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Berlin hat Berlin zu bieten

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Von: Claus-Jürgen Göpfert, Christian Thomas

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Hellwach beim Interview trotz wenig Schlaf in jüngster Zeit: Oliver Reese in seinem Frankfurter Büro.
Hellwach beim Interview trotz wenig Schlaf in jüngster Zeit: Oliver Reese in seinem Frankfurter Büro. © Andreas Arnold

Frankfurts Schauspiel-Intendant Oliver Reese über seinen Wechsel in die Bundeshauptstadt, seine Pläne für zeitgenössische Stücke und seine Liebe zur Tradition.

Herr Reese, als wir die Nachricht von Ihrem Wechsel nach Berlin hörten, dachten wir als Erstes: Sie kehren in Ihre eigentliche künstlerische Heimat zurück.
Die Hälfte meines Theaterlebens hat in Berlin stattgefunden, fünfzehn Jahre. Ich bin jetzt insgesamt 30 Jahre ohne Unterbrechung im Engagement. Ich habe mit 21 Jahren angefangen, in Berlin war ich sieben Jahre am Maxim-Gorki-Theater, acht am Deutschen Theater. Ich komme jetzt in ein verändertes Berlin zurück. Es sind ganz neue Kieze da. Eine der spannendsten Gegenden der Stadt, die ich durch meine erwachsenen Töchter kennenlerne, ist jetzt „Kreuzkölln“, das gab es noch nicht. Als ich damals wegging, wollte kein Mensch nach Neukölln.

Welche künstlerischen Möglichkeiten erhoffen Sie sich in Berlin, die Sie jetzt in Frankfurt nicht haben?
Frankfurt ist per Struktur vollkommen anders. Frankfurt bedeutet im besten Sinne Stadttheater. Das Schauspiel Frankfurt ist das einzige große Sprechtheater der Stadt. Damit hat es quasi naturgemäß, wie Thomas Bernhard sagen würde, den Auftrag, vielen Vieles zu bringen. Hier muss ich, hier soll ich, hier will ich auch als Intendant Theater in seiner ganzen Breite zeigen. Ich mache die Stücke für die Schulen, ich will einen großen Shakespeare in der Saison haben, ich habe Lust, mal eine Komödie zu inszenieren, natürlich müssen wir Uraufführungen anstoßen, natürlich müssen wir neue Sachen machen. Und natürlich macht man bestimmte Dinge für ein Ensemble: Man spielt mal „Die Möwe“ oder jetzt „Glaube, Liebe, Hoffnung“. Das bedeutet die ganze große Breite in vier Spielstätten.

In Berlin können Sie sich spezialisieren?
In Berlin muss ich mich spezialisieren. Weil in Berlin mit fünf Sprechtheatern eine Unverwechselbarkeit eines Hauses – und damit auch ein Grund, warum das Publikum da hingehen soll und nicht zu den anderen – nur über ein klares Profil zu schaffen ist. In jüngster Zeit ist das gut gelungen am Maxim Gorki Theater. Manch einer in der Branche ist überrascht über diesen Erfolg. Shermin Langhoffs Ausrichtung auf ein Theater, das mit dem Thema Migration ganz explizit und zentral umgeht, hat im Vorfeld ganz bestimmt viele zweifeln lassen, ob das denn als Programm für ein Staatstheater reicht. Und siehe da: Es wurde ein Nerv getroffen – und der Laden brummt.

Was ist Ihre Marktlücke in der Berliner Theaterlandschaft?
Ich habe eine immer größere Sehnsucht danach, dass wir die Stoffe für die große Bühne entwickeln, die eindeutig Hier und Heute sind und uns meinen, nicht nur um fünf Ecken. Ich habe ein wachsendes Unbehagen daran, wenn Theater zu sehr Museum ist. Ich sehe ein Defizit und wir alle sind mit Schuld, weil wir über die Jahre die Dramatiker nicht entwickelt haben. Es gab eine Zeit, da haben in Deutschland Heiner Müller, Botho Strauß, Thomas Bernhard zugleich neue Stücke geschrieben. Und die wurden wie selbstverständlich an prominenten Häusern uraufgeführt und in allen deutschsprachigen Ländern sofort nachgespielt. Das gibt es heute nicht mehr.

Warum?
Ich glaube, weil wir zu sehr und etwas alibihaft investiert haben in die Förderung der kleinen Formate, in die Kammerstücke: Zwei Damen, ein Herr. Drei Herren, zwei Damen, eine Dekoration: So steht das dann in den Verlagskatalogen. Also Stücke für die Kammerspiele, die Boxen und die jungen Talente. Wir haben uns alle nicht mehr getraut, Stücke für die großen Formate zu entwickeln. Das ist in anderen Ländern ganz anders. In England zum Beispiel. Wo die Blockbuster die neuen Titel sind. Und der Shakespeare nur ab und an gespielt wird.

Sie haben davon gesprochen, dass die Situation am Berliner Ensemble ganz anders ist als hier in Frankfurt.....
....nicht nur am BE, sondern überhaupt in Berlin.

Die Autoren, die Sie genannt haben, Shakespeare, Henrik Ibsen, die haben Sie hier in Frankfurt gemacht, die werden Sie auch am BE machen. In Berlin werden gerade drei oder vier Ibsen gezeigt.....
.....aber, Entschuldigung: Ich habe nicht vor, Ibsen zu spielen. Das will ich ja gerade nicht mehr machen. Was mir als zentrales Anliegen für das Berliner Ensemble vorschwebt, ist, Stücke für das Große Haus zu entwickeln, die hier und heute geschrieben werden. Dafür habe ich auch Moritz Rinke ins Team geholt. Zentral ist für mich, neue Stücke zu machen. Ich glaube, dass wir Autoren für das Theater begeistern müssen, die in letzter Zeit lieber für den Film, für das Fernsehen oder Prosa geschrieben haben. Wir müssen eine Art Aufbauarbeit machen, um das Stückeschreiben wieder zukunftsfähig zu machen. Im Moment ist das ein bisschen ein Nischenprodukt geworden.

Besteht das Problem beim Berliner Ensemble nicht darin, dass es in den letzten Jahren geradezu museal geworden ist, also erstarrt ist?
Das Theater ist jedenfalls glänzend besucht – die Aufführungen finden ihr Publikum.

Der Empfang in Berlin war nicht gerade freundlich. Peymann reagierte mit den Worten: Und der Rest ist Schweigen.
Wir kennen doch Claus Peymann. Ich werde jedenfalls auf ihn zugehen.

Was ist an Berlin attraktiver? Sie haben in Frankfurt die Tribüne hinter sich.
Ich gehe nicht nach Berlin, um es mir gemütlich zu machen. Ich habe mich nicht beworben, sondern das Telefon hat geklingelt. Die Herausforderung, an eines der schönsten, der traditionsreichsten Theater zu gehen, ist eine große. Ich gehe überhaupt nicht, weil mir in Frankfurt irgendetwas nicht behagt hätte. Die Situation am BE ist einfach ganz anders. Die Bühne ist intim, ideal fürs Sprechtheater. In Frankfurt können Sie zum Beispiel Schauspieler nie so inszenieren, dass die sich anschauen, wenn sie miteinander reden. Sie müssen den Text in Richtung Publikum sagen, sonst verstehen Sie ihn akustisch nicht, weil der Bühnenraum so riesig ist.

Es tauchte sofort die Frage auf: Was haben Ihnen die Berliner geboten, was haben sie Ihnen in Aussicht gestellt?
Die Berliner haben Berlin zu bieten. Die Berliner haben die Tradition dieses Theaters zu bieten. Wir Theaterleute sind traditionsbewusste Menschen. Unsere Kunst verfliegt ja bekanntlich. Wenn wir selbst kein Bewusstsein für unsere Geschichte haben, dann hat sie niemand mehr. An diesem Haus ist „Die Dreigroschenoper“ uraufgeführt worden und einige der profiliertesten Künstler des 20. Jahrhunderts haben dort gearbeitet: Brecht, Heiner Müller, Peter Zadek, Robert Wilson, Claus Peymann. So ein Theater leiten zu dürfen, ist ein Geschenk. Da Nein zu sagen, kriege ich nicht hin.

Müssen die Frankfurter jetzt fürchten, dass Sie Ihr ganzes Ensemble wieder mitnehmen werden nach Berlin?
Bevor ich als Intendant Entscheidungen über Menschen treffe, muss ich mir erst mal ein Bild über die Situation am Berliner Ensemble machen. Ich habe schon eine ganze Reihe von Aufführungen am Berliner Ensemble gesehen, ich habe den Ehrgeiz, jetzt sehr viel mehr zu sehen. Ich werde aber bestimmt Schauspieler aus meinem Frankfurter Ensemble einladen, mitzukommen.

Wie war die erste Reaktion des Frankfurter Ensembles?
Heute Nachmittag habe ich eine Ensembleversammlung einberufen und das Ensemble hat mir eine selbstgebackene Torte geschenkt mit einem Gruß. Es war sehr berührend. Wir sind spontan in die Kantine gegangen und ich hätte furchtbar viel getrunken, wenn ich nicht mit Ihnen zum Interview verabredet gewesen wäre. Jedenfalls hat mir niemand irgendetwas übelgenommen, warum auch.

Fürchten Sie, dass es auch Unruhe geben könnte in der nächsten Zeit?
Nein. Wir haben Ewigkeitsansprüche nur beim Heiraten: Bis dass der Tod uns scheidet. Ansonsten haben wir berufliche, befristete Verabredungen auf Zeit. Intendanten wechseln, Schauspieler gehen.

Man wird bis 2017 in Frankfurt immer sagen: Oliver Reese ist mit seinen Gedanken schon in Berlin.
Wenn Sie das auf der Bühne belegt finden, haben Sie recht. Das zu verhindern, ist meine Aufgabe. Das wird man nicht sehen. Wir werden nichts halbherzig machen.

Das Publikum in Frankfurt hat Sie sehr getragen.
Wir haben gerade einen neuen Rekord aufgestellt: Mehr als 94 Prozent Platzausnutzung im November. Ja, das Publikum steht in einer Weise hinter dem Theater, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Wir sind jetzt bei einem Plus von 127 Prozent bei den Abonnenten seit meinem Beginn.. Das ist deutschlandweit Rekord. Sie sehen mich im Moment als einen sehr glücklichen und dankbaren Frankfurter Intendanten, der mit der Planung der nächsten zweieinhalb Jahre in Frankfurt beschäftigt ist.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert und Christian Thomas

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