Humboldt-Forum

Berlins Schaustelle

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Zeit zum Nachdenken: Das Humboldt-Forum wird ein weiteres Jahr Baustelle sein.

Als Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Herbst 2018 das 20-jährige Bestehen ihres Amtes gemeinsam mit ihren drei Vorgängern und einer Vorgängerin feierte, gehörte ein erwartungsfrohes Frösteln zur festlichen Grundausstattung. Monika Grütters hatte auf die Baustelle des Berliner Humboldt-Forums geladen. Die Kanzlerin war gekommen und hatte Zeit und gute Laune mitgebracht. Stunden zuvor hatte sie ihren Rücktritt vom Vorsitz ihrer Partei angekündigt.

Eindeutig sah Grütters’ Eventdramaturgie vor, die Baustelle als geschichtsträchtigen Ort der Zukunft zu präsentieren. Zur musikalischen Untermalung spielte Max Raabe mit seinem Palastorchester auf, auch das war natürlich ein Fingerzeig auf die frühere Nutzung des Ortes, wo sich einst das Hohenzollernschloss und später der Palast der Republik befanden. Der nächste Schritt wäre aus damaliger Sicht der Champagnerempfang zum 250. Geburtstag Alexander von Humboldts am 14. September dieses Jahres gewesen, der übernächste die Eröffnung des Humboldt-Forums selbst.

Jetzt aber bleibt der Ort, der oft als wichtigstes kulturpolitisches Projekt der Bundesrepublik Deutschland bezeichnet wird, mindestens noch ein weiteres Jahr bloß Lagerstätte für komplizierte Messtechnik und schweres Gerät. Vor der Eröffnung des Hauses, das weltkulturelle Bildungsstätte und nationale Schaustelle werden soll, sind noch mehr als 140 Wirkprinzipprüfungen auf den Laufzetteln der Ingenieure und Bauabschnittsleiter abzuarbeiten. Mutmaßungen über Kühltechnik und Personalmangel in den Gewerken beherrschen den Diskurs. An sich kein Problem. Die Berliner Öffentlichkeit ist erfahren in der Kenntnisnahme minutiöser Erläuterungen über Probleme, die störrische Klimaanlagen, zähe Baustoffe und sensible Dübel zu verursachen vermögen.

Das Humboldt-Forum wird als begehbares Gebäude und symbolisches Großvorhaben frühestens Ende 2020 zur Verfügung stehen. Geübte Berliner nehmen das mit schnoddriger Gelassenheit zur Kenntnis, zumal anders als beim Berliner Flughafen BER derzeit bei aller gebotenen Skepsis keine dramatische Kostensteigerung zu erwarten ist. Eher stehen die schlechten Nachrichten von der Baustelle sinnbildlich für eine wachsende Skepsis gegenüber der großen Sinnstiftungsmaschine, als die das Humboldt-Forum seitens seiner politischen Repräsentanten vor eineinhalb Jahrzehnten auf den Weg gebracht wurde.

Herzeigen von Besitz

Die äußere Hülle schien dabei stets wichtiger als die inhaltliche Gestaltung. Auch wenn die historische Schlosskuppel, über die mit allen zur Verfügung stehenden weltanschaulichen und religiösen Argumenten gestritten wurde, sich längst in den verzögerten Ablaufplan der Fertigstellung eingefügt hat, konnte ganz nebenbei doch die frohe Botschaft verkündet werden, dass das Kreuz in Kürze montiert werden wird. Während die Symbolschrauben also anzogen werden können, hat sich die Ausgangslage zur Bespielung des Humboldt-Forums fundamental verändert – womit nicht der lange Weg zur Entscheidungsfindung der Berliner Landespolitik gemeint ist, was man denn als lokalen Beitrag ins Schloss einbringen will.

Die mit dem Humboldt-Forum verbundene Idee, von Berlin aus in vorbildlicher Manier den Weltkulturkomplex zu erklären, ist von der Initiative des französischen Präsidenten Macron, Kulturgüter aus kolonialen Kontexten an die Herkunftsländer zurückzugeben, überholt worden, und seither fehlt ein Leitgedanke. Es kann nicht mehr nur um die Frage gehen, was auf welche Weise im Museum gezeigt wird. In einer Zeit, in der das demonstrative Herzeigen von Besitz seine Unschuld verloren hat, hätte bei den Planungen zum Humboldt-Forum längst auch mit debattiert werden müssen, wer zu welchem Zweck überhaupt Kulturgut der Betrachtung anheimzugeben beabsichtigt.

In der verbleibenden Zeit zur Eröffnung hat das Humboldt-Forum jetzt mit einer ganz neuen Form von Legitimationsproblemen zu tun. So gesehen kann man die baulichen Verzögerungen auch als Zeitgewinn begrüßen.

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