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Möbel, die unter dem Einfluss der "De Stijl"-Bewegung ab 1922 am Bauhaus in Weimar entstanden, in der Ausstellung "Das Bauhaus kommt aus Weimar".
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Möbel, die unter dem Einfluss der "De Stijl"-Bewegung ab 1922 am Bauhaus in Weimar entstanden, in der Ausstellung "Das Bauhaus kommt aus Weimar".

Möbeldesign

Vom Bauhaus zum Baumarkt

Die Bauhaus-Impulse wirken bis heute nach. Die Klassiker des modernen Möbeldesigns kamen aber erst spät auf dem Massenmarkt an - in leicht verbeulter Form. Von Oliver Herwig

Von OLIVER HERWIG

Wie konnte so etwas Banales nur zur gefeierten Ikone werden? Stahlrohre, gebogen und verschraubt, dazwischen Leder, auf dem man unruhig hin und her rutscht. Bequem ist etwas anderes, und doch: Bauhaus-Freischwinger sind dreidimensionale Heiligenbilder der Moderne, geweihte Möbel aus der Hand der Meister Mies van der Rohe, Mart Stam oder Marcel Breuer. MR 10 oder B3 stehen für einen fundamentalen Neubeginn in den 1920er Jahren. Stühle wurden im Bauhaus zu schwebenden Raum-Skulpturen, die sich federnd vom Boden erhoben und in ihrer glatten, hochglänzenden Ästhetik das Hohelied auf die Maschinen-Moderne sangen.

Das Alphabet der Avantgarde müsste ohne die Schöpfungen aus Weimar, Dessau und Berlin neu geschrieben werden. So aber haben Walter Gropius’ Türdrücker, Tischlampen von Wilhelm Wagenfeld und Carl Jacob Jucker sowie Deckenleuchten von Marianne Brandt und Hans Przyrembel die Produktgeschichte der Moderne umgekrempelt, als kühle, scheinbar auf das Wesentlichste reduzierte Konstruktionen. Sie waren der Anfang, das Neue, der Bruch, der zugleich produktiv wurde und Nachkommen zeugte aus dem Geist der Technik. Solche Klassiker lösen bei manchem Design-Afficionado einen Pawlowschen Reflex aus: sabbern und kaufen.

Ikonen brauchen Verehrer, Menschen, die von zeitlosem Design schwärmen. Dabei machte nicht das vermeintlich Überzeitliche die Entwürfe so erfolgreich und langlebig. Im Gegenteil: Sie verkörperten den Maschinengeist ihrer Zeit. Und schon folgt das nächste Paradoxon.

So zeitgeistig Bauhaus-Interieurs auch waren, auf die Gebrauchskultur der 1920er Jahre hatten sie "kaum Einfluss", stellen Design-Historiker nüchtern fest. Als Wagenfeld auf der Leipziger Herbstmesse Leuchten anbot, wurde er verlacht. Händler sahen ein Stück teures Kunsthandwerk, das "billig aussähe wie Maschinenarbeit", erinnert sich der Gestalter.

Aber sind wir heute weiter? Wo immer Bauhaus-Ikonen als Ausweis eines guten Geschmacks dienen, ist Vorsicht geboten. Selten wird der Mangel an Ideen und Eigenständigkeit so deutlich wie in Wohnungen und Büros, die mit Bauhaus-Mobiliar zugestellt wurden. Dass Freischwinger und vor allem Mies’ Barcelona-Chair regelmäßig in Lobbys vergammeln und dort den Charme einer mittelmäßigen Möbelausstellung verbreiten, zeigt, wie beliebig das Arsenal der modernen Formen geworden ist, wie sehr sie ihre Sprengkraft eingebüßt haben. Als in den späten 1980er Jahren billigste Nachbauten von Mies’ Armlehnenstuhl B34 von 1929 den Markt mit Freischwingern aus dem Baumarkt überschwemmten, war vollends klar: Der Swing der Moderne hatte sich zu einem lustlosen Schlager abgenutzt.

1927 bemerkte Marcel Breuer hoch zufrieden über seinen zwei Jahre zuvor entworfenen "Stahlclubsessel" B3, er sei am "wenigsten wohnlich, am meisten maschinenmäßig". Breuer hatte im Grunde einen Fahrradlenker malträtiert, ihn gebogen, verschraubt und das entstandene Skelett eines Stuhls mit Textilbahnen verspannt. An Details machen Kenner einzelne Entwicklungsstufen der Sitzmaschine aus. Schraublöcher wurden zunächst vernickelt, später verchromt, auch fehlte anfangs die durchgängige Rückenlehne. Das 1926 von Standard Lengyel & Co. in Berlin gefertigte Möbel wurde erst in verschiedenen Fassungen zum zeitlosen Klassiker, mal von Thonet, ab 1965 von Gavina in Bologna zusammengeschraubt und von Knoll International in einer wieder veränderten Variante produziert.

Der vermeintlich vom Himmel gefallene Mercedes unter den Freischwingern zählt inzwischen zu den vielen mehr oder weniger originalgetreu produzierten Bauhaus-Klassikern. Reeditonen und Nachbauten füllen die Kataloge zahlreicher Möbelhäuser. Nichts ist so fraglich wie das Bauhaus-Original.

Wer zerlegt schon seinen Breuer und klebt die Einzelteile an die Wand, um die konstruktive Leistung, den lustvollen Bruch mit dem Gewohnten zu feiern? Im Relief erst zeigt sich, wie nahe sich Design und Kunst in diesen Tagen standen, wie alles im Fluss war und auch nach dem Ende des Bauhauses blieb. Klandestine Verbesserungen am überzeitlichen Original aber passen nicht ins Bild, das wir uns vom Schlachtschiff der Moderne machen, das aus allen Rohren schoss, zugleich Neues und Bleibendes schuf.

Wer etwas von der Wirkung der Klassiker erfahren will, muss nicht ins Design-Museum gehen oder verächtlich auf knarrende Nachbauten hinabblicken. Das eigentliche Vermächtnis des Bauhaus-Designs liegt in einem gestalterischen Vokabular, das heute in China so gut verstanden wird wie in Olching oder Berlin. Noch heute fasziniert die Vorstellung, die Möglichkeiten der Maschinenhalle ins Heim zu lenken. Die am Seriellen geschulte Moderne wollte alles zugleich, die gültige Zweckform schaffen, die preiswertes Design zulässt, und zugleich Handwerk und Industrie versöhnen. Dass das nicht gelang, ist dem Bauhaus nicht anzulasten.

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