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Gerhard Cohn und US-Gefreiter Werner Nathan in der Synagoge Thielschufer.

Fotografie

Berlin im Sommer 1945

  • vonIngeborg Ruthe
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Robert Capas Serie von der zerstörten, von den Alliierten besetzten Stadt wurde noch nie öffentlich gezeigt. Jetzt sind sie in der Neuen Synagoge Berlin zu sehen.

Robert Capa hat uns Kriegsschauplätze des 20. Jahrhunderts ins Gedächtnis eingebrannt. Zuerst den Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco. Bis heute gilt sein Foto „Death of a loyalist Soldier“, eine schwer zu ertragende Momentaufnahme von 1936 nahe Cordoba, als Ikone in der Kriegsfotografie und Anklage des sinnlosen Sterbens. Klassiker sind die Bilder der Invasion in der Normandie am 6. Juni 1944. Capa watete „embedded“ mit der „ersten Welle“ der alliierten Truppen im Morgengrauen an Land, dort, wo das deutsche Feuer am intensivsten war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fotografierte er 1954 in Vietnam die Kämpfe zwischen den französischen Kolonialtruppen und den von Ho Tschi Minh angeführten Freiheitskämpfern. In einem Reisfeld bei Thai Binh endete im selben Jahr das Leben des legendären Bildreporters; er wurde von einer Landmine zerfetzt.

Robert Capa, geboren 1913 in Budapest, ein Jude, der eigentlich Endre Friedmann hieß, hatte in Berlin Journalistik studiert und anschließend als Fotograf bei der jüdischen Agentur Dephot gearbeitet. Bis Hitler an die Macht kam. Via Wien rettete er sich nach Paris; später ging er mit Hilfe Pablo Nerudas in die USA.

Capa, der Freund Hemingways, galt als Abenteurer und Frauentyp – wohl wegen seiner Affäre mit Ingrid Bergman. Und er prägte die berühmte Devise der Kriegsfotografen: „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst Du nicht nahe genug dran.“ So wurde er in der lebensgefährlichen und seelisch zermürbenden Disziplin der Kriegsreporter einer der ganz Großen. Auch menschliche Größe beweist dieser Satz: „Der brennendste Wunsch eines Kriegsfotografen“, sagte er nach Katastrophe, die Hitlers Diktatur über die Welt gebracht hatte, „ist der nach Arbeitslosigkeit.“

Capa konnte nicht ahnen, welche Kriege bis heute noch folgen würden. Aber 1945 tatsächlich arbeitslos geworden, flog er in GI-Uniform mit seiner Rollei Flex nach Berlin, schon ein Auftrag des „Life“-Magazins bevor er zwei Jahre später mit Kollegen, etwa Cartier-Bresson, die legendäre Fotoagentur Magnum gründete.

600 Fotos machte Capa in diesen Berliner Sommertagen. Es ist ein ganz besonderer Stadtrundgang, den Kuratorin Chana Schütz jetzt im Ausstellungsraum des Berliner Centrum Judaicum – Stiftung Neue Synagoge ausbreitet, eine Auswahl von 120 Bildern. Die Fotos sind Leihgaben des Robert Capa Archivs des International Center of Photography in New York. Wir sehen ein surreales Berlin – frei und zugleich total kaputt. Man erfasst sogleich den subjektivem, auch distanziertem Blick auf die zerbombte, verbrannte Stadt, ihre zuerst verstörten, dann wieder lebenshungrigen Menschen. Leute, die gewiss keine Hitlergegner gewesen waren, aber sich doch befreit fühlten in ihrer Ruinenstadt, ihrem zerstörten Land.

Capas Kamera hat den Hunger in den Gesichtern festgehalten, aber auch dieses „Wieder-normal-leben-Wollen“. Keine Angst mehr haben zu müssen vor Fliegerbomben und Geschützen. Die Kamera dokumentierte Kundgebungen für die Opfer des Faschismus in Neukölln und den Schwarzmarkthandel, Frauen, die ein paar alte Kartoffeln erstehen und Rotarmisten vor der Siegessäule und mittendrin, alliierte Soldaten im Tanzcafé „Femina“ in Schöneberg, wo Amis und Russen miteinander tranken.

Und was im Centrum Judaicum, an diesem Ort jüdischer Kultur, etwas ganz Besonderes ist: die Aufnahmen vom jüdischen Neujahrsfest in der schon in den Novemberpogromen 1938 schwer beschädigten Synagoge am Kreuzberger Thielschufer, heute Fraenkelufer, von betenden jüdischen Offizieren der US-Armee und von im Siddur, dem Gebetsbuch, lesenden Knaben. Das Gebäude musste 1958/59 wegen Einsturzgefahr abgerissen werden. Aber damals, 1945, war der Fest-Gottesdienst in diesen Mauern ein Abschied, denn fast alle der Juden, die überlebt hatten, wollten weg, nach Amerika – weg von den vielen Toten, weg aus dem Land der Täter. Die Stimmung bei Rosch ha-Schana damals ist unübersehbar feierlich, die Gesichter ernst. Vor Robert Capas Bildern des Abschieds im Sommer 1945 kann heute von einer Berliner jüdischen Gemeinde mit mehr als 10 000 Mitgliedern gesprochen werden.

Auf einem aus kühner Höhe, wohl einer Ruine am Pariser Platz aufgenommenen Foto suchte Capa einen obskuren Blickwinkel: Schadows rechtes Quadriga-Ross der Bronzegruppe auf dem Brandenburger Tor weist mit dem Huf hinunter zu einem überdimensionalen Stalin-Bildnis Unter den Linden. Als wäre das eine bildgewordenen schlimme Ahnung von einem erneuten Krieg, dem Kalten Krieg zwischen den Systemen. Als hätte Capa vorausgesehen, dass Stalinisten dort unten im Osten der Stadt nur 16 Jahre später eine Mauer aus Beton bauen würden, um Deutschland zu trennen. Heute, im 30. Jahr des Mauerfalls gibt dieser Anblick ein starkes Argument: Menschen sollten nie mehr zwischen sich Mauern bauen.

Stiftung Neue Synagoge, Centrum Judaicum in der Oranienburger Str. 28-30, Berlin: bis Ende April 2021. Katalog (Salzgeber) 19,80 in der Ausstellung. centrumjudaicum.de

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