100 Jahre

Bauhausfans, nun freuet euch!

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In Berlin feiern Politik und Kultur den Beginn eines bundesweiten Jubeljahres mit 700 Terminen.

Eines ist klar: Das Bauhaus ist eine Staatsangelegenheit. So viel anderes aus der Zeit der Weimarer Republik gibt es ja nicht, das in der ganzen Welt für ein Deutschland steht, das fortschrittlich, friedlich, freudvoll und formschön war, das auf Austausch und Ausprobieren basierte und dabei handwerklich, künstlerisch und gesellschaftlich Maßstäbe setzte.

Und wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Schirmherren-Rede zur Eröffnung des Bauhaus-Jubiläumsjahres in der Akademie der Künste in Berlin am Mittwochabend dann auch noch einfließen lässt, dass die Bauhaus-Künstler „in ihrer ganz großen Mehrheit“ Demokraten waren (also nicht alle), wenn er seine Stimme stilsicher herunterdimmt, als er erwähnt, dass sich insbesondere in Tel Aviv viel Bauhaus-Architektur findet (weil viele zur Emigration gezwungene Bauhaus-Künstler „am Aufbau der Stadt beteiligt waren“), ist auch miterzählt, dass die Kunstschule, die sich zwischen 1919 und 1933 nacheinander an drei Orten formierte, Weimar, Dessau und Berlin, mehr eine Keimzelle war als schon eine Oase.

Tatsächlich geblüht hat es dann anderswo. Aber blüht dafür bis heute, einschließlich des Widerspruchs, dass aus den Designobjekten für jedermann inzwischen Statussymbole „für Besserverdienende“ geworden seien, „Distinktionsmerkmale einer kleinen Geschmacks-Elite“, und spontan setzt Steinmeier hinzu: „Ich nehme mich da nicht aus“.

100 Jahre Bauhaus also. Und Start des neuntägigen Eröffnungsfestivals im Akademiegebäude am Hanseatenweg, das, nach Entwürfen von Werner Düttmann gebaut und 1960 eröffnet, selbst ein Zeugnis der Moderne und des entschiedenen Willens zur Demokratie ist mit seinem zweiten, kleineren Parkett, das sich hinter der Bühne öffnet, so dass sich das Publikum über die Akteure hinweg auch immer gegenseitig im Blick hat.

450 Ehrengäste aus Politik und Kultur sitzen in den Reihen, die Kulturstaatsministerinnen Grütters und Müntefering natürlich, Kultursenator Lederer und zahlreiche Mitglieder des Abgeordnetenhauses, aber auch Abgesandte der anderen elf Bundesländer, die zum Bauhaus-Jahr mit Ausstellungen, Symposien, Aufführungen und Festen beitragen: 700 Veranstaltungen an 365 Tagen, der Bund hat 21 Millionen Euro dazugegeben. Auch die Familie selbst ist gekommen: eine Nachfahrin der Familie Gropius-Frank und ein Enkel von Bauhaus-Meister Lyonel Feininger nehmen am Eröffnungsakt teil.

Nach der Rede des Bundespräsidenten leitet Bettina Wagner-Bergelt, die Kuratorin des Eröffnungsfestivals, zum künstlerischen Hauptakt des Abends über, dem eineinhalbstündigen Konzert von Michael Wollny mit vier Kollegen: „Bau.Haus.Klang.“, eine Auftragsarbeit.

Zwei Flügel stehen sich auf der Bühne gegenüber, wobei der eine von Wolfgang Heisig mit Hilfe eines Phonola bedient wird, einer Lochkartenbasierten Musikmaschine aus den Zwanzigern. Daneben Emile Parisien am Sopransaxofon, Max Stadtfeld an den Drums, der Experimentalmusiker John Burton alias Leafcutter John in einem Arrangement aus Bauhaus-Materialien wie Glas, Metall, Holz, Stein oder Webstoff, die er mit dem Mikrofon betastet, reibt oder auch zerstört. Und mittendrin Wollny am anderen Flügel, der die vier Sätze seiner Komposition in den Pausen selbst moderiert. „Werkstofflehre“, „Lyrisches Kabinett“, „Spiel – Zeug – Arbeit“ und „Bauhaustanz“.

So konkret wie die Titel und die Instrumentierung ist der klangliche Angang, nicht nur an die legendär schwungvolle Bauhauskapelle zu erinnern, sondern auch an Bach, für den sich die Bauhäusler besonders interessierten. Vor allem aber der formale Wechsel zwischen handwerklicher Solidität und völliger Freiheit prägt das Werk, das sich inhaltlich von klangkünstlerischer Esoterik über einerseits ruhige, andererseits fast tanzbare Passagen sowie Zwölfton-Variationen bis zum quiekenden FreeJazz bewegt, wobei Wollny und Parisien den Klang geradezu körperlich in ihre Instrumente zu pumpen scheinen und dadurch ganz eigene, durchaus bauhausgemäße Skulpturen aus Mensch, Klang und Bewegung schaffen.

Das Publikum ist begeistert und erhebt sich sofort von den Sitzen. Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender, deren Eintritt in den Aufführungssaal zu Beginn des Abends von einer zeitgenössischen Hofmarschallin über Lautsprecher angekündigt worden sind, auf dass sich alle erhöben, was in geradezu sakraler Stille auch geschah, stehen in der Menge und klatschen mit. Vor der Kunst, die sie erreicht, sind alle Menschen gleich. Oder auch: Bauhausfans, nun freuet euch!

www.bauhausfestival.de

www.bauhaus100.de

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