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„Ost, Hellersdorf, leerstehender Gasthof an der Mahlsdorfer Straße vor Hönow.“

Berlinische Galerie

Reise zum Mittelpunkt der Erde

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Für „Stadtrand Berlin“ erkundete André Kirchner 234 Kilometer Peripherie. Eine Ausstellung in der wieder offenen Berlinischen Galerie.

Die Nachricht löste Erleichterung aus: Die Berlinische Galerie ist, nach dreiwöchiger Schließung des Ausstellungsbereiches, wieder geöffnet. Die Statiker des Bauamtes haben den Zustand des – in absehbarer Zeit zu sanierenden – Daches für solide genug erklärt. Nun können wir auch die lange erwartete Fotoschau „Stadtrand Berlin 1993/94“ von André Kirchner sehen, ein Beitrag zum kommenden 30. Jahrestag des Mauerfalls. Gerade als sie beginnen sollte, erfolgte die Schließung.

Eine Nachricht vor 26 Jahren hatte den Fotografen aufgestört. Am 22. März 1993 hieß es in der Tagespresse, die Abfertigungshalle am einstigen DDR-Kontrollpunkt Dreilinden werde abgerissen. Kirchner, 1981 aus Erlangen nach Westberlin gezogen und als Stadt- und Architekturfotograf tätig, befürchtete Geschichts-Planierung; dieser geradezu symbolhafte Markstein des Eisernen Vorhangs sollte weg. Ein Jahr lang – bei Sonne, trübem Wetter, Regen oder Schnee – umrundete er mit dem Fahrrad samt seiner schweren Linhof-Panorama-Kamera und dem Stativ die Stadtgrenze des wiedervereinten Berlins: Süden, Osten, Norden, Westen. Einmal rund um die herbe märkische Landschaft.

„West, Potsdam, Berliner Vorstadt, Glienicker Brücke, ehem. Kontrollpunkt ,Brücke der Einheit‘.“ Aus der Serie: „Stadtrand Berlin“, 1993/94.

Von 150 Schwarz-Weiß-Aufnahmen – Farbfilm entspricht überhaupt nicht Kirchners Intention von Panorama- und Landschaftsfotografie – ließ er nur 60 gelten. Die kaufte die Berlinische Galerie schon 1994 an. Kurator Ulrich Domröse hatte das historische wie fotokünstlerische Potenzial der Serie sofort erkannt. Die Werkgruppe fügt sich nun in einem Saal des Landesmuseums zum 360-Grad-Panorama, prägnant, still, emotional. Als eine Land-Art-Installation jenseits allen Spektakels und aller Pathosformeln. Eine Karte der Stadtgrenze in einer Vitrine gibt den Ausstellungsbesuchern per Nummerierungen und Ortsaufstellung die topographische Orientierung. In einer kleineren Vitrine am Eingang liegen Fotobände von Kirchners großem Vorbild: den packenden Motiven der Böhmischen Braunkohlereviere des Tschechen Josef Sudeks. Daneben, als Zeitdokument, jener vergilbte „Tagesspiegel“-Artikel mit der Meldung vom Abriss des Dreilinden-Kontrollpunktes.

Dann beginnt der topographische Exkurs: Drewitz. Noch sind die heute längst verschwundenen Reste der Grenzanlagen zu sehen, die Wunden und Spuren der deutschen Teilung, von Ferne fotografiert, immer vom Rand aus hinein in die Stadt, von der mal die ehemalige, schon skelettierte Grenz-Abfertigungshalle zu sehen ist, dann wieder nur vereinzelte Bauminseln, später mal eine Müllkippe oder ein Feld mit abgestellten Wohnwagen. Hier und da eine Neubausiedlung, hin und wieder tauchen Schornsteine oder Kirchtürme auf, bisweilen ein Wasserturm. Noch – wir schreiben ja 1993/94 – sind die Landschaften nahe der einstigen Demarkationslinie trist, wüst, unbehaust.

Bei Birkholz fand Kirchners Kamera abgestorbene Bäume, der saure Boden der einstigen Rieselfelder machte ihnen den Garaus. Nahe Großziethen hängt Dunst über den Luchwiesen, ist „Bauerwartungsland“ mit Zäunen abgegrenzt. Die Claims sind abgesteckt. Vor Schönefeld bliebt Kirchners Objektiv an einem ruinösen Brückenfundament aus der Hitlerzeit hängen, dahinter verlief der Grenzkontrollpunkt Rudow, Richtung Alt-Glienicke stehen die hölzernen Strommasten bedenklich schief. Dann taucht nahe Gosen die Stasi-Funkzentrale auf. Das Areal ist heute Gewerbegebiet Müggelpark.

Malerisch markiert die Schachtofenbatterie des Kalkwerkes Rüdersdorf den Horizont über der östlichen Landschaft. Am Rand von Hellersdorf, an der Mahlsdorfer Straße vor Hönow, ragt eine altes, wohl um 1900 gebautes Haus mit Giebelfenster auf, umstanden von alten, winterlich blattlosen Bäumen. An der Fassade überm Eingang die in Stein gehauene Schrift des einstigen Gasthofs: Mittelpunkt der Erde. (Google gibt tröstliche Auskunft, dass es da heute ein griechisches Restaurant mit ebenjenem Namen geben soll). Dann wird die Skyline von Marzahn/Hellersdorf sichtbar, ein paar Meter vom Verlauf des Wuhle-Flüsschens, ein Straßenbahndepot.

Dann, im Norden, der imposante Turm des Speichers von Hobrechtsfelde, etliche LPG-Gebäude, die Laubenpieper-Kolonie nahe Mühlenbeck, schließlich die Ruinenreste des aufgegebenen Stadtgutes Stolpe am Tegeler Weg und die nüchternen Abfertigungshallen des einstigen Grenzkontrollpunktes Stolpe. Eine zerstörte S-Bahn-Brücke am Henningsdorfer Havelufer erinnert ans Kriegsende 1945.

Schließlich sind wir im Westen. Nahe Falkensee ist ein alter Munitionsbunker zu sehen. Den ehemaligen Kontrollpunkt für die Binnenschiff-Fahrt an der Landspitze Havelkanal und Nieder Neuendorfer See braucht keiner mehr. Und auf dem alten Flugplatz Staaken ist eine neues Industriegebiet entstanden.

Noch ist ein Stück einstiger Grenzstreifen sichtbar, und im Staakener Forst Hahneberg haben Umweltschützer die einstigen Betonsegmente der Mauer pragmatisch umgenutzt als Befestigung und Schutz des von Zerstörung bedrohten Mischwaldes. Bei Groß-Glienicke, in der Döberitzer Heide, steht noch einsam in der Landschaft zwischen zwei hohen märkischen Kiefern eine Hausruine. Dies war bis 1992 sowjetisches Militärgelände. Und das letzte, das 60. Foto, zeigt die Glienicker Brücke, Kontrollpunkt, legendärer Agenten-Austausch-Ort, heute „Brücke der Einheit“, Symbol.

Das kann Fotografie: Historische Zustandsbeschreibung, die mehr ist als nüchterne Dokumentation. Kirchner bringt uns Betrachter zum Sehen, was war, enthält sich dabei jedweder politischer Kommentare, gibt stattdessen ein, zwei Stunden deutsch-deutsche Geschichte und Berliner Heimatkunde. Wohl authentischer, als es im Klassenzimmer vermittelt werden könnte.

Landesmuseum Berlinische Galerie: bis 29. Juli. Das Buch zur Ausstellung (Hartmann Books) kostet an der Museumskasse 24,80 Euro.

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