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Till Schneider (l.) und Michael Schumacher mit ihrem nicht realisierten Entwurf für das Nizza am Frankfurter Mainufer.

Interview

Bauen wie Bertone, ob einen Lancia oder Lamborghini

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Das Frankfurter Architekturbüro Schneider und Schumacher wird 30 Jahre alt- ein Gespräch über den individuellen Geist des Gestaltens und die besonderen Bedingungen in China.

Till Schneider, Jg. 1959, studierte an der Universität Kaiserslautern, an der TH Darmstadt sowie der Frankfurter Städelschule. Michael Schumacher, Jg. 1957, studierte ebenfalls an der Universität Kaiserslautern und an der Städelschule.

Das Büro Schneider+Schumacher wurde 1988 gegründet. Bekannt wurde es durch sein Thompson-Bürohaus in Frankfurt, weltberühmt mit der knallroten Info-Box an der Baustelle vom Potsdamer Platz in Berlin. Weitere Bauwerke sind der Frankfurter WesthafenTower, die unterirdische Städel-Erweiterung, die Autobahnkirche Siegerland, das Ergo-Hochlager in Lüdenscheid oder der Allianz-Campus in Berlin.

Herr Schneider, Herr Schumacher, was war die stärkste Veränderung im Beruf des Architekten in den zurückliegenden 30 Jahren?
Michael Schumacher: Der Einstieg in den Beruf würde uns heute nicht mehr so leicht gemacht wie damals. In den neunziger Jahren haben wir an Wettbewerben teilgenommen, die absolut oberhalb unserer Klasse waren. Wir haben beim Verfahren zum Umbau des Reichstages mitgemacht, den dann Norman Foster gewann.

Till Schneider: Wir haben einen kleinen Empfangstresen für die Werbeagentur J. Walter Thompson entworfen. Daraus ist dann der Auftrag für ein ganzes Bürogebäude hier in Frankfurt geworden. Das war damals möglich.

Ist der Zugang zum Beruf heute schwieriger, liegt die Schwelle viel höher?
Schneider: Heute sind unglaublich viele Nachweise erforderlich, wenn man sich irgendwo bewirbt. Für junge Büros bleibt dann nur die Möglichkeit, sich mit anderen zusammenzutun.

Beklagen Sie diese Entwicklung?
Schumacher: Sie ist ein Stück weit nachvollziehbar aufgrund der technologischen Entwicklung, die es in den drei Jahrzehnten gegeben hat. Die Werkzeuge sind entschieden komplexer geworden, die Aufgaben ganz anders verteilt. Als wir das Haus für J. Walter Thompson entwarfen, gab es keinen Fassadenplaner. Das haben wir selbst gemacht. Heute wäre das undenkbar.

Schneider: Man will heute auch viel früher wissen, wie etwas ausschaut. Da müssen sich die Architekten sehr früh festlegen. Es gibt kaum noch Freiraum. Wir fertigen nach wie vor Handskizzen an, mit denen wir gerne arbeiten – für uns bieten sie viel mehr Inspirationsspielraum als eine Skizze, die am Computer entstanden ist.

Sie zeichnen also heute noch per Hand und entwerfen nicht direkt alles am Computer?
Schumacher: Ja natürlich. Die Handskizze gibt sofort einen Eindruck von den Proportionen.

Die jungen Kolleginnen und Kollegen arbeiten nur noch am Computer?
Schneider: Die Fähigkeit, eine Freihand-Zeichnung zu machen, nimmt ab. Stattdessen gibt es die dreidimensionalen Darstellungen im Computer. Das spielerische Entwerfen geht dabei flöten.

Das engt doch die Kreativität sehr ein, oder?
Schumacher: Ich würde es nicht nur negativ sehen. Durch die Computertechnik bekommt man manchmal auch etwas geschenkt, was man vorher nicht hatte. Aber das ewige Sitzen am Bildschirm ist negativ. Es ist gut, auch mal aufzustehen und ein Modell zu bauen.

Schneider: Der Computer will, dass man es gleich richtig macht. Das Gefühl für Proportionen, Größen und Maßstäbe geht verloren. Das Suchen und Entdecken, das es beim Skizzieren noch gibt, ist weg.

Schumacher: Der Computer erlaubt es, modulare sogenannte Zellen einzuführen, was zu unangenehmer Vereinheitlichung führen kann.

Wie wichtig ist noch Baugeschichte, wie wichtig sind historische Vorbilder?
Schneider: Wir sind beide keine ausgewiesenen Baugeschichtsexperten, aber wir haben ein natürliches Empfinden für qualitätsvolle Architektur, egal aus welcher Epoche.

Schumacher: Wir interessieren uns immer für die jeweiligen Fortschritte in der Baugeschichte und überprüfen in der Analogie die Übertragung auf die heutige Zeit.

Sie haben beide die Städelschule in Frankfurt besucht. Ihr Lehrer war Peter Cook.
Schneider: Wir fingen beide an der Hochschule in Kaiserslautern an. Dort erhielten wir eine sehr solide Ausbildung, die uns aber auch zum Teil genervt hat. Nach dem Vordiplom habe ich meine Koffer gepackt und ging zunächst nach Darmstadt an die Technische Universität und nach dem Diplom nach Frankfurt an die Städelschule.

Schumacher: Ich habe mein Studium in Kaiserslautern beendet und hörte dann einen Vortrag von Peter Cook in der neuen Stuttgarter Staatsgalerie. Er begeisterte mich und hat mich bewogen, das konzeptionelle Entwerfen in der Architektur näher in den Fokus zu nehmen.

War das denn architektonisch seriös?
Schneider: Teils, teils, auf alle Fälle war es lustvoll.

Schumacher: Peter Cook haben wir sehr viel zu verdanken. Er war ein Weltöffner für uns. Wir steckten in unserer soliden deutschen Ingenieur-Mentalität. Er war spöttisch, witzig und intelligent. Das war für uns eine neue Dimension.

Er hat Sie Unbefangenheit gelehrt.
Schumacher: Die Städel-Schule hat uns die Frage gestellt: Was hast Du zur Architektur beizutragen? Peter Cook zielte auf den individuellen Geist.

Wieviel Nachwuchs kommt noch aus der Städelschule heraus?
Schneider: Die Ausbildung hat sich von den Fragestellungen nach dem eigentlichen Problem, nach den architektonischen Räumen und den sozialen Implikationen entfernt.

Schumacher: Der Studiengang hat sich den neuen Werkzeugen und Bedingungen des Berufs angepasst. Aus der Meisterklasse ist ein Masterstudiengang geworden.

Heute ist die Architektenausbildung anders?
Schumacher: In jedem Fall vielfältiger.

Ein Verlust?
Schumacher: Es passt in die Zeit heute. Meistens steht nicht mehr die Selbstfindung als Architekt im Vordergrund, sondern ein bestimmter Teilaspekt des Bauens. Die Leute, die jetzt von der Städelschule zu uns kommen, beherrschen moderne Techniken und kennen die intellektuelle Diskussion, die sich um die Werkzeuge ergeben. An den gewöhnlichen Anforderungen, die Häuser zu erfüllen haben, sind sie nicht so interessiert.

Was war der Impuls, ein gemeinsames Büro zu gründen?
Schneider: Michael hat mich gefragt, auf der Autofahrt von Darmstadt nach Frankfurt.

Eine solche Fahrt über die A 5 dauert nicht so lange, da mussten Sie sich in vierzig Minuten entscheiden.
Schneider: Ja, zumal wir gerade einen Wettbewerb zusammen gemacht hatten, wo wir uns fürchterlich gestritten haben, ob eine gewisse Form konkav oder konvex sein sollte.

Es muss aber ein Grundvertrauen da gewesen sein.
Schumacher: Schon an der Städelschule hatten wir das Gefühl, dass wir uns aufeinander verlassen konnten. Unser erstes Projekt war das Artemis-Haus an der Hanauer Landstraße.

Schneider: Das war eine große Chance. Das ist das Tolle an Frankfurt: Man bekommt Gelegenheiten, wenn man sich nicht ganz dumm anstellt.

Ist der wirtschaftliche Druck heute höher auf die jungen Architekten?
Schneider: Eine Familie zu gründen, ist mit dem Gehalt eines frisch gebackenen Architekten nicht so leicht. Vielleicht studieren auch deshalb heutzutage mehr Frauen als Männer Architektur, bei uns war es damals noch andersrum.

Schumacher: Ich glaube, das hat sich nicht verändert. Es war immer schwierig, mit guter Architektur Geld zu verdienen.

Dass der Europäische Gerichtshof jetzt die Honorarordnung für deutsche Architekten und Ingenieure, die legendäre HOAI gekippt hat, wen trifft das?
Schneider: Wir vermuten, die mittelgroßen Büros. Die ganz großen und sehr kleinen Büros werden besser damit klarkommen.

Schumacher: Als wir angefangen haben, konnte man an einem Kiosk im Gutleut-Viertel einen Architektenvertrag kaufen, der hatte vier Seiten. Heute dauert die Verhandlung oft länger als der Entwurf. Das ist schon übel geworden. Es wäre dringend nötig, die Dinge wieder zu vereinfachen.

Wie wichtig war Frankfurt für Sie in all der Zeit?
Schumacher: Frankfurt ist für uns ein guter Ort. Die Stadt ist unglaublich praktisch. In der Stadt selbst sind es kurze Wege, alles ist mit dem Fahrrad erreichbar. Und durch den Flughafen kommt man schnell überall hin in die weite Welt.

Eines Tages haben Sie sich für China entschieden. Kürzlich hatten wir ein Interview im Blatt mit einem Sinologen, der sagte, in China werde nach ökologischen Maßstäben gebaut, die in Deutschland nicht selbstverständlich sind. Stimmt das?
Schumacher: Das könnte stimmen. Die Luft ist zwar nicht gut, aber sie hat sich deutlich verbessert. China scheint die Richtung verstanden zu haben.

Welche wirtschaftliche Bedeutung hat China für Ihr Büro, zumal Sie eines der großen deutschen Büros sind?
Schumacher: Wirtschaftlich gesehen, macht es vielleicht zehn Prozent aus. China macht in architektonischer Hinsicht Spaß. Die Wettbewerbe sind groß und konzeptionell. Wir haben ein Gericht entworfen, das bald fertig ist. Das erste Hochhaus, das ein reines Rechenzentrum ist, ist in Bau und wir bauen das erste eigene Hochhaus einer reinen Online-Bank.

Aber die Volksrepublik China ist eine Diktatur.
Schumacher: Stimmt. Es gibt Kameras ohne Ende. Das alltägliche Leben dort fühlt sich (wie ich es erlebe) sehr unbefangen an.

Müssen Sie nicht Kompromisse machen in der Architektur?
Schumacher: Kompromisse gehören zum Wesen der Architektur dazu. Der Kompromiss von Norman Foster für den Deutschen Reichstag, wenn man sich erinnern mag, war im Vergleich zum Wettbewerbs-Entwurf deutlich weitreichender. Bei dem Gerichtsgebäude, das wir entworfen haben in Shenzhen, hatten wir die Nationalflagge seitlich gestellt. Das ging nicht, sie musste mittig vor dem Gebäude aufgestellt werden.

Ein Gerichtsgebäude in einer Diktatur – gibt es einen Zellentrakt?
Schumacher: Nein, natürlich nicht, gibt es ja auch hier nicht.

Wie geht es bei den Wettbewerben in China zu? Der deutsche Architekt Christoph Ingenhoven sagte vor Jahren, er mache da nicht mehr mit, weil das alles total intransparent ist.
Schneider: In China hast du mehr gestalterischen Freiraum.

Einen höheren gestalterischen Freiraum als in Deutschland?
Schumacher: Ja, viel höher. Das ist das Reizvolle. Bei uns ist ein Bürgerzentrum von 2000 Quadratmetern eine hoch komplexe Ausschreibung und man muss neben vielem anderen auch noch die Krötenwanderung berücksichtigen. Wir verzetteln uns in den Details zur falschen Zeit. Die Raumprogramme, die Ausschreibung, die Projekte in China sind größer. Die Ausschreibung hingegen ist wesentlich kürzer und die gestalterische Freiheit dabei wiederum ist viel höher.

Was bleibt für Sie an architektonischer Herausforderung? Was reizt Sie jetzt noch?
Schumacher: Ich würde mich über alle weiteren Projekte mit gestalterischer Qualität freuen, egal welcher Größe und Aufgabe. Das italienische Designbüro Bertone hat unter anderem den Lamborghini Marzal und den Lancia Stratos entworfen.

Schneider: Wir haben bislang noch kein Sportstadion entworfen. Es wäre schon schön, wenn wir solch eine Aufgabe bekämen.

So ein Auftrag wie die unterirdischen Gartenhallen des Städel Museums kommt sicherlich nur einmal im Leben. Was könnten für Sie die zweiten Gartenhallen sein?
Schumacher: In Shenzen arbeiten wir an dem Entwurf für ein Haus für die Arbeiter. Es beinhaltet ein Theater, Kinosäle, ein Museum, 30 Badminton-Plätze und 50 Tischtennis-Plätze. So eine Aufgabe macht Spaß.

Wie verteidigen Sie architektonische Qualität? Können Sie es sich leisten, Nein zu sagen?
Schumacher: Unser Grundsatz ist: Was man anfängt, muss man auch zu Ende bringen. Als Architekt kommst du schnell in Teufels Küche, wenn du Nein sagst. Das ist keine gute Haltung. Aber das bedeutet nicht, dass wir uneingeschränkt tun, was uns gesagt wird.

Schneider: Wenn ein Bauherr sagt, das kann ich mir nicht leisten, dann können wir das akzeptieren und erarbeiten Alternativen. Es braucht gegenseitigen Respekt und Wertschätzung und am Ende muss es für Bauherrn und Architekten zu einem für beide befriedigenden Ergebnis geführt haben

Hat der Respekt nachgelassen?
Schneider: Es gibt die persönliche Beziehung zwischen Bauherrn und Architekten immer weniger. Die klassischen Bauherrn sind heutzutage institutionelle Anleger und Projektentwickler.

Schumacher: Bei denen, die schätzen können, was wir für sie leisten, nicht. Aber es gibt leider immer mehr, die nicht begreifen, worin der eigentliche Wert bei dem liegt, was wir für sie tun.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert und Christian Thomas

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