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„Bedingungslos“ neu interpretiert

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Von: Ingeborg Ruthe

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Musikerin Emmeline Gracie in der Grafton Street in Dublin.
Musikerin Emmeline Gracie in der Grafton Street in Dublin. © Imago

2000 Kunstschaffende profitieren in Irland von einem staatlichen Grundeinkommen.

Nichts hält sich bekanntlich so zäh wie das Vorurteil. Es hat einen kostenlosen Dauerparkplatz in unserer Informationsgesellschaft. In Deutschland hängt dem vieldiskutierten „bedingungslosen Grundeinkommen“ – trotz mutiger Testversuche eines engagierten Vereins und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung – ein Rucksack prall voller Schmähungen und Unterstellungen an wie „Sozialschmarotzertum, Alimentierung, Faultierhaltung“. Offenbar herrscht die weitverbreitete Meinung, dass dadurch die Motivation für „echte“ Erwerbsarbeit zu leiden hätte.

Geld im Hut

In der Republik Irland nimmt sich die Bewertungen des staatlichen Testballons, Kulturarbeit nicht mehr an ein Bruttosozialprodukt zu koppeln, anders aus. Das Adjektiv „bedingungslos“ wird anders interpretiert, ohne die Verdächtigung, Künstlerinnen und Künstler wollten sich in die soziale Hängematte legen. Sie wollen wirken, gesehen, anerkannt werden. Die zeitbegrenzte Finanzierung wird als Chance angesehen, viel zielstrebiger und wertvoller arbeiten zu können. Ohne mies bezahlte Nebenjobs, ohne die Mühsal, in Dublins, Corks oder Galways Fußgängerzonen Musik machen zu müssen, zu tanzen und demütig bis frustriert auf einen Obolus zu warten.

Das irische Kulturministerium beschloss, 2000 Künstlerinnen und Künstlern die nächsten drei Jahre ein staatliches Grundeinkommen von 325 Euro pro Woche zu zahlen. Eine Studie von „Visual Artists Ireland“ hatte belegt, dass drei Viertel aller Kunstschaffenden der Insel unter der Armutsgrenze leben. Man befragte die Bevölkerung. Deren Zustimmung zum Grundeinkommensprojekt für Kulturschaffende war positiv. Über 9000 Bewerber:innen gab es für das 105-Millionen-Euro-Programm. Eine Lotterie entschied. 707 der Ausgewählten sind bildende Künstler, dazu kommen 584 Musiker, Filmemacher, Schriftsteller, Schauspieler, Tänzer, Choreografen, Zirkusleute, Architekten. Es gab keine Bedürftigkeitsprüfung; die Empfänger dürfen noch andere Einkünfte erzielen.

Grundsätzlich können irische Kunstschaffende steuerfrei arbeiten – vorausgesetzt, ihr Einkommen übersteigt keine 50 000 Euro im Jahr. Allerdings müssen alle Ausgewählten ihre Arbeit während des Pilotprojekts begutachten lassen und sich verpflichten, für Forschungszwecke regelmäßig über ihr Schaffen zu berichten. So viel Staat muss sein: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

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