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"Ab der Romantik wurde gewissermaßen   jede  Note bedeutsam", sagt  Magdalena  Koená    .
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"Ab der Romantik wurde gewissermaßen jede Note bedeutsam", sagt Magdalena Koená .

Interview mit Magdalena Konená

"Barockmusik ist näher an Volksmusik und Pop"

Die slovakische Mezzosopranistin Magdalena Kožená im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über Ernst und Leichtigkeit der Musik, und darüber, dass das Leben wichtiger ist als die Kunst.

Frau Ko?ená, wenn Sie die freie Wahl hätten, im 17. Jahrhundert zu leben oder heute, wofür würden Sie sich entscheiden?

Das ist eine verrückte Frage. Ich denke, ich würde mich dafür entscheiden, zwischen den beiden Weltkriegen zu leben.

Das ist eine verrückte Antwort. Warum gerade in dieser Zeit?

Weil es musikalisch gesehen eine besonders aufregende und produktive Zeit war.

Wie sieht es diesbezüglich mit dem Barockzeitalter aus?

Es war eine nette Epoche. Aber vergessen wir nicht, dass viele Menschen zu dieser Zeit unter miserablen Umständen leben mussten. Also: Ich würde mich für heute entscheiden.

Was auch nicht einfach ist.

Das ist richtig. Wir müssen uns entscheiden, was wir mit unserem Planeten tun wollen.

Das klingt skeptisch.

Ich bin nicht skeptisch. Ich will nur, dass die Menschen verstehen, dass sie die Verantwortung für die Zukunft haben. Viele denken darüber nicht nach.

Sie müssen es tun, Sie haben zwei Kinder. Also, was ist wichtiger: das Leben oder Kunst?

Natürlich das Leben.

Haben Ihre beiden Kinder Ihre Stimme verändert?

Ein bisschen. Manche Frauen haben nach der Geburt einen erheblichen hormonellen Wechsel zu überstehen, das ist bei mir nicht der Fall. Aber die Stimme ist schwerer, fundierter - was dazu führt, dass Koloraturen nicht mehr so selbstverständlich funktionieren wie zuvor. Ich denke, das ist wie im Leben: Wenn Sie etwas gewinnen, verlieren Sie anderswo etwas. Faszinierend ist für mich, dass man in verschiedenen Phasen seines Lebens auch verschiedene Arten von Partien singen kann, also verschiedene Stile.

Haben Sie eine Idee, in welche Richtung Ihre Stimme sich bewegen wird?

Ich denke, meine Stimme ist, was das Repertoire angeht, nicht unähnlich beispielsweise zu der von Anne Sofie von Otter: möglich, dass meine Stimme in diese Richtung geht. Mein Traum war natürlich ein anderer. Ich habe gehofft, dass ich nach der Geburt meiner Kinder ein dramatischer Sopran bin, damit ich Jenufa und Katja Kabanova singen kann (lacht). Aber es ist nicht so gekommen, wie ich es mir gewünscht habe.

Sind das die beiden Traumrollen, die Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nie werden singen können?

Ja. Und das finde ich unfair. Wenn Sie Pianist sind, können Sie spielen, was Sie wollen.

Da bin ich mir nicht ganz so sicher. Es gibt Leute, die können Bach spielen, aber keinen Mozart. Und Leute, die können Beethoven spielen, aber keinen Schubert. Und so weiter.

Sagen wir es so: Wenn Sie eine brillante Technik haben, sind Sie zumindest handwerklich in der Lage, alles zu spielen, Sie können frei entscheiden. Als Sänger sind Sie beschränkt. Egal, wie nahe Sie sich einer Rolle fühlen: Sie sind abhängig von dem, was Ihre Stimme kann und was sie nicht kann.

Die Musik Antonio Vivaldis, das wissen wir, zählt nicht zu den unbezwingbaren Gipfeln für Sie. Wann hatten Sie Ihre erste Begegnung mit diesem nach wie vor unterschätzten Komponisten?

Das ist lange her. Ich habe als Alt begonnen, als ich noch sehr jung war. Und so sang ich einige von seinen geistlichen Stücken, etliche Kantaten.

Aber nicht die Opern?

Bis auf eine. Ich wirkte an einer Aufnahme von "Juditha Triumphans" mit, das war meine erste ernsthafte Begegnung mit diesem Komponisten. Ich gebe zu, dass ich damals sehr skeptisch war, was die Qualität seiner Musik angeht. Ich dachte, sie sei vor allem für Touristen geeignet; alles sei so wie die "Vier Jahreszeiten". Als ich aber die Aufnahme von "Juditha Triumphans" machte, änderte ich meine Meinung. Gleichwohl war ich noch nicht restlos überzeugt. Denn als Andrea Marcon, mit dem ich eine Händel-Platte aufgenommen hatte, für das nächste Projekt Werke von Vivaldi vorschlug, reagierte ich nicht begeistert. Aber er beharrte auf seiner Idee und schlug mir vor, mich eingehender mit Vivaldi zu beschäftigen. Das tat ich dann.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gelangt?

Ich finde, Vivaldis Musik ist sehr fragil. Selbst wenn man Mozart nicht auf höchstem Niveau interpretiert, kann man den Genius dieser Musik spüren. Nicht so bei Vivaldi. Es ist schwieriger, die Qualität entdecken.

Ist das eine Frage der Technik? Der Form?

Nein. Seine Musik ist, harmonisch gesehen, sehr simpel. Seine Opernarien etwa sind kein großes Theater, man kann sich nicht wirklich ausagieren darin. Vivaldi komponiert für Stimme sehr instrumental. Was ich mag, sind die Arien mit einer konzertierenden Begleitung, das heißt, eine mehr instrumentale als theatrale Musik. Das kann sehr trickreich sein. Wie Andrea Marcon es ausdrückt: Diese Musik ist wie ein Murano-Glas.

Das heißt?

Es ist klar, plastisch, zugleich kann es sehr kitschig sein, manchmal auch langweilig. Deswegen bin ich froh, dass Marcon und sein Orchester meine Partner waren. Manchmal fühlte ich mich dann so wohlig, als würde ich mit einer Gondel durch Venedig schaukeln.

Ein anmutiges Bild.

Ich vergleiche diese Musik mit einem Bild, ich finde Vivaldi in gewisser Weise impressionistisch. Es dauert, bis Sie darin etwas entdecken, bis Sie die Lichtwechsel bemerken. Oft ist darin nur eine Emotion, die aber sehr stark. Sie müssen Sie aufrechterhalten, was nicht einfach ist.

Ein Spötter sagte einmal, Vivaldi habe mehr als 400 Mal das gleiche Stück geschrieben. Er kam von der Violine, und Sie sagen nun, seine Arien seien sehr instrumental gesetzt. Wie kann ein Komponist, der so denkt, fast 100 Opern komponieren?

Nun, dieser Komponist war auch Sänger. Warum sollte er nicht Opern komponieren?

Wir sprechen nicht über einige Opern, sondern über fast 100.

Das macht doch nichts. Zugegeben, manche von Vivaldis Koloraturen sind nicht singbar, das kann man nur auf dem Klavier oder auf der Violine machen. Aber vergessen wir nicht, was zu Vivaldis Zeiten Usus war: Man nahm ein Thema und verwendete es für mehrere Werke, zudem lieh man sich Einfälle bei anderen Komponisten. Die Zahl 100 ist also relativ zu sehen. Außerdem nahmen die Komponisten sich selbst nicht so ernst. Musik diente viel mehr der Unterhaltung als heute.

Das klingt ein bisschen, als würden sich Musiker und vor allem Komponisten heute selbst ein wenig zu ernst nehmen.

Natürlich. Schauen Sie sich um.

Aber was ist Ihr Vorschlag? Brauchen wir die Wiedereinführung des Humors im Musikbetrieb?

Was ich eigentlich sagen will, ist, dass so viel Musik einfach vorhanden war. Komponisten schrieben beinahe täglich etwas Neues. Es hatte nicht diese aufgeladene Bedeutung. Man improvisierte, alles war sehr frisch. Und natürlich wussten die Komponisten, dass Ihre Musik erklingt, während die feinen Leute dinieren. Musik war zu der Zeit kulinarische Begleiterscheinung. Das änderte sich erst, als die ersten Konzerthallen gebaut wurden, als Musik eine öffentliche Erscheinung wurde. Ab der Romantik wurde gewissermaßen jede Note bedeutsam. Das ist der feine Unterschied zum Barockzeitalter.

Es scheint fast, als würden Sie die damalige Ungezwungenheit vermissen.

Als Studentin habe ich viel Barockmusik gesungen, und wenn ich daran zurückdenke, merke ich, dass mir das manchmal fehlt: diese Spontaneität des eigenen Tuns. Und dass eben nicht alles eine große Bedeutung haben musste. Die Musik war leichter, und deswegen war es leichter, Musik zu machen. Wir hatten viel Spaß, heute spüre ich eher, wie viel Gewicht das hat, was wir tun.

Aber sollte nicht ein jeder Musiker die Musik lieben? Sonst könnte er ja auch Steuerberater werden.

Schön, wenn es so wäre. Aber es ist alles so ernst. Ein Musikstück wird als ein bewundertes Stück Kunst betrachtet, nicht als originäre Schöpfung. Die Freiheit im Umgang damit ist weg.

Von vielen Solisten hört man, dass sie lieber mit kleinen Ensembles arbeiten als mit einem großen Symphonieorchester. Aber Musiker sitzen da wie dort. Was ist der Unterschied? Ist es der Unterschied zwischen Festanstellung und freischaffender Tätigkeit? Führt letztere zu größerer Lust, mehr Fitness und höherer Flexibilität?

Ich denke schon. In einem großen Orchester haben Sie Vorstände und gewerkschaftlich reglementierten Arbeitszeiten, die Verantwortung verteilt sich auf mehr Leute. Das bedeutet, dass sich in einer kleinen Gruppe Individualität besser entfalten kann. Zudem ist die Zeitgestaltung variabler. Der andere Punkt ist: Ich glaube, Barockmusik ist frischer als romantische und moderne Musik.

Würden Sie sagen, Bach ist leicht?

Bach ist ein Sonderfall. Er ist unglaublich spirituell, das komplette Genie. Bachs Musik besitzt etwas, was nicht von dieser Welt ist. Aber die andere Musik des Barock ist wirklich relativ einfach.

Aufgrund der Emotionen?

Das hängt vom Hörer ab. Aber wesentlich ist: Barockmusik ist näher zum Pop, zur Volksmusik. Und so war sie meist geschrieben: Dass man sie auf der Straße singen konnte.

Einspruch. Es gibt, gerade in Vivaldis und Händels Opern, Arien, die sind für jeden Sänger eine extreme Herausforderung.

Das stimmt. Dennoch: Die Struktur ist klar, die Harmonik nachvollziehbar, Sie wissen zu jedem Zeitpunkt, wo Sie sind in diesen Stücken. Man kann sich erinnern, es gibt das Da Capo.

Es wimmelt in diesen Stücken von tragischen Momenten. Haben Sie Bilder im Kopf, wenn Sie diese Musik singen?

Ich singe nie nur die Musik, ich singe den Text, seine Semantik Aber manchmal sehe ich natürlich Bilder. Es hängt vom Stück ab. Ich suche in jedem Stück nach einem Phänomen, nach dem Sinn, und dann finde ich ein Bild dafür, oder eine verbale Entsprechung.

Interview: Jürgen Otten

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