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Tschechisches Design der dreißiger Jahre setzte nicht nur gestalterisch, sondern auch in technischer Hinsicht Maßstäbe.
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Tschechisches Design der dreißiger Jahre setzte nicht nur gestalterisch, sondern auch in technischer Hinsicht Maßstäbe.

Batas ideale Industriestadt

Heimat der Pantoffelschuster: Eine Ausstellung in Berlin entdeckt die funktionalistische Moderne der mährischen Stadt Zlín wieder

Von THOMAS MEDICUS

Fast fünfzig Jahre Realsozialismus haben in den betroffenen Ländern viele einst bemerkenswerte Orte unter der Asche des Vergessens verschüttet. Solch ein erst kürzlich wieder in Erscheinung getretenes Pompeji ist das tschechische Zlín. Die östlich von Brno liegende mährische Industriestadt ist ein außerordentliches Monument der funktionalistischen Moderne, ein Ort des Neuen, der in der Zwischenkriegszeit in ganz Europa bekannt war.

Zlín galt damals als prototypische Modellstadt, deren Ruhm sich mit einem einzigen, noch heute weltbekannten Namen verband, dem des Schuhherstellers Bata. Tomas Bata, zunächst nichts weiter als ein, wie Egon Erwin Kisch ihn nannte, "mährischer Pantoffelschuster", hatte 1894 zusammen mit seinen Geschwistern Antonin und Anna die "Schuhfabrik Bata" gegründet. Damit begann der Aufstieg Zlíns zur Industriestadt. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erhielt das Unternehmen den Auftrag, die k.u.k.-Armee mit kriegstauglichem Schuhwerk auszustatten. Aus den anfänglich zehn Angestellten waren zu diesem Zeitpunkt bereits 4 000 Arbeiter geworden .

Größten Mut bewies Tomas Bata in den Krisen der zwanziger Jahre. Er errichtete Filialen in vielen europäischen Ländern, senkte die Preise, erhöhte die Produktivität. Im Zuge dieser Expansion entstand die funktionalistische Industriestadt, als die Zlín bald über urbanistische Fachkreise hinaus bekannt wurde. Dem Firmengründer kam es darauf an, "Harmonie zwischen Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter und Einwohner" zu schaffen. Auf qualitätsvolle Wohn- wie Industriebauten legte er, aus Gründen der Produktivitätssteigerung wie eines gegenrevolutionären Patriarchalismus, größten Wert. "Kollektiv arbeiten, individuell wohnen", lautete Batas Devise.

Ivan Nemec, Architekturfotograf, sowie Jan Ludwig, Designer, heißen die Industriearchäologen, die sich gemeinsam für die Wiederentdeckung Zlíns engagieren. Im Rahmen des Prag-Berlin-Festivals präsentieren sie am Leipziger Platz in Berlin in einem noch nicht in Betrieb genommenen U-Bahnhof eine Ausstellung über die im Schutt der Nachkriegsgeschichte versunkene Stadt. ZLINBATA zeigt die Ära des Schuhherstellers Bata in den 1920er und 1930er Jahren, die Zeit des kommunistischen Regimes, die Gegenwart sowie die Chancen zukünftiger Entwicklungen. Auf den Zukunftsblick kommt es Nemec und Ludwig besonders an. Im Anschluss an die Berliner Präsentation wird die Ausstellung nach Brüssel wandern, um auch dort das mit der EU-Osterweiterung nach Europa zurückgekehrte Zlín wieder bekannt zu machen

ZLINBATA ist jedoch nur ein Teil einer Werbekampagne, drei Buchbände sowie eine Website (www.zlinbata.com), beide wegen ihrer Typographie wie ihres Layouts bemerkenswert, ergänzen das Projekt. Zlín soll, auch nach dem Willen der verantwortlichen tschechischen Politiker, revitalisiert werden. Eine Schuhproduktion wird es aller Voraussicht nach zwar nie wieder geben, mit der asiatischen Konkurrenz können selbst die niedrigen tschechischen Löhne nicht mithalten. Ein Neuanfang ist in Zlín jedoch bereits gemacht worden.

Das 1938 erbaute, so genannte 21. Gebäude, mit 77, 5 Metern und sechzehn Stockwerken seinerzeit eines der höchsten Gebäude Europas, wurde saniert und behutsam rekonstruiert. Früher Firmenzentrale, beherbergt der "Wolkenkratzer" jetzt das Finanz- und Bezirksamt sowie weitere städtische Behörden Zlíns. Gerettet wurde damit eine dank seiner gestalterischen Standards ebenso einzigartige wie vorbildliche Architektur. Mit Fußbodensteckdosen, Telefonanschlüssen, Rohrpost und Klimaanlage setzte das 21. Gebäude überdies zukunftsweisende technische Maßstäbe.

Das Arbeitszimmer des Chefs, neun Quadratmeter groß, ausgestattet mit Telefon, Waschbecken und großen, den Blick auf Zlín freigebenden Fenstern, befand sich in einem Aufzug. Was heute kurios wirkt, ist typischer Ausdruck sich an der amerikanischen Moderne orientierender Industriekapitäne. Tomas Bata, häufiger Gast in den Vereinigten Staaten, war ein Selfmade man, Zlín, eine Stadt aus einem Guss, vor allem sein Werk. Batas Schuhproduktion übernahm den Taylorismus Henry Fords, die standardisierten Siedlungen, die für die Arbeiter errichtet wurden, die Schulen, das Hotel, das Kaufhaus, das Kino, die Sporthalle, das Schwimmbad, das gesamte Ensemble orientierte sich an der englischen Gartenstadtbewegung wie an Tony Garniers "cité industrielle". 1949 wurde die Bata-Schuhfabrik enteignet, Zlín zu Ehren Klement Gottwalds, des ersten kommunistischen Präsidenten der CSSR, in Gottwaldov umbenannt. Der Beitritt Tschechiens zur EU bietet jetzt die Chance, das in Jahrzehnten verrottete Industriedenkmal in Gänze zu sanieren und einer neuen Nutzung zuzuführen.

Man lernt viel in ZLINBATA über die Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit, die Erstklassigkeit des tschechischen Designs dieser Epoche, den sozial engagierten Unternehmer Bata, Architekten wie Vladímír Karfík, der bei Frank Lloyd Wright gearbeitet hatte. Vor allem aber trifft man auf einen Pioniergeist, der stets durch und durch westlich, europäisch war.

Berlin, U-Bahnhof am Potsdamer Platz,bis 9. Januar

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