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Berlin hat es besser als London

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Elisabeth Ruge in ihren noch leeren Verlagsräumen.
Elisabeth Ruge in ihren noch leeren Verlagsräumen. © Markus Wächter

Elisabeth Ruge bezieht in diesen Tagen die Räume für den neuen Verlag Hanser Berlin. Sie wird das Unternehmen leiten, das zu Hanser in München gehört, einem der profiliertesten Literaturverlage. Es ist ein Neuanfang mit gedruckten Büchern in Zeiten, da das E-Book immer auffälliger auf den Markt drängt.

Frau Ruge, klären wir zuerst das Naheliegende: Sie sind nicht verwandt mit dem Deutschen Buchpreisträger von 2011, Eugen Ruge.

Nein, und auch nicht mit der Moderatorin Nina Ruge.

Aber mit dem großen Fernsehjournalisten Gerd Ruge.

Das ist mein Vater.

Als Sie ein kleines Mädchen waren, wurde Ihr Vater Korrespondent in Washington. Erinnern Sie sich an den Umzug?

Ja, das ist meine erste längere Kindheitserinnerung. Wir sind damals von Bremerhaven nach New York auf der Queen Elizabeth gereist. Es war eine unruhige See, und die einzigen drei Gestalten, die nicht grün unter Deck hingen, sondern sich auf dem Schiff frei bewegten, waren mein Vater, unser Königspudel Teddy und ich.

Wie war es, damals in Washington aufzuwachsen?

Sehr aufregend. Die Bürgerrechtsbewegung war stark spürbar. Damals wurde Martin Luther King erschossen, es gab große Demonstrationen und gewalttätige Auseinandersetzungen. Man hatte schon das Gefühl, dass diese Gesellschaft enorm in sich zerrissen ist und nach einer neuen Identität sucht. Es war ja auch die Zeit des Vietnamkriegs, den man bis in den Alltag spüren konnte. In den Unterhaltungsshows kamen immer wieder Mütter mit ihren Söhnen zusammen, die am nächsten Tag nach Vietnam gingen. Das waren geradezu tragische Szenen.

War Ihnen Amerika Heimat?

Ich glaube ja. Wir waren auf einer amerikanischen Schule, ich habe jeden Tag meinen Eid auf die amerikanische Verfassung gesprochen, jeden Morgen die amerikanische Nationalhymne mitgesungen. Meine Mutter wurde damals schwer krank und war nicht viel zu Hause, mein Vater oft unterwegs. Und plötzlich waren wir wieder in Deutschland – und mussten erst einmal richtig Deutsch lernen.

Ihr Vater leitete dann das ARD-Hauptstadtstudio in Bonn.

Und wir wohnten in Bonn Bad Godesberg, wir hatten auch Freunde, eine gute Schule, aber es war sehr eng im Vergleich zu dem, was wir vorher erlebt hatten. Ich habe mich erst sehr fremd gefühlt.

Woher kommt dann Ihr Interesse für russische Literatur?

Mein Vater war ja zunächst Korrespondent in Moskau gewesen, in den späten 1950er-Jahren, und war dort auch mit Pasternak befreundet. Mein Bruder Boris heißt nach ihm. In den späten 70ern ging mein Vater wieder nach Moskau. Ich habe ihn dort oft besucht, später habe ich dort studiert. Das Land interessierte mich, vielleicht auch in seiner vermeintlichen Gegensätzlichkeit zu Amerika. Das andere Riesenreich!

Ja, ein noch viel größeres Land! Unvorstellbar groß. Auch die Sprache hat mich gereizt. Das Englische liebe ich, weil es so eine ganz klare, geschmeidige, flexible Sprache ist, die etwas sehr Luzides hat. Das Russische ist eine sehr gefühlvolle, melodiöse Sprache; man kann sogar Adjektive verkleinern.

Das spannende Leben eines Journalisten hatten Sie vor Augen. Wie kamen Sie zur Literatur?

Ich glaube, das wurde auch familiär vermittelt. Meine Eltern hatten eine gute Erziehungsmethode. Es wurde nicht so viel erklärt, eher vorgelebt. Und wenn es darum ging, seine Zeit sinnvoll zu verbringen, gehörte es eben dazu, seine Nase in ein Buch zu stecken.

Sie gehen mit einem neuen Job ins neue Jahr. Worauf haben Sie Silvester angestoßen?

Nicht nur darauf, dass etwas spannendes Neues anfängt, sondern auch darauf, dass es im Guten gelungen ist, etwas zurückzulassen, was mir wichtig war, aber nicht mehr ganz für mich stimmte.

Sie spielen auf Ihren Abschied vom Berlin Verlag an, weil das Mutterhaus Bloomsbury in London in das Programm eingreifen wollte.

Ganz so einfach lag die Sache nicht. In London arbeiten ja gute Leute. Doch der englischsprachige Buchmarkt ist ein ganz anderer – nämlich einer, der vor einigen Jahren die Buchpreisbindung abgeschafft hat. Er wird von wenigen großen Playern bestimmt. Da ist es vielleicht nicht verkehrt, nach einer sogenannten „globalen Wiedererkennbarkeit“ zu streben. Doch wir haben diese Verhältnisse noch nicht. Die Buchpreisbindung, die wir verteidigen müssen, bedeutet eine große verlegerische Vielfalt. Sie erhält auch eine Vielfalt unter den Buchhandlungen, sogar bei den Ketten. Wenn wir nach London schauen, wird deutlich, was ohne sie passiert: Es ist eine der wichtigsten kulturellen Städte der westlichen Hemisphäre mit Museen, Theatern, Opernhäusern und wunderbaren Restaurants – was fehlt, sind gescheite Buchhandlungen. Wir haben das Glück, noch unter anderen Bedingungen Bücher verlegen zu können – darauf wollte ich nicht ohne Not verzichten.

Was wird für Sie anders als Verlegerin? Hanser Berlin ist ja viel kleiner.

Das finde ich gerade schön. Erst mal fangen wir mit zehn Titeln an. Das ist eine Größe, mit der man alle Aspekte unseres Programms gut darstellen kann.

Können Sie was zu Autoren sagen?

Es kommen einige mit. Jonathan Littell zum Beispiel. Oder Richard Ford und Richard Sennett, die schon von S. Fischer zum Berlin Verlag mitgewechselt sind. Henning Ritter kommt mit, dessen „Notizhefte“ mir beim Berlin Verlag sehr wichtig waren. Aber es sind auch neue Autoren dabei.

Den Namen Ingo Schulze habe ich jetzt gar nicht gehört.

Der kommt natürlich mit. Ingo war, glaube ich, der erste Autor, den wir akquiriert haben, als wir damals nach Berlin kamen – mit seinen wunderbaren Buch „33 Augenblicken des Glücks“. Das war der Anfang einer schönen Zusammenarbeit – und einer Freundschaft. Er arbeitet an einem neuen Buch. Man soll Autoren nicht drängen. Ich freue mich darauf, wenn es irgendwann bei Hanser Berlin erscheinen wird.

Sie hatten S. Fischer im Streit um die Buchumschläge verlassen. Ist das nicht aus heutiger Sicht ein Luxusproblem, da das Buch als solches langsam verschwindet?

Nein, ganz so weit sind wir noch nicht. Auch für Hanser Berlin sind die Umschläge wichtig. Es ist noch entscheidend, wie die Bücher aussehen, noch stehen sie in Buchhandlungen, liegen in Schaufenstern. Dass wir in einem gigantischen Umbruch stecken, ist keine Frage. Auch wenn E-Books noch einen sehr kleinen Prozentsatz ausmachen. Ich kenne viele Menschen, die keine gedruckte Zeitung mehr lesen. Ich sehe an meinen Kindern, wie selbstverständlich sie mit dem Computer umgehen. Heute lese ich auch vieles elektronisch, aber natürlich stapeln sich bei mir überall die Bücher. Mir macht es Spaß, mit dem Neuen und Alten zu jonglieren. Wichtig ist mir, Wertvolles aus der verlegerischen Tradition in dieses spannende Neue hinüberzubringen. Wir sollten nicht immer nur aus einer defensiven Position auf diese Entwicklung schauen.

Dem Neuen hatten Sie schon eine Tür geöffnet, als Sie für den Berlin Verlag Berlin Academic gründeten.

Ja, das ist ein wissenschaftlicher Verlag – in diesem Bereich gibt es, was die digitalen Entwicklungen angeht, kein Entrinnen. DeGruyter beispielsweise hat gerade wieder eine große Akquisition im Bereich der Open Access Zeitschriften angekündigt. Viele Wissenschaftler möchten ihre Ergebnisse möglichst ohne eine Bezahlhürde zur Verfügung stellen, um den wissenschaftlichen Austausch zu fördern. Und auch Leser suchen ja Plattformen, um unentgeltlich an die Inhalte zu kommen. Dennoch kostet das Verlegen qualitativ hochwertiger wissenschaftlicher Literatur natürlich Geld. Das ist ein großer Fragenkomplex, der die Publikumsverlage noch nicht erreicht hat.

Der Berlin Verlag sitzt in Prenzlauer Berg, wo zieht Hanser hin?

An meine Lieblingskreuzung in Berlin, nah am Checkpoint Charlie, an der Kreuzung Friedrich- und Kochstraße. Das ist ein besonderer Ort, wo viele Aspekte der Geschichte zusammenfließen.

Dort verlief die Mauer. Ist die Stadt heute zusammengewachsen?

In gewisser Weise schon. Große Städte sind nie ganz zusammengewachsen, auch wenn sie nicht von einer Mauer durchzogen wurden. Auch in London unterscheiden sich die Viertel, manchmal sind das Parallelwelten. Ich finde schon, dass Berlin ein großes Berlin geworden ist.

Ihre Berlin-Verlags-Autorin Irina Liebmann schrieb anlässlich der Beerdigung Christa Wolfs in der Berliner Zeitung, dass das intellektuelle Berlin noch immer geteilt ist.

Wenn Irina das beobachtet hat, ist es sicher richtig. Das ist eine Frau, die keine Vorurteile vor sich herträgt, die sehr genau hinguckt. Für mich ist das etwas schwer zu beurteilen, weil ich zwar eine Deutsche bin und mich auch so fühle, aber doch als Fremde ins Land gekommen bin. Deshalb haben mich diese Themen besonders interessiert. Irina Liebmanns Buch über ihren Vater Rudolf Herrnstadt, „Wäre es schön? Es wäre schön!“, war eines der wichtigsten Bücher, die ich je gemacht habe. Weil sich in diesem Leben die ganze deutsche, und auch deutsch-deutsche, Tragödie abzeichnet. So recht Irina hat, würde ich sagen: Die Dinge entwickeln sich. Man kann das oft erst später sehen. Vor zwanzig Jahren hätte man auch gesagt, dass noch nicht genug für die Schwarzen in Amerika passiert ist. Dass Obama Präsident geworden ist, beruht darauf, dass sich die Gesellschaft kontinuierlich verändert hat. Auch hier. Man muss nur das Buch von Eugen Ruge lesen.

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“.

Ja, Eugen Ruge zeigt, was für ein komplizierter Prozess es ist, die Folgen der totalitären Systeme zu überwinden. Wir wissen doch, was das 20. Jahrhundert für die Deutschen bedeutet hat. Und es ist auch großartig, diese Veränderungen mitzuerleben.

Das Gespräch führte Cornelia Geißler.

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