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"Wir bemühen uns um eine ortsverbundene Architektursprache, indem wir auf Ornamente zurückgreifen."

Frankfurter Architekten

Bauen in der Diktatur

Die Frankfurter Architekten Jo. Franzke und Magnus Kaminiarz über das Stadtquartier, das sie in der libyschen Hauptstadt Tripolis errichten.

Wir wollen über Bab Tarablus sprechen, ein Stadtquartier, das Sie in Tripolis bauen. Welche Aufgabe wurde Ihnen gestellt?

Magnus Kaminiarz: Bab Tarablus bedeutet "Tor nach Tripolis". Schon alleine der Name gibt einen Hinweis darauf, welche Bedeutung das Projekt für Libyen hat. Die Anforderungen, die an uns gestellt wurden, bestanden darin, zwischen den landwirtschaftlich genutzten Flächen und dem Stadtgürtel ein Quartier für eine Wohnbebauung zu entwickeln, wozu, neben den üblichen Einrichtungen, Kindergärten, Feuerwehr oder Polizei, auch Hotels zählen. Das neue Stadtviertel soll die derzeit im Land herrschende Aufbruchstimmung verkörpern. Insofern geht der Auftrag über das reine Erfüllen von Planzahlen weit hinaus.

Tripolis ist die Hauptstadt Libyens, das heißt: Sie bauen in einer Diktatur.

Jo. Franzke: Wir haben den Auftrag vor dem Hintergrund angenommen, dass Libyen zu einem halbwegs geachteten Mitglied der mediterranen Staaten wird und dass es sich bei der Bauaufgabe um ein reines Wohnprojekt handelt, also um eine zutiefst zivile Aufgabe.

Jenseits einer solchen Aufgabe verliefe die Grenze.

Franzke: Diese Grenze ziehen wir nicht erst in Libyen, die würden wir auch in Deutschland so ziehen.

Libyen galt vor ein paar Jahren noch als Schurkenstaat, heute heißt es: Libyen öffne sich. Halten Sie das für eine Beschönigung?

Franzke: Nein, soweit wir das beurteilen können, ist die zweite, wahrscheinlich bereits die dritte Generation dabei, sich mit der Entwicklung des Landes zu beschäftigen. Einer der Söhne Gaddafis, Saif al Islam al Gaddafi, hat in Wien Architektur studiert, und viele der Leute, mit denen wir zusammenkommen, haben in England studiert und haben, soweit wir das beurteilen können, durchaus Vorstellungen, wie man mit den Ressourcen des Landes anders umgehen kann als zu Gaddafis Zeiten noch üblich.

Zu Gaddafis Zeiten?

Franzke: Libyen ist das wohlhabendste Land Afrikas, es verfügt über das höchste Durchschnittseinkommen Nach der Vorstellung der Reformer in der zweiten oder dritten Reihe sollen die Ressourcen sicherlich nicht für Terrorakte, sondern für die Verbesserung der Infrastruktur des Landes genutzt werden.

Dennoch, Libyen ist kein Rechtstaat, garantiert weiterhin keine Rechtssicherheit, keine Freiheits- und Menschenrechte, nicht die Meinungsfreiheit. Das ist eine mit China vergleichbare Situation, und mit Blick auf China hört man immer wieder, die Annäherung, der Dialog vonseiten der westlichen Demokratien sorge für einen Wandel der Diktaturen? Glauben Sie daran?

Franzke: Glaube ich nicht, das ist eine Mentalitätsfrage. Ich bin der Meinung, dass in der islamischen Welt nur drei nach unseren Maßstäben als demokratisch zu bezeichnende Regimes bekannt sind. Der Rest wird von mehr oder minder stark autoritär geprägten Regierungen gelenkt.

Die Architektur, die ich von Ihnen kenne, ist geprägt von einem hohen Qualitätsanspruch. Welche Kompromisse müssen Sie in Tripolis eingehen?

Kaminiarz: Das ist ein Thema, das uns sehr beschäftigt. Selbstverständlich haben wir den Anspruch, in derselben Qualität wie hier zu bauen. Deshalb werden zur Zeit eine ganze Reihe von deutschen Polieren und Handwerkern eingestellt, um die dortigen Handwerker zu schulen. Wir haben in Tripolis einen festen Mitarbeiter vor Ort. Hinzu kommt, dass wir unsere Details so erarbeiten müssen, dass wir sie dort auch einsetzen bzw. umsetzen können.

Sie haben nur einen einzigen Mitarbeiter vor Ort?

Kaminiarz: Ja.

Aber es geht doch um ein Quartier für knapp 30 000 Einwohner auf einer Fläche, die, wie Ihre Pläne zeigen, so groß ist wie die City von Frankfurt innerhalb ihrer historischen Wallanlagen.

Kaminiarz: In unserem Frankfurter Büro sind 17 Architekten mit dem Projekt betraut. Vor Ort geht es jedoch um die künstlerische Oberleitung. Dafür reicht ein Mitarbeiter, zumal Bab Tarablus in Abschnitten entwickelt wird. Es war nie vorgesehen, das ganze Quartier auf einmal zu bauen. Wahrscheinlich werden wir aber unsere Präsenz vor Ort mit dem Fortschreiten der Bauarbeiten noch ausweiten.

Libyen gilt als ein Land ohne große, eigenständige Architekturtradition. Ergeben sich daraus nicht weitere Schwierigkeiten?

Franzke: Eigentlich nicht, denn wir versuchen an eine gemeinsame Vergangenheit anzuknüpfen, nämlich die römische. Tripolis wurde 700 vor Chr. von den Phöniziern gegründet. Die Römer machten aus der Region die Provinz Africa und blieben bis 400 n. Chr.. Ungefähr ebenso lang waren die Römer auch in Deutschland präsent und haben in Köln, Trier oder Mainz ihre Zeugnisse hinterlassen. Insofern haben wir eine gemeinsame Architekturvergangenheit. Auf die Römer folgten die spanischen, dann die islamischen Herrscher. Wenn auch nicht in friedlicher Absicht kamen im 19. Jahrhundert die Italiener und haben zumindest akzeptable Gebäude hinterlassen. Bei den Italienern kann man sehen, dass mit hohem gestalterischem Anspruch versucht wurde, die islamische Stadt fortzuschreiben.

Sie bauen direkt neben dem Regierungsviertel, Sie planen dabei auch mit 24-stöckigen Hochhäusern. Man muss den Eindruck gewinnen, dass Sie direkt neben dem Regierungsviertel eine weitere Stadtkrone errichten. Eine Konkurrenz?

Franzke: Dazu muss man sagen, dass wir den Planungsauftrag erhielten, als von dem Regierungsviertel noch keine Rede war. Der Wettbewerb für das Regierungsviertel wurde erst nach uns inszeniert. Das Ergebnis wollen wir gar nicht in Frage stellen, aber ob es auch so realisiert wird, steht natürlich in den Sternen.

Sie sprechen den internationalen Wettbewerb für die Gesamtplanung des Regierungssitzes an, der im letzten Jahr von dem Berliner Büro Léon, Wohlhage, Wernik gewonnen wurde. Ein Auftrag mit einem Investitionsvolumen von rund drei Milliarden Euro, wie Fachleute schätzen. Man hört, das Büro werde nicht mehr zum Zuge kommen. Können Sie sagen, warum?

Kaminiarz: Irgendwann begann eine Diskussion, ob man ein Regierungsviertel konzentriert oder aber die Ministerien auf die Stadt verteilen soll, dort wo auch die Bevölkerung lebt ...

Franzke: .... ein bisschen Volksdemokratie im wahrsten Sinne des Wortes.

Kaminiarz: Die Diskussion hat dazu geführt, dass das Projekt stark hinterfragt wurde. Die Hochhäuser, die wir planen, stehen an markanten Punkten entlang einer neuen Ringstraße, die Tripolis umschließt. Die Hochhäuser weisen auf die Kreuzungspunkte der Ringstraße mit einer weiteren Schnellstraße hin, die zum Flughafen führt.

Stichwort Volksdemokratie: Wie berücksichtigen Sie die Interessen der Bewohner des von Ihnen gebauten Quartiers?

Kaminiarz: Wir sprechen von einer Mittelschicht...

... von Wohnraum von 160 bis 240 Quadratmetern...

Kaminiarz: ...ja, entscheidend ist aber vor allem, dass es eine viele strengere Zonierung innerhalb der Wohnungen selbst gibt, in Räume, die privat, halböffentlich und öffentlich sind. Der Salon gehört beispielsweise zum Standardrepertoire jeder Wohnung. Dabei handelt es sich um einen Raum, der alleine männlichen Gästen vorbehalten ist und der zusätzlich zum Wohnzimmer existiert, in dem sich auch die weiblichen Mitglieder der Familie aufhalten. Dazu kommt, dass die Familien wesentlich kinderreicher sind als bei uns, und dass die Eltern mit den Kindern in der Regel unter einem Dach wohnen. All dies führt zu einem völlig anderen Raumbedarf und zu anderen Zuschnitten.

Wer hat Sie bei Ihren Grundrissen beraten?

Kaminiarz: Selbstverständlich wurden wir vor Ort von unserem Bauherrn, beraten, der Libyan Investment and Development Co. LIDCO. Wir haben aber auch intensiv über das Wohnen in islamischen Kulturen geforscht und sind dabei auf die Doktorarbeit eines in Stuttgart arbeitenden libyschen Architekten über moderne Wohnformen in der islamischen Kulturen gestoßen.

Mit den Fassaden, die ich von Ihren Simulationen kenne, zitieren Sie keine arabischen Vorbilder direkt, aber sie knüpfen an lokale Bautraditionen an.

Franzke: Wir wollten den komplexen architektonischen Wurzeln der Stadt Rechnung tragen und uns nicht auf Zitate aus der Geschichte Europas beschränken. Häufig sehen moderne Gebäude in Rotterdam genauso aus wie in Shanghai. Doch diese Austauschbarkeit wollen wir, soweit wir es vermögen, vermeiden. Wir bauen sicherlich modern, denn wir verleugnen nicht unsere eigene Tradition, aber gleichzeitig bemühen wir uns um eine ortsverbundene Architektursprache, indem wir etwa auf Ornamente zurückgreifen.

Dennoch, einige Ihrer Häuser könnten auch in Stuttgart oder Köln, Frankfurt oder Berlin stehen.

Franzke: Nein, auf die Art, wie wir mit Fassaden arbeiten, die Lichtdurchlässigkeit und Schattenbildungen bewirken, mit Sonnenschutz, den wir aus Steinornamenten entwickeln, wollen wir den ortstypischen Voraussetzungen gerecht werden. Wir arbeiten mit Farben, die wir vor Ort finden. Sie stammen aus einem anderen Spektrum, schließlich befinden wir uns in einem Wüstenstaat. Abgesehen davon greifen wir auch römische Bautraditionen auf, indem wir an exponierten Stellen weißen Travertin anwenden. Neben diesen Anstrengungen einer ortstypischen Architektur versuchen wir Qualität zu liefern, denn die Mängel sind gravierend.

Worin bestehen diese Mängel?

Franzke: Handwerkliches Unvermögen, absolutes Unvermögen.

Dem Sie, Sie haben es bereits gesagt, durch den Einsatz von Fachkräften abhelfen wollen. Doch Sie arbeiten mit einer sehr kleinen Mannschaft vor Ort. Hat das auch Sicherheitsgründe?

Kaminiarz: Nein. Wir hatten bisher keinerlei Probleme.

Weil Sie Sicherheitsauflagen einhalten müssen.

Kaminiarz: Nein. Wir können uns frei bewegen.

Franzke: Der Bau einer Moschee in Algerien, wie es das Frankfurter Büro KSP Engel und Zimmermann in Algerien macht, ist sicherlich viel gefährlicher. Wir sind, ohne uns fürchten zu müssen, nachts durch die nicht beleuchtete Altstadt gelaufen.

Fürchten Sie Erpressungen, und ich meine nicht nur geschäftlicher Art, sondern solche, bei denen man Opfer einer Politik wird wie etwa die rumänischen Krankenschwestern.

Franzke: Ich glaube, dass die Zeiten vorbei sind, in denen man zu solchen Mitteln gegriffen hat. Ich glaube, dass heute Leute verantwortlich sind, die rational handeln und das andere für vollkommen falsch halten.

Kaminiarz: Unsere Gesprächspartner, angefangen von den Bauherrn, sind durchweg junge Leute, die in London oder Paris studiert haben. Wir haben immer das Gefühl gehabt, dass wir offenen Diskussionspartnern gegenüber sitzen.

Interview: Christian Thomas

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