Sie zeigt Dimension und Planung der israelischen Besatzung. Noch heute wird sie von NGOs und internationalen Organisationen verwendet. Weizmans neuestes Buch trägt den Titel "Sperrzonen. Israels Architektur der Besatzung". Es ist eine dezidierte Herausforderung des israelischen Hegemoniestrebens in den besetzten Gebieten, eine detailreiche, originelle Analyse dessen, was der Architekt "in Material gegossene Politik" nennt. In zehn Kapiteln zeigt er anhand verschiedener Beispiele - Struktur von Siedlungen, Verlauf von Straßen und Grenzzäunen, offene und verdeckte Funktion der Übergänge, Checkpoints usw. - sichtbare Veränderungen in den seit 1967 von Israel besetzten Gebieten auf. Und erläutert, wie das militärische, von Ariel Scharon propagierte, "dynamische" Verteidigungskonzept, das mit der Kategorie räumlicher Tiefe arbeitet, später von den israelischen Siedlern übernommen, zur "Matrix der Kontrolle" über die Palästinenser gemacht wurde.

"Ariel Sharon war ein Erneuerer im Ausnutzen von Räumen. Spezielle Techniken, die er als General entwickelt hat, wurden transformiert in zivile Planungen. Keine linearen Verteidigungslinien mehr, sondern ein Netzwerk sich gegenseitig deckender Posten in der Tiefe des Raums. Das muss man bei dem Siedlungsprojekt verstehen - was aussieht wie zivile Planung, entspringt militärischer Logik. Die Siedlungen sind nicht Nebenprodukte, sondern Mittel der Besatzung."

Gestützt auf militärisch-historisches Faktenwissen und systemtheoretische Erkenntnisse bezieht Eyal Weizman Art und Umfang der Zerstörungen im Gaza-Krieg 2008/09 sowie die veränderte Kriegsführung auf Schriften von "Raum-Theoretikern" wie Gilles Deleuze oder Félix Guattari - die bei Militärstrategen in hohem Kurs stehen. "Es war kein Problem, mit ihnen darüber zu sprechen, sie wollten es sogar", erläutert Weizman. Sein Blick für die Techniken, mit denen sich israelische Herrschaft in den Raum einschreibt, ist von ungeheurer Tiefenschärfe. Er analysiert sogar die Beschaffenheit des Baumaterials oder die Farbe von Dachziegeln. Und verweist selbst auf die unsichtbare Dimension des besetzten Raums: "Es geht nicht nur um Land, sondern auch um das, was darunter und darüber ist. Wasserläufe und Luftraum."

Dennoch sieht er keinen Masterplan der Besatzung, sondern versteht sie als "dynamische Realität", gestaltet durch Aktivitäten vieler Gruppen. Seine Befunde sind niederschmetternd für jeden, der an die Kraft des guten Willens glaubt. Zeigen sie doch, wie selbst das kleinste Detail eine partnerschaftliche Lösung des Konflikts ausschließt. Bei der Errichtung israelischer Siedlungen etwa ist nicht nur deren Lage auf besetztem oder mit fragwürdigen Mitteln enteignetem Boden politisch brisant, sondern auch die Ausrichtung der Wohnhäuser im Dienst israelischer Machtpolitik: Schneckenförmig sind die Siedlungen auf Bergkuppen angeordnet, wie Wagenburgen amerikanischer Pioniere, die sich vor Indianern schützen. Die Wohnzimmerfenster zeigen nach außen, um den Bewohnern einerseits zu ermöglichen, sich als Teil der (biblischen) Landschaft zu fühlen - andererseits, um feindliches Umland zu überblicken. Angehalten, alles zu melden, was ihnen verdächtig vorkommt, verwandeln sie die bebauten Hügel in Instrumente der Herrschaft, so Weizman. Die ins Innere der Siedlung ausgerichteten Fenster, aus denen der Blick auf gemeinsam genutzte Plätze und die Nachbarn fällt, diene nachweislich der Stärkung des Gemeinschaftsgefühls.

Dieser Baustil perfektioniere einen Zustand der Trennung, Abschottung und Kontrolle. "Dennoch", prognostiziert Weizman, "wird es tatsächlich Evakuierungen von Siedlungen und Militärbasen geben. Ich glaube allerdings nicht, dass so das Ende des Konfliktes herbei geführt wird oder die Erfüllung palästinensischer Forderungen oder gar ein Zustand der Gerechtigkeit."

Zur Zeit arbeitet der Architekt mit seinen Partnern an einem Projekt, das unter dem Titel "Decolonizing Architecture" Möglichkeiten der (Wieder)Aneignung israelischer Architektur auf Palästinensergebiet zeigt. "Alle Dekolonialisierungsprojekte haben mit den gleichen Parametern zu tun. Wir zeigen, wie neues Leben die Räume bewohnbar machen könnte. Was man mit Vorhandenem machen kann. Denn es ist gebaute Realität. Und es gibt keine Möglichkeit, zu einer Art Prä-Okkupationszustand zurückzukehren."

Der abschließenden Frage, ob er sich eine Zwei-Staaten-Lösung vorstellen könne, weicht er aus: "Die Frage ist nicht, ob es einen palästinensischen Staat gibt, sondern wie man den Kampf dafür lebendig hält. Im Moment gibt es faktisch einen Staat. Aber ohne Qualität. Die Frage ist, wie kann man ihn demokratisieren. Israel selbst müsste sich verändern, um eine Dekolonialisierung zu ermöglichen."

Dafür, fügt er mit rot glühenden Wangen hinzu, arbeite er, "mit Energie und dem Glauben, dass Gleichheit und ein geteiltes Leben sich durchsetzen werden."

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