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Vom Band in den Mund

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Von: Magnus Rust

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Acht Wochen am Main. Teil 4: Kaugummi, Kaiserwetter, Campus.

Meine Augen und Hände blättern durch die Bücherstaffeln. Am Bücherflohmarkt des Bockenheimer Campus zu stehen, fühlt sich auf mehreren Ebenen nostalgisch an. Diese Bücher, dieser Ort, dieser Markt, mit einem Fuß stehen sie alle bereits in der Mottenkiste. Geschützt durch den grauen, funktionalistischen Bau der „Neuen Mensa“, die längst historisch geworden ist, stehen unzählige Bananenkisten nach Themenbereichen sortiert. Bananenkisten und Europaletten, die ewigen Insignien linken und studentischen Lebens.

Kunst, Kochen, Romane, Medizin, Philosophie, die Pappschilder bieten vieles feil. Aber das Stöbern erscheint mehr denn je als Selbstzweck. Wer heute wirklich den 36. Teil der Blauen Bände braucht, der muss sich nicht mehr mühselig durch Antiquare fragen, der bekommt ihn online für ein paar Groschen inklusive Versand. Ich zumindest suche deshalb immer ohne Ziel. Faszinierend ist, dass wissenschaftliche Publikationen und Romane verschiedenste Halbwertszeiten haben. Manche Bücher wurden von Studierendengeneration zu Studierendengeneration vererbt oder verkauft, ehe sie auf einmal als reaktionär galten. Manche Theorie erübrigt sich nach zehn Jahren, manche wird nach einem Jahrhundert wiederentdeckt, eine Neuinterpretation macht die alten Zeichen wieder urbar.

Der Baustaub weht über den Campus. Vorbote einer neuen Ära, die das Senckenberg-Gebäude bereits renoviert hat und langsam Nachkriegsbauten frisst, den Baugrund aufwühlt. Stand doch Beton und Brutalismus in den 70er Jahren, damals, als man die Gesellschaft noch von der Sinnhaftigkeit von Utopien überzeugen konnte, für eben jene Utopie: Zukunft mit wunderbarem Beigeschmack.

Das Kaiserwetter hat den Asphalt zu schwarzem Kaugummi verflüssigt. Eigentlich sollten damit nur die Fugen zwischen den grauen Gehwegplatten gekittet werden, doch von Anfang lief offenbar etwas schief. Nun bestimmt der Kitt die Konstruktion. Der Asphalt liegt wie ein Farbfladen auf den Platten. Mit der Zeit wurden hier kuriose Metallstücke wie Fossilien konserviert. Also eingetreten. Kronkorken liegen neben etwas, das wie eine kleine Turbine ausschaut.

Ein Mann mit Bierdose und Sportpullover läuft zwischen den Bücherkartons und fragt mal mehr, mal minder geistesgegenwärtig nach einem gewissen Paul. Ihm wird forsch erwidert, dass Paul augenscheinlich nicht vor Ort sei. Der Pullover des Mannes wirkt aus der Zeit gefallen; er war vor zwölf Jahren trendy und wird es in acht Jahren wieder sein. Ich beachte den Mann nicht weiter, bis er aus dem Nichts eine Antwort auf eine Frage liefert, die niemand gestellt hat: „Mein Leben ist klein, deshalb ist das Bier offen.“ Man kann das Ganze als Suffgelaber abtun, man kann darin aber auch existenzialistische Poesie sehen, ohne das Trinken schönzureden. Das geöffnete Bier ist zum Naturzustand geworden, das vergisst, dass es jemand vorher willentlich geöffnet hat. Naturzustände sind alternativlos und Biere müssen getrunken werden.

Ich denke nochmals über die Frage nach: „Wo ist Paul?“. Vielleicht ist Paul in den Büchern. Mit gespreizten Fingern wandere ich von Kiste zu Kiste, von Fachbereich zu Fachbereich, bis ich auf ihn stoße: „Paul Eipper: Ateliergespräche mit Liebermann und Corinth“. Hier erinnert sich der Tierbuchautor Eipper an seine Redaktionstätigkeit beim Fritz-Gurlitt-Kunstverlag und bei S. Fischer in den 20er Jahren. Zusammen mit dem manchmal mürrischen, manchmal brausenden Maler Lovis Corinth besucht er 1920 die Dreharbeiten zu Ernst Lubitschs „Anna Boleyn“ in Berlin-Tempelhof. Corinth ist nicht überzeugt von der Kunsthaftigkeit des Stummfilms. Für gute Laune sorgt dann Hauptdarstellerin Henny Porten, wenn sie mit Corinth seinen ostpreußischen Heimatdialekt spricht, während er sie porträtiert. Corinth, dieser „vitale Fleischorganismus“, lamentiert gerne: „Wenn der Krieg nicht gekommen wäre, hätt ich es jetzt geschafft. Ich war auf dem besten Weg dazu. Aber nun lebt man von der Hand in den Mund, oder vielleicht ich als Maler von der Wand in den Mund.“

Ich nehme das Buch und suche den passenden Buchhändler. Ich finde ihn, ein Mann mit ausgebeulten, taupefarbenem Anorak, wie ihn Frankensteins Monster tragen würde. Ich bezahle einen Euro an den Händler namens Paul. Er lebt ein Leben vom Band in den Mund.

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