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Man kauft oder baut ein Häuschen, streut ein paar Haferflocken hinein, und kurze Zeit später kann man alle Vogelarten der Region dabei beobachten.
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Man kauft oder baut ein Häuschen, streut ein paar Haferflocken hinein, und kurze Zeit später kann man alle Vogelarten der Region dabei beobachten.

Update

Bartgenossen

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Von der Fütterung beliebter Vogelarten lässt sich manches über Förderprinzipien lernen – nicht nur für die Tierwelt.

Solange ich Vogelfütterung nur aus den Haushalten anderer Menschen kannte, stellte ich sie mir ungefähr so vor: Man kauft oder baut ein Häuschen, streut ein paar Haferflocken hinein, und kurze Zeit später kann man alle Vogelarten der Region dabei beobachten, wie sie sich dankbar um die Futterstelle scharen. Die Realität ist, wie ich inzwischen weiß, komplizierter. Erstens sind Vögel auch nur Menschen und haben ihre Gewohnheiten. Nur weil irgendwo ein neues Lokal aufmacht, gehen sie da noch lange nicht hin. Zweitens ist es eine schöne Illusion, dass man durch das Futterangebot seltene buntgefiederte Arten anlocken wird, die sich bei Instagram gut machen. Wahrscheinlich gibt es erst mal nur Spatzen zu sehen.

Keine Sorge, es wird in dieser Kolumne nicht um Landleben gehen, sondern wie bisher auch um Internet und Gegenwart, vielleicht sogar Zukunft. Es dauert nur noch ein bisschen. Das Netz kommt ins Spiel, weil sich dort die Menschen in Vogelfütterungsdiskussionen zusammenfinden und einander fragen: „Wie kann ich Spatzen von meiner Futterstelle fernhalten?“, „Was tun gegen Krähen“ oder „Hilfe, Horden wilder Stare fressen alles auf.“ Solche Probleme haben schon vor hundert Jahren zur Erfindung von „Dr. Bruhns Meisendose ‚Antispatz‘“ und später von Futterhäuschen mit Namen wie „Kontraspatz“ und „Spatznit“ geführt. Die Spatzen galten damals als schädlich für die Landwirtschaft und als Konkurrenz für „nützlichere“ Vögel.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Heute sind Nützlichkeitsargumente in den Hintergrund getreten. Es geht bei den Klagen und Fragen jetzt eher um Ungerechtigkeit: Große, durchsetzungsfähige Vögel (Krähen und Elstern) fressen den kleineren alles weg. Schwarmvögel (Stare) und Allerweltsvögel (Spatzen) verdrängen die seltenen Arten. Ob ein Vogel als bedroht oder als Bedrohung wahrgenommen wird, hat dabei mit den tatsächlichen Verhältnissen nicht immer viel zu tun. Die als gefräßige Rüpel verschrienen Stare sind in der Roten Liste in Kategorie 3, „Gefährdet“ aufgeführt. Haussperlinge gehören zur Kategorie V wie Vorwarnliste. Die überall gerngesehene Meise hingegen ist so unbedroht, dass sie auf der Roten Liste gar nicht vorkommt.

Erfahrene raten in solchen Diskussionen immer dasselbe: Durch die Bauart und die Befüllung einer Futterstelle lassen sich manche Vogelarten bevorzugen und andere fernhalten. Amseln essen nur weiches Futter, am liebsten vom Boden. Krähen und Elstern können sich nicht an Futtersäulen mit kurzen Sitzstangen bedienen. Aber wenn man nur eine einzige Futterstelle hat, durch deren Bauart oder Befüllung man absichtlich bestimmte Vögel ausschließt, wird man damit immer auch unabsichtlich andere ausschließen, denen man eigentlich helfen wollte. Deshalb richtet man am besten mehrere Futterstellen unterschiedlicher Bauart mit unterschiedlichem Inhalt ein, die man ganzjährig befüllt. Wenn man den Bedürftigeren zu Futter verhelfen will, muss man sich damit abfinden, dass auch Vögel von der Unterstützung profitieren, die es nicht ganz so nötig haben.

Wenn Städte oder Institutionen über die Förderung der Kreativwirtschaft nachdenken, scheinen sie manchmal mit ähnlichen Vorstellungen zu arbeiten wie ich in meiner „Haus, Haferflocken, fertig!“-Phase. Das Vogelhaus entspricht dann zum Beispiel einem einzigen Coworkingspace. Dieser Coworkingspace wird schnell von Einzelpersonen und Start-ups besiedelt, die sich eigentlich auch eine höhere Büromiete leisten könnten und im Handumdrehen alle Haferflocken aufessen. Wenn man dieses Problem erkennt und mehrere Orte zur Verfügung stellt, diese aber alle durch ihre Lage, ihr Design, ihre Selbstdarstellung und die Höhe der Miete einen identischen Menschenschlag anziehen, hat man immer noch nichts für diejenigen getan, die die Unterstützung am nötigsten hätten. Ich will nicht ausschließen, dass das Absicht sein könnte. Vielleicht macht es in Pressemitteilungen mehr her, wenn ein Coworkingspace mitten in einem gentrifizierten Stadtteil liegt und von Menschen mit sehr schönen Bärten genutzt wird. Vielleicht möchten Kommunen in Wirklichkeit gar nicht „die Kreativen“ unterstützen, sondern doch lieber nur Software-, Architektur- und Designfirmen, die Steuereinnahmen und überregionales Ansehen verheißen. Aber wenn man es ernst meint mit der Unterstützung von bedrohten Berufs- und Vogelarten, braucht man mehrere dauerhafte, möglichst unterschiedliche Angebote – auch solche für Gestalten ohne schillerndes Gefieder, die an entlegenen Orten unspektakulär aussehende Dinge tun.

Erkenntnisse, die sich auf Coworkingspaces und andere öffentliche Orte beziehen, haben im Moment coronabedingt wenig konkreten Nutzen. Aber man kann die Zeit nutzen, um funktionierende Fördermaßnahmen schon mal am Vogelhaus zu üben.

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