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„Das Grundeinkommen ist kein Almosen, es garantiert die materielle Grundlage moderner Freiheitsrechte“, sagt Philip Kovce.

Bedingungsloses Grundeinkommen

„Das Grundeinkommen setzt auf die Mündigkeit des Einzelnen“

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Warum ein bedingungsloses Grundeinkommen der richtige Weg ist: Ein Gespräch mit dem Philosophen Philip Kovce.

Herr Kovce, der römische Bürger bekam, so geht die Legende, während der Kaiserzeit eine für das Überleben ausreichende Weizenration und freien Eintritt für die Gladiatorenkämpfe. „Brot und Spiele“ nannte man das. Daran denke ich, wenn ich „bedingungsloses Grundeinkommen“ höre.
Der Vorwurf, dass das bedingungslose Grundeinkommen irgendetwas mit spätrömischer Dekadenz zu tun habe, ist ebenso alt wie falsch. Das Grundeinkommen ist kein Herrschaftsinstrument, das seine Empfänger bloß abspeist und ruhigstellt. Wer das behauptet, der unterschlägt, dass das Grundeinkommen im Grunde genommen ein emanzipatorisches Projekt ist, das nicht auf die Hörigkeit, sondern auf die Mündigkeit des Einzelnen setzt.

Ist das nicht eine bloße Wunschvorstellung von Ihnen?
Nein. Es gibt gute Gründe, das bedingungslose Grundeinkommen als Grundrecht in der Tradition der Aufklärung, der Menschen- und Bürgerrechte zu verorten. Dafür sprechen nicht zuletzt seine sozialliberalen Vordenker wie Thomas Paine, John Stuart Mill und andere. Das Grundeinkommen ist weder ein Almosen der Reichen für die Armen noch eine Abfindung der Mächtigen für die Ohnmächtigen. Vielmehr garantiert es auf demokratischer und marktwirtschaftlicher Basis den existenzsichernden Anteil des Individualeinkommens und damit die materielle Grundlage moderner Freiheitsrechte. Ohne Grundeinkommen verkommen andere Grundrechte wie das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit oder das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit schnell zu Lippenbekenntnissen, die von Geldnot und Arbeitszwang de facto außer Kraft gesetzt werden.

Grundeinkommen verbindet unterschiedlichste Denker und Zeiten

Aber sorgt nicht der Sozialstaat bereits dafür, dass die Grundrechte des Einzelnen in jedem Fall gewahrt bleiben?
Schön wär’s. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Der Sozialstaat sorgt heutzutage eher für Angst und Schrecken als für Sicherheit und Freiheit. Seine Tradition ist die der Arbeits- und Zuchthäuser, wo angeblich Faulen und Dummen Fleiß und Gehorsam eingeprügelt wird. Hartz IV ist die moderne Form davon. Kein Wunder also, dass das Bundesverfassungsgericht derzeit dem Verdacht nachgeht, dass Hartz IV grundsätzlich verfassungswidrig ist.

Das bedingungslose Grundeinkommen hat ja Befürworter in den unterschiedlichsten Milieus. Der erste Text Ihres Sammelbandes stammt aus dem Jahre 1516, ein Abschnitt aus dem Dialogroman „Utopia“ von Thomas Morus, dem britischen Staatsmann und Humanisten. Milton Friedmans neoliberales Plädoyer „Kapitalismus und Freiheit“ aus dem Jahre 1962 ist ebenfalls dabei.
Wer die Geschichte des Grundeinkommens dokumentieren will, der muss in der Tat weit ausholen – historisch ebenso wie ideologisch. Denn das Grundeinkommen verbindet unterschiedlichste Denker und Zeiten miteinander. Thomas Morus schlägt beispielsweise ein Grundeinkommen zur Kriminalitätsbekämpfung vor. Die damals übliche Todesstrafe für Diebe erscheint ihm moralisch unangemessen und disziplinarisch ungeeignet. Wer Hunger leidet, dem ist jede Strafe gleichgültig und er ist meistens schuldunfähig. Deshalb will Morus anstelle der Diebe lieber Not und Elend, die Ursachen des Diebstahls beseitigen.

Milton Friedmans Begründung eines Grundeinkommens liest sich dagegen eher wie eine Ablehnung.
Ja. Friedman plädiert seinerzeit für ein Grundeinkommen zur Armutsbekämpfung – allerdings nicht aus Überzeugung, sondern aus Verlegenheit. Ihm ist das Grundeinkommen, gemessen an der aufgeblasenen Sozialbürokratie, zwar noch das geringere Übel, grundsätzlich bevorzugt er in Sachen sozialer Sicherung aber unverbindliche milde Gaben anstatt irgendwelcher Rechtsansprüche.

Grundeinkommen ist keine mediale Eintagsfliege

Das Vorwort Ihres Buches beginnt mit dem Satz: „Wer darüber befinden will, ob die Zeit einer Idee gekommen sei, der hat sich nicht nur mit dem herrschenden Zeitgeist, sondern ebenfalls mit der Zeitgestalt der Idee auseinanderzusetzen.“ Ein programmatischer Satz ...
... der darauf hinweist, dass Ideen nicht einfach so vom Himmel fallen, sondern sich im Laufe der Zeit entwickeln. Die Grundeinkommensidee benötigt etwa 500 Jahre – vom 16. bis zum 21. Jahrhundert –, ehe sie nicht mehr ausschließlich in kleinen intellektuellen Kreisen, sondern auch auf der großen politischen Bühne diskutiert wird. Wer den Reichtum dieser Ideengeschichte missachtet und so tut, als wäre das Grundeinkommen nichts anderes als eine mediale Eintagsfliege, der trägt seinen Teil dazu bei, dass die Gegenwart ideell verarmt.

Philip Kovce, geboren 1986 in der Universitätsstadt Göttingen, forscht an der Seniorprofessur für Wirtschaft und Philosophie der Universität Witten/Herdecke sowie am Basler Philosophicum. „Bedingungsloses Grundeinkommen. Grundlagentexte“ heißt der Sammelband, den Kovce gemeinsam mit Birger P. Priddat, Inhaber der oben erwähnten Professur, herausgegeben hat: Suhrkamp Verlag, 514 S., 26 Euro. 

Auffällig ist, dass die frühesten deutschen Vordenker des Grundeinkommens, die in Ihrer Sammlung zu Wort kommen, erst im 20. Jahrhundert auftreten.
Das stimmt. Deutsche Grundlagentexte lassen lange auf sich warten. Das heißt aber nicht, dass das Grundeinkommen zuvor in deutschen Landen keine Rolle gespielt hätte. Schiller, der 1805 seine Überlegungen zum „ästhetischen Staat“ in den „Ästhetischen Briefen“ verdichtet, schreibt bereits 1793 an seinen Gönner, den Prinzen von Augustenburg: „Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und sich satt gegessen hat, aber er muss warm wohnen und satt zu essen haben, wenn sich die bessere Natur in ihm regen soll.“ Und 1797 heißt es in einem Schiller’schen Zweizeiler mit dem Titel „Würde des Menschen“: „Nichts mehr davon, ich bitt’ euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen, / Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.“

Bei aller Geschichtsträchtigkeit des Grundeinkommens stellt sich doch erst recht die Frage, warum es ausgerechnet jetzt so hoch im Kurs steht. Liegt es vielleicht daran, dass derzeit zwei Entwicklungen zusammenkommen – erstens die immer stärkere Individualisierung, zweitens die zunehmende Digitalisierung?
Ganz sicher. Digitalisierung und Individualisierung vereinen die pragmatisch-sozialpolitische und die idealistisch-grundrechtliche Strömung des Grundeinkommens. Beide befreien den Menschen aus der Gefangenschaft industrieller Monotonie. Das Industriezeitalter war das letzte Zeitalter der Knappheit. Es kannte Arbeit nur als Frondienst und Leben nur als Freizeit. Das Grundeinkommen sorgt dafür, dass Arbeit und Leben in Zeiten postindustriellen Überflusses tatsächlich frei ergriffen werden können.

Grundeinkommen: Freiwilligkeit ist die beste Voraussetzung guter Leistung

Die Hochkonjunktur des bedingungslosen Grundeinkommens führt auch dazu, dass Falschmünzer auftreten und den Begriff für ihre Anliegen zweckentfremden.
So ist es. Vor allen die SPD ist in letzter Zeit mehrmals beim Klauen erwischt worden. Die Forderung nach einem staatlich bezuschussten Sabbatjahr kurzerhand „Grundeinkommensjahr“ zu nennen oder ein Berliner Pilotprojekt auf dem sozialen Arbeitsmarkt als „solidarisches Grundeinkommen“ zu verkaufen, sind zwei gute Beispiele für dreistes Marketing. Wer in Sachen Grundeinkommen die Spreu vom Weizen trennen will, der muss darauf achten, dass es in existenzsichernder Höhe, als individueller Rechtsanspruch und ohne Gegenleistung, also wirklich bedingungslos gewährt wird. Alles andere sind Attrappen.

Gegner des Grundeinkommens behaupten immer wieder, es ließe sich nicht finanzieren und fördere Faulenzerei?
Obwohl beide Behauptungen nicht stimmen, behindern sie bis heute die Einführung des Grundeinkommens. Richtig ist vielmehr: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Teuer zu stehen kommt uns nicht die Bedingungslosigkeit des Grundeinkommens, sondern der Hartz-IV-Sozialstaat, der mündige Bürger überwacht und abstraft. Außerdem gilt: Je unfreier die Arbeit, desto fauler die Mitarbeiter. Wer arbeiten muss, der tut, was er kann, um es sein zu lassen. Er kaschiert schlimmstenfalls seine innere Kündigung mit äußerlicher Geschäftigkeit. Das ist die Krux des aktuellen Arbeitszwangs.

Das bedingungslose Grundeinkommen würde den Charakter der Arbeit verändern. Es gäbe uns die Möglichkeit, auf elende Plackerei zu verzichten.
Dampfmaschinen haben uns immer mehr Handarbeit abgenommen. Inzwischen nehmen uns Rechenmaschinen immer mehr Kopfarbeit ab. Übrig bleiben die Dienstleistungen von Mensch zu Mensch: Bildung, Beratung, Betreuung etc. Dafür gilt erst recht: Freiwilligkeit ist die beste Voraussetzung guter Leistung. Und Sinnhaftigkeit die beste Voraussetzung echter Freiwilligkeit. Das bedingungslose Grundeinkommen führt dazu, dass niemand mehr sinnlos arbeiten muss. Wie gut! Denn das heißt zugleich, dass wir mit der Freiwilligkeit der anderen wirklich rechnen können.

Was ist Ihre Arbeit?
Ich tue, was ich will und was andere brauchen freiwillig. Das ist meine Arbeit. Damit bin ich mehr als vollbeschäftigt.

Interview: Arno Widmann

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