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Beinahe-Namen

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Fast wäre Backrubben statt Googeln der übliche Ausdruck für die Netzrecherche geworden.

Viele Menschen sind nicht in der Lage, am Brottresen Backwaren zu verlangen, die Namen wie „Schoko-Wuppi“, „Knusper-Krusti“ oder „Dinkelino“ tragen. Man behilft sich dann, indem man „Das da, nein, das daneben“ sagt oder stattdessen etwas anderes isst. Weil ein Leben ohne Schoko-Wuppi problemlos möglich ist, geht das. Schwieriger wird es bei täglich, ach was, minütlich benötigten Gegenständen wie dem Smartphone. Nichtbenutzung oder „Das da“ sagen sind dann keine Optionen. Zum Trost kann man einen Blick in die Vergangenheit werfen und über mögliche Welten nachdenken, in denen wir beinahe gelebt hätten. Dort war nämlich auch nicht immer alles schön benannt.

„In Fernost und in den USA gehören die oft auch ‚Soundabouts‘ genannten Musikmacher bereits zum guten Ton vor allem bei jüngeren Leuten“, schrieb „Der Spiegel“ im Sommer 1981 über ein Gerät, das im gleichen Artikel bereits „Walkman“ genannt wird. Das Internet hieß zur gleichen Zeit noch „Catenet“, ein Name, den sich der französische Informatiker Louis Pouzin 1974 ausgedacht hat. Larry Page und Sergey Brin arbeiten 1996 in Stanford an einer Suchmaschine namens „BackRub“. Wenn sie nicht 1997 zu dem Schluss gekommen wären, dass „Google“ der bessere Name ist, wäre Backrubben womöglich heute ein normaler Ausdruck für das Recherchieren im Netz. Vielleicht aber wegen des sperrigen Worts auch nicht. Vielleicht würden wir in einer Welt leben, in der dieser Vorgang Recherchieren im Netz oder überhaupt nur Recherche heißt, und für viele wäre das eine bessere Welt.

Kleine Bildchen, die stellvertretend für Personen oder Angebote im Netz stehen, hießen zeitweise „Picons“, kurz für „personal icons“. Das iPhone hätte auch Telepod, Mobi, Tripod oder iPad heißen können, wie der Apple-Marketingchef 2013 bei einem Vortrag berichtete. Den iMac wollte Steve Jobs zunächst MacMan nennen und den Macintosh Bicycle. Und warum das Handy in Deutschland so heißt, wie es heißt, ist ganz unbackrubbar, ich meine: unrecherchierbar.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Der frühere „Wired“-Herausgeber Kevin Kelly beschreibt in einem 1996 erschienenen Wörterbuch der digitalen Welt das Konzept der „Realies“: „Standortbezogene Unterhaltungsangebote, die Elemente von Videospielen, Filmen und Fahrgeschäften in Vergnügungsparks kombinieren“. In seinem 2016 erschienenen Buch „The Inevitable“ kommen die Realies immer noch vor. Tatsächlich gibt es in Deutschland seit 2015 Achterbahnen und Wasserrutschen, auf denen man VR-Brillen tragen kann. Die Brille macht aus einem kleinen Fahrgeschäft ein viel größeres, aus dem Vergnügungspark ein Bergwerk oder aus der Achterbahn einen Drachen. Es existiert also tatsächlich etwas, zu dem so ein Begriff gehören könnte. Dass sich ausgerechnet der Name Realies durchsetzen wird, kommt mir aber weiterhin unwahrscheinlich vor.

Der Zukunftsforscher Alvin Toffler beschrieb 1970 in seinem Buch „Future Shock“ „die Entstehung der neuen und ganz realen ‚Vergnügungspaläste‘ – sogenannter total environment nightclubs, in denen die Vergnügungssuchenden in einen Raum eintauchen, in dem Licht, Farben und Geräusche ihre Muster ständig ändern. Tatsächlich betritt man als Gast ein kinetisches Kunstwerk.“ Falls die Menschen jemals „Wollen wir heute Abend in einen total environment nightclub gehen?“ gesagt haben, hat dieser Zustand jedenfalls nicht sehr lange angehalten.

Wie seriös oder wie lächerlich so ein Name später klingt, hat übrigens nichts damit zu tun, ob es sich um ein deutsches oder ein fremdsprachiges Wort handelt. In Deutschland hat Heinrich von Stephan, Generalpostdirektor des Deutschen Reichs, mit einem Erlass im 19. Jahrhundert einige Hundert bis dahin aus Frankreich übernommene Begriffe aus dem Postwesen durch deutsche ersetzt: Briefumschlag statt Couvert, Anschrift statt Adresse, freimachen statt frankieren, Fernsprecher statt Telefon. Das Wort Briefumschlag erfreute sich anfangs keiner großen Beliebtheit, weil der bis dahin üblichste Umschlag ein medizinischer und feuchter war. Wenn für Sie alle genannten Beispiele halbwegs normal klingen, liegt das daran, dass Sie sich an den feuchten Briefumschlag gewöhnt haben und im Alltag oft die französischen Wörter weiter verwendet wurden. Der Schweiz hingegen war der deutsche Erlass egal, deshalb verwendet man dort im Alltag wie in offiziellen Postdokumenten bis heute die französischen Begriffe.

In irgendeinem Paralleluniversum lacht gerade jemand über die Vorstellung, dass der Soundabout seiner Jugend beinahe unter dem Namen Walkman bekanntgeworden wäre. Und in der Zukunft werde ich wahrscheinlich zu diesem Text zurückkehren müssen, um in einer Fußnote anzumerken: „In den ersten Jahren seiner Existenz hieß das Screenium nämlich noch Smartphone.“ Mit ausreichendem zeitlichen Abstand klingen alle Wörter gleich albern (wenn man sie nie benutzt) oder normal (wenn man sie ständig gebraucht). Die Lösung für das Wuppi-Problem besteht also darin, täglich oder minütlich welche zu essen.

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