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Abriss unter Bewachung. Polizisten schützen am Freitagmorgen die Maueröffnung an der East Side Gallery. Bis Demonstranten einen Stopp erzwingen und gleich ein Mauerersatzstück aus Styropor mitbringen.

Maueröffnung 2013

Das Berliner Loch

Für den Zugang zu einem neuen Wohngebäude an der Spree wird die East Side Gallery weiter verstümmelt. Demonstranten beenden die Arbeiten – vorerst. Denn geschichtsvergessener Abriss hat in Berlin Tradition.

Von Susanne Lenz

Solche Bilder hat Pietro Ferranti nicht erwartet. Er ist zum ersten Mal in Berlin und wollte nur das fotografieren, was er vorher im Reiseführer gesehen hat. Ein Stück bunt bemalte Berliner Mauer, die East Side Gallery. Aber in der Mauer ist ein Loch, und da sind all diese vielen Leute, die etwas rufen, das er nicht versteht. Und Polizisten.

Und nun steht er hier bei einem jungen Mann mit einer Pudelmütze und fragt in italienisch gefärbtem Englisch, was hier eigentlich los ist. „Die wollen da ein Haus bauen und die Wohnungen teuer verkaufen“, erklärt der junge Mann. Pietro Ferranti nickt. „Ah Geld, es geht um Geld. Wie immer“, sagt er. „Ich komme aus Sizilien.“ Aber „strange, very strange“, also merkwürdig, sei es trotzdem, dass in Berlin dieses geschichtsträchtige Bauwerk abgerissen würde. Dann ist Schluss mit dem Gespräch, denn ein paar der vielleicht fünfhundert Menschen, die gekommen sind, den Mauerabriss zu verhindern, zerreißen das rot-weiße Absperrband. „Los wir gehen alle rüber“, ruft jemand.

Es ist kurz vor halb elf. Zwei Stunden zuvor hat ein Kran das erste Stück aus der Mauer gehoben. Zu dem Zeitpunkt sind nur wenige Demonstranten da. Die Polizei hat den Gehweg entlang der East Side Gallery abgesperrt, auf der Mühlenstraße ist weiter Verkehr. Die Demonstranten müssen auf der anderen Straßenseite stehen und zusehen, wie die Greifarme des Baggers an dem zweiten Mauerstück festgemacht werden. „Pfui, buh, schämt euch“, rufen sie.

Empörte Künstler

Eine Frau mit kurzen dunklen Locken hält ihre Kamera auf eines der Bilder. Es zeigt Formen, die an Gelenke erinnern, auf hellblauem Grund. Es ist Teresa Casanueva, und es ist ihr Bild. Im Jahr 1990 hat sie es gemalt, da war sie, die aus Kuba stammt, noch Kunststudentin in Halle. 2009 hat sie es restauriert. „Und nun weiß ich nicht einmal, wohin sie die Mauerteile bringen wollen, wenn sie sie herausgerissen haben“, sagt sie.

Neben ihr steht Thierry Noir, ein Künstlerkollege. Von ihm stammt das Bild neben Casanuevas. Es wird vom Abriss verschont bleiben, doch was hier geschieht, hält er trotzdem für skandalös. Er stellt sich vor eine junge Polizistin hin und ruft: „Sie können später ihren Kindern sagen, dass Sie dabei waren und nichts getan haben.“ Die junge Beamtin hebt die Schultern und schaut auf den Boden.

Die Demonstranten stehen jetzt direkt an der Mauer, zwischen ihnen und dem Loch Polizisten. Eine junge Frau hält ein kleines Schild hoch. „Berlin verkauft sich und seine Geschichte“ steht in roter Farbe darauf. Die Frau heißt Elisa Thiemann, sie kommt aus Hamburg, ist Schauspielerin. Zwei Freundinnen hätten ihr am Abend zuvor von der Protestaktion erzählt, sagt sie. Sie ist 27 und versteht nicht, wie man die letzten Reste dieses historischen Monuments abreißen kann. „Das ist so ein wichtiges Denkmal“, sagt auch Chris Lopatta, der fast genau so alt war wie Elisa Thiemann heute, als die Mauer fiel. Er kommt aus Ost-Berlin.

Warum keine Brücke über die Mauer?

„Wowereit, der deutsche Taliban“, ruft jemand. „Can’t they build a skywalk, könnte man nicht einen Überweg bauen“, fragt ein Tourist aus Michigan im Gespräch mit einer deutschen Journalistin. Ein Mann mit einem langen dunkelgrauen Wollmantel kommt gelaufen, er hält ein Stück Papier in der Hand. Es ist der Beleg für die Anzeige wegen Sachbeschädigung der East Side Gallery, die er gerade gestellt hat. Der Mann ist Kani Alavi, einer der Künstler und Vorsitzender der Künstlerinitiative East Side Gallery. Seit Jahren setzt er sich für ihren Erhalt ein. Erst 2011 hat ihm der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz dafür das Bundesverdienstkreuz überreicht.

Heute aber ist kein Politiker zu sehen. Bis auf Fabio Reinhardt von den Piraten. Er nennt die East Side Gallery ein Weltkulturerbe. Später kommt Michael Braun von der CDU und sagt, dass das herausgerissene Mauerstück wieder eingesetzt werden müsse.

Stattdessen versucht die Polizei, die Mühlenstraße zu räumen. Es wird ein bisschen gedrängelt und geschubst, aber die Demonstranten weichen nicht, und es sind Kinder dabei. Der Einsatzleiter verkündet über Lautsprecher, dass alles so bleiben kann wie es ist. „Entspannen Sie sich“, sagt er. Eine Handvoll Festnahmen gibt es trotzdem noch.

Später meldet sich der Einsatzleiter wieder. „Die Bauarbeiten werden bis auf weiteres für heute eingestellt“, sagt er. Jubel unter den Demonstranten. Aber auch Misstrauen. „Bis auf weiteres? Heute? Ihr wartet doch nur, bis wir weg sind“, ruft jemand. Das Bündnis „East Side Gallery retten“ sieht das genau so und ruft für Sonntag um 14 Uhr zu einer weiteren Demonstration auf.

Ein Arbeiter mit einem blauen Schutzhelm steigt auf eine Leiter, reckt den Daumen und nimmt dem Mauerteil, das alles nächstes dran gewesen wäre, die Greifer ab. Jubel. Der Kran fährt seinen Arm ein, und wie auf Befehl kommt die Sonne heraus.

Pietro Ferranti ist jetzt, fast drei Stunden später, immer noch da. Was er seinen Leuten Zuhause erzählen wird? „Berlin is a strange city“, sagt er. Eine komische Stadt.

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