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„Wolkenreich“ von Klaus Pobitzer vor dem Festspielhaus.

Berliner Festspiele

Gescheitert an der Vernunft des Volkes

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Das Diskurswochenende der Berliner Festspiele wartet mit ernüchternden Erkenntnissen auf.

Das Haus der Berliner Festspiele spielte am vergangenen Wochenende „Palast der Republik“. Nicht den alten, dann hätte der „Tränenpalast“ dazugehört. Es gab, wenn ich mich nicht verzählt habe, vierzig Veranstaltungen. Viele davon gleichzeitig: Lesungen, Vorträge, Diskussionen, Performances, Filme, Musik. Dazu waren Installationen zu besichtigen. Zum Beispiel hatte Gabriele Dolff-Bonekämper die Stühle des Runden Tisches, der sich auflösenden DDR in- und übereinandergestapelt. So hätten sie sich im Sommer 2018 in einem Abstellraum in Pankow gefunden. „Sturzlage“ nennt sie ihre Installation, die man auch „Gescheiterte Hoffnung“ nennen könnte.

Thomas Demand war mit seiner „Fotoecke“ aus dem Jahr 2009 vertreten. Er rekonstruierte für diese Arbeit die „Fotoecke“, in der Justizbeamte in einer Haftanstalt in Gera politische Gefangene vorgeblich mehrfach fotografierten, während sie sie ohne deren Wissen von hinten einer massiven Röntgenstrahlung aussetzten.

Ich habe nur zwei Veranstaltungen besucht. Die eine dauerte zwei Stunden, nannte sich „Verfasst euch!“ und trug den Untertitel „Ideenrevue“. In Wahrheit waren es insgesamt fünf Vorträge sehr unterschiedlicher Länge und Güte. Der erste sich gewaltig in die Länge ziehende Vortrag der amerikanischen Ideengeschichtlerin und politischen Aktivistin Susan Buck-Morss, die von 1978 bis 2012 an der Cornell University unterrichtete. Auf Deutsch erschien von ihr im Jahre 2011 „Hegel und Haiti – Für eine neue Universalgeschichte“.

Mit großer Emphase sprach sie über „Revolution Heute“. Die gebe es natürlich nur im Plural, vorangetrieben von den verschiedensten Gruppen mit den verschiedensten Interessen. Sie sprach wie Ende der 1970er-Jahre einstige Marxisten sprachen, die inzwischen Spontis, Sprecher der Alternativbewegungen geworden waren. Es lagen die Spinnweben des Runden Tisches über diesem Vortrag. Nur ihre Beispiele waren jüngeren Datums. Ein besonders schönes stammt aus dem Jahre 2006. „Klassenkampf gibt es natürlich, aber es ist meine Klasse, es sind die Reichen, die ihn führen und die ihn gewinnen.“ (Warren E. Buffett).

Bernhard Schlink, einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller, hatte von 1992 bis zu seiner Emeritierung 2009 an der Berliner Humboldt-Universität den Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie inne. Er berichtete von seinem Scheitern mit dem Versuch einer Übergangsverfassung für eine Übergangs-DDR. In den Monaten Dezember 1989 bis Anfang April 1990 war er Berater des Zentralen Runden Tisches.

Wie das Grundgesetz, so erzählte er, entstanden war aus einer Kritik der Weimarer Verfassung, so flossen in die Vorschläge für eine Verfassung für eine neue, erst noch zu schaffende DDR nicht nur deren Erfahrungen, sondern vor allem die der sie kritisierenden Bürgerbewegungen. „Die plebiszitäre Vernunft, die man ja gerade eben erlebte“, so Bernhard Schlink, „sollte mit hinein genommen werden in den Verfassungsentwurf.“

Der hatte von Anfang an zwei Ziele: Einerseits sollte er der DDR, solange es sie noch gab, als Grundlage dienen. Andererseits diente er der Markierung der Positionen der DDR bei den Verhandlungen mit der BRD. Es kam anders. Bei den Wahlen am 18. März siegten die großen Parteien. Die Bürgerbewegungen und mit ihnen der Runde Tisch hatten ausgedient. Als der pünktlich am 4. April den Verfassungsentwurf vorlegte, war er schon Makulatur.

„Was bleibt?“, fragt Bernhard Schlink. Nichts? Nein. Ohne die DDR-Bürgerinnen und Bürger wäre es im Juli 1992 in der heiß umkämpften Frage des Schwangerschaftsabbruchs (§218) nicht zur Fristenlösung (mit Beratungspflicht) gekommen. Schon 1993 erklärte das Bundesverfassungsgericht diese Regelung für verfassungswidrig.

Schlink erinnert an die große Demonstration vom 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz. Sie sei eine Verfassungsdemonstration gewesen. Zahlreiche Plakate forderten Meinungs- und Versammlungsfreiheit und andere in der DDR-Verfassung „garantierten“ Grundrechte. Auch die Parole „Wir sind das Volk“ erinnerte die da Oben an den Artikel 4 der Verfassung der DDR: „Alle Macht dient dem Wohl des Volkes“. Mit der Parole „Wir sind ein Volk“ verabschiedete man sich von der Verfassung und von der DDR.

Das Publikum war überwiegend älter, wohl auch eher weiblich als männlich und vor allem deutsch. Bei der Debatte um die beiden Deutschlands spielen die Zugereisten keine Rolle. Das ist eine euphemistische Formulierung. Almuth Berger, Ausländerbeauftragte der Regierungen Modrow und de Maizière, erinnerte in ihrem Beitrag daran, dass die Parole „Wir sind ein Volk“ schon damals ergänzt wurde von „Deutschland den Deutschen“.

Ich besuchte noch eine Lesung. Max Hertzberg ist Engländer. Er hat eine Trilogie geschrieben, in der die DDR-Bevölkerung sich „Für unser Land“ entschied und die DDR 1993 noch existierte. Die Stasi ist abgeschafft und ersetzt worden. Punks diskutieren mit dem Grenzschutz darüber, wie der kleine Staat seine Souveränität verteidigt. Westdeutsche Firmen versuchen, billige DDR-Arbeitskräfte abzugreifen. Max Hertzberg macht es sichtlich Vergnügen zu zeigen, wie mühsam der Kampf ist des Kontrafaktischen gegen das, was ist. Hertzberg ist klug genug zu wissen, dass der Erhalt der DDR nicht allein das Werk der DDR-Bevölkerung sein kann. Die ganze Welt muss umgedreht werden, um den 16,11 Millionen DDR-Bürgern einen eigenen Staat zu erhalten.

Gorbatschow gibt keine Sinatra-Losung aus, nach der jeder sozialistische Staat seinen eigenen Weg gehen kann. Die Sowjetunion bleibt erhalten, die osteuropäischen Staaten reformieren sich schrittweise. Je länger ich Max Hertzbergs Alternativ-Geschichte zuhöre, desto unausweichlicher kommt mir die Geschichte vor, die wir wirklich erlebt haben.

Als er zu seinem neuesten Buch befragt wird, einem Anti-Brexit-Roman, lächelt er uns an und meint: der erste Band meiner Trilogie erschien 2015. Darin wird dauernd über Volksentscheide debattiert. „Die spielten ja eine große Rolle in der vom Runden Tisch erarbeiteten Verfassung. Und ich war glühender Anhänger der Volksentscheide. Dann kam 2016. Die Brexit-Entscheidung. Jetzt denke ich vorsichtiger über die plebiszitäre Vernunft.“ Womöglich ist er – ich erinnere mich an Bernhard Schlinks Ausführungen – beim Grundgesetz angekommen.

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