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Bayreuth

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Von: Judith von Sternburg

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Andreas Schlager (Parsifal) und der Chor der Bayreuther Festspiele als Klingsors Zaubermädchen spielen in einer Probe zur Oper „Parsifal“ im Rahmen der Bayreuther Festspiele 2019 auf der Bühne.
Andreas Schlager (Parsifal) und der Chor der Bayreuther Festspiele als Klingsors Zaubermädchen spielen in einer Probe zur Oper „Parsifal“ im Rahmen der Bayreuther Festspiele 2019 auf der Bühne. © Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele/dpa

Einst bewunderte der Kritiker die Blumenmädchen. Und den Maschinen-Schwan: Vor 140 Jahren hatte „Parsifal“ Uraufführung.

Ähnlich wie bei den „Räubern“, der 9. Sinfonie oder „Casablanca“ ist der erste Eindruck vom „Parsifal“ nicht mehr so einfach zu rekonstruieren. Es ist lange her erstens, zweitens muss man ihn nicht selbst kennen, um ihn zu kennen. Hören wir trotzdem kurz rein, was der österreichische Kritiker Eduard Hanslick über die Uraufführung heute vor 140 Jahren im Festspielhaus in Bayreuth notiert. Hanslick langweilt sich etwas, nach einiger Zeit endlich „kommt – sehr erwünscht – der verwundete Schwan (ein prächtiges Stück Maschinerie) über die Bühne geflogen ...“, dann dauert es wieder sehr, sehr lange. „Es ist alles maßlos, alles zu lang darin, vom Größten bis zum Kleinsten.“ Im zweiten Akt gefallen ihm die Blumenmädchen kolossal gut, er ist überhaupt erleichtert, dass etwas passiert, dazu die frischen jungen Frauen statt des „dramatischen Musikkrampfs“ Kundry.

Es gibt stupende Details in dieser Kritik, klar ist aber, dass Hanslick – von Wagner zum Beckmesser gemacht, was seinem Sinn für Polemik kaum gerecht wird – keine Lust verspürt, sich auf das Weihevolle der Situation einzulassen. Das ist verständlich, gerade weil es dem Publikum weiß Gott anders geht. Auch deshalb kommt es bei der Uraufführung zu jener berühmten Verwicklung. Der Jubel stört den eh gereizten Wagner, und er ruft den Menschen von seiner Loge aus zu: Man habe vereinbart, dass die Mitwirkenden um der heiligen Stimmung willen (verkürzte Wiedergabe der Red.) nicht vor den Vorhang treten. In einen riesigen Saal ruft er das hinein, unvorstellbar, wie die Leute nach und nach gemerkt haben, dass der Meister ihnen etwas sagen will. Der Meister wünscht Ruhe. Die Menge verstummt ehrerbietig. Cosima Wagner im Tagebuch: „Doch am Schluss ärgert R. das stumme Publikum, er redet es noch einmal von der Galerie an, und wie darauf der Beifall sich entladet, tritt R. vor den Vorhang und erklärt, er habe seine Künstler versammeln wollen, aber diese seien schon halb entkleidet. Die Heimfahrt, mit diesem Thema erfüllt, ist ärgerlich.“ An sich ein PR-Debakel, aber nicht bei Wagner (das verbindet ihn mit Goethe: noch das Peinlichste verübeln nur Erzfeinde). Bis heute wird ein Publikum, das auf sich hält, nach dem ersten „Parsifal“-Akt nicht applaudieren.

Die Bayreuther Festspiele ringen, zu Recht und mit Erfolg, jedes Jahr darum zu zeigen, dass das kein Ort wie andere ist. Sind die jüngsten Sexismusvorwürfe im „Nordbayerischen Kurier“, ein Prä-Festspiel-Rundumschlag, der Gegenbeweis? Oder passen sie gerade ins verquaste Frauenbild in Wagners Musikdramen? Obwohl alle es längst besser wissen, sind Enttäuschungen in der Kultur jedenfalls immer besonders bitter. Als hätten wir immer noch zu viel Schiller gelesen.

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