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Einer der coolsten Cowboys von hier bis Texas: Jan-Ole Gerster.

Deutsche Filmpreis

Berliner Sonderschule

Am Freitagabend wird der Deutsche Filmpreis vergeben. „Oh Boy“ von Jan-Ole Gerster ist gleich acht Mal nominiert.

Ein Debütfilm begeisterte 2012 Publikum und Kritik gleichermaßen: „Oh Boy“ erzählt so genau wie unbefangen aus dem Leben des jungen Berliners Niko, der nicht weiß, wohin mit sich und seinem Leben. Als Zuschauer begleitet man den Mittzwanziger voller Anteilnahme durch diese Krise, denn dieser Schwarz-Weiß-Film ist zugleich Stadt- und Generationenporträt, ebenso witzig wie austariert nachdenklich.

Wenn heute Abend im Friedrichstadtpalast der Deutsche Filmpreis vergeben wird, konkurriert der Regisseur Jan-Ole Gerster, 1978 im westfälischen Hagen geboren, aussichtsreich mit großen Namen: Gleich acht Mal ist „Oh Boy“ nominiert. Gerster hatte während seines Zivildienstes eine Ausbildung zum Rettungssanitäter absolviert. Im Jahr 2000 zog er nach Berlin. Hier hat er Regie und Drehbuch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studiert. „Oh Boy“ mit Tom Schilling in der Hauptrolle war sein Abschlussfilm.

Jan-Ole Gerster, heute Abend treten Sie mit „Oh Boy“ gegen Regisseure wie Tom Tykwer, Oskar Roehler oder auch Margarethe von Trotta an. Ist das eine Überraschung, oder lässt Sie das eher gleichmütig?

Die Nominierungen waren eine sehr große Überraschung. Als Regisseur hofft man natürlich schon, dass man mit seinem Film hier und da stattfindet, aber mit acht Nominierungen für „Oh Boy“ hat wirklich niemand gerechnet. Als die Zahl raustrudelte, brauchte es eine ganze Weile, bis das wirklich bei mir ankam. Die in den Kategorien Spielfilm und Regie nominierten Produktionen sind zum Glück ganz unterschiedlich – sie bilden somit einen Querschnitt des gegenwärtigen deutschen Filmschaffens. Und ich sehe etwa Tom Tykwer gar nicht als Rivalen an; ich kenne ihn noch von meiner Arbeit bei X-Filme. Für mich ist es eher beruhigend, dass Tom heute Abend auch dabei ist!

„Oh Boy“ kam bei Publikum und Filmkritik gleichermaßen gut an – ein seltener Glücksfall. Können Sie sich das erklären?

Scheinbar können sich mehr Menschen mit der Hauptfigur Niko identifizieren, als ich es je für möglich gehalten habe. Auf Festivals habe ich bei den Publikumsgesprächen oft die Erfahrung gemacht, dass der Film unterschiedlich interpretiert wird. Die größten Unterschiede gibt es bei der Auslegung des Endes. Das wurde oft als optimistisch gedeutet: Niko übernimmt Verantwortung. Andere finden dieses Ende einfach traurig. Mir gefällt die Tatsache, dass jeder Zuschauer individuell auf den Film reagiert. Ich bin einigermaßen betriebsblind auf die Festivaltour mit „Oh Boy“ gegangen. Wir habe bis zur letzten Minute am Film gemischt, an den Untertiteln gefeilt und an der Musik gearbeitet … In dieser Zeit habe ich „Oh Boy“ bis zu zweimal täglich gesehen – da weiß man irgendwann gar nicht mehr, was für einen Film man da gemacht hat! Und dann geht man raus und hofft, dass es irgendjemanden interessiert oder gar gefällt. Es war also kein kalkulierter Erfolg.

Es wurde aber ein Erfolg. Haben Sie die Idee zum Film allein entwickelt?

Ich hatte das große Glück, mit vielen engen Freunden zu drehen, und jeder Einzelne hat zum Gelingen des Films beigetragen. Durch den Drehbuchprozess bin ich jedoch allein gegangen. Ich hatte große Freude an den Figuren, besonders an der Hauptfigur Niko. Diese stillen, passiven Typen haben mich schon immer fasziniert und wahrscheinlich auch geprägt. Figuren wie Holden Caulfield in Jerome David Salingers Roman „Der Fänger im Roggen“ oder dieser Antoine Doinel in den Filmen von François Truffaut. Figuren, die zwar passiv sind, aber dafür hellwach. Genau wie Niko. Er nimmt die Dinge ziemlich genau wahr, tut das aber nicht permanent kund. Ich habe ihn über die Begegnungen mit anderen porträtiert: einem selbstherrlichen Psychologen, einer traumatisierten Ex-Mitschülerin, seinem Vater, dem schuldbeladenen Rentner…

Sie sind offenbar gar nicht passiv. Es geht die Legende, dass Sie sage und schreibe vierzig Mal bei X-Filme angerufen haben, um dort ein Praktikum machen zu dürfen.

Ich weiß nicht, ob es wirklich vierzig Anrufe waren. Jedenfalls habe ich mich nicht abwimmeln lassen. Tatsache ist, dass ich schon mehr als die halbe Belegschaft übers Telefon kannte, bevor ich überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Da war ich Anfang 20. Später durfte ich dem Regisseur Wolfgang Becker bei dessen Erfolgsfilm „Good Bye, Lenin!“ (2003) assistieren. In der Zeit habe ich auch meinen jetzigen Produzenten Marcos Kantis kennengelernt. Die Jahre bei X-Filme waren fantastisch – da habe ich viel gelernt.

Auch für Ihren Debütfilm: In „Oh Boy“ entdeckt man Berlin noch mal neu, selbst wenn man schon ewig hier lebt. Sie sind Westfale; wie haben Sie das gemacht?

In Schwarz-Weiß konnte ich die Stadt neu entdecken und gleichzeitig einen Abstand zu meinem eigenen Alltag schaffen. Der Kameramann Philipp Kirsamer und ich leben schon seit über zehn Jahren hier. Wir wollten Berlin, so wie wir es kennen und lieben, festhalten, da es sich permanent verändert und manche Orte unwiderruflich verschwinden. Vielleicht sind die Zugezogenen die kritischeren Berliner und sehen, was den Original-Berlinern nicht mehr so sehr auffällt, weil sie ja die stetige Veränderung gewohnt sich. Tom Schilling ist zum Beispiel so jemand. Er nimmt die Entwicklung der Stadt sehr viel gelassener zur Kenntnis. Mir jedoch stellt sich die Frage: Wie viele Shopping-Malls verträgt eine Stadt? Die subkulturellen Möglichkeiten und vor allem das Gefühl für Geschichte verschwinden. Aber beides macht Berlin aus. Die Vielfalt. Sie löst sich auf, und das finde ich problematisch. Denn Berlin ist nun mal nicht schön wie Barcelona oder Paris. Aber dafür war Berlin lange durchlässig im kulturellen Sinn. Das hört immer mehr auf.

Wo in Berlin leben Sie?

Im Prenzlauer Berg, an der Schönhauser Allee, gegenüber vom Kino Colosseum. Viele der Filmbilder, die auf die U-Bahn-Trasse hinausgehen, wurden aus meinem Fenster aufgenommen. Würde ich nicht so sehr an meiner Wohnung hängen, würde ich jedoch schon längst in Kreuzberg wohnen.

Sagenhafte acht Nominierungen für den Deutschen Filmpreis sagen, „Oh Boy“ kam auch bei den Mitgliedern der Deutschen Filmakademie an. Werden Sie da demnächst Mitglied?

Groucho Marx hat mal gesagt: „Ich möchte keinem Club angehören, der mich als Mitglied akzeptiert.“ – Das soll aber natürlich nicht mein Motto für die Deutsche Filmakademie sein. Ich muss mich erst einmal damit beschäftigen, was es bedeutet, dort Mitglied zu sein, welche Pflichten man hat, welche Vorzüge es hat. Erst einmal klingt das ganz spannend. Ich sehe das ja bei Kollegen: Da kommt einmal im Jahr eine Kiste mit Filmen, über die man dann befinden muss, eben für den Deutschen Filmpreis.

In „Oh Boy“ gibt es etliche herrliche Verweise auf den deutschen Kulturbetrieb, etwa auf Off-Theater oder die sogenannte Berliner Schule im Film. Lesen Sie eigentlich Kritiken?

Nicht von der Berliner Schule, sondern von der Berliner Sonderschule ist in meinem Film die Rede. So beschrieb mein Freund, der Schauspieler Arnd Klawitter (der Nazi-Darsteller in „Oh Boy“), einmal das Genre meines Films – das hat mir gefallen. Was den sogenannten Kunst- und Kulturbetrieb angeht, so ist das ein Feld, über das sich Berlin gut darstellen lässt. Menschen, die den Ausdruck suchen und sich „selbstverwirklichen“ – was auch immer das heißt. Aber ich hege jetzt kein größeres Engagement im Betrieb. Generell lese ich gern Filmkritiken, aber erst, nachdem ich den Film gesehen habe. Mich interessiert dann, wie er besprochen wurde.

Haben Sie ein bisschen was verdient mit „Oh Boy“?

Ich konnte den Film machen. Es ist ja ein Low-Budget-Film. Aber wir haben sehr darauf geachtet, dass Gagen gezahlt werden. Keine großen, aber wir wollten, dass die Leute etwas bekommen für ihre Arbeit. Natürlich habe auch ich etwas bekommen. Mit einem Debütfilm wird man jedoch selten wahnsinnig reich. Aber ich bin zuversichtlich.

Was haben Sie nun vor?

Ich bin ja noch einige Wochen mit „Oh Boy“ beschäftigt. Das war nicht abzusehen, dass das so lange geht. Aber ich habe schon erste Skizzen und Entwürfe für einen neuen Film. Ich werde es ein zweites Mal wagen.

Das Gespräch führte Anke Westphal.

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