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Stammbäume und Bananen haben eine Gemeinsamkeit: sie lassen sich zurück verfolgen.

Times mager

Banane

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Und am Ende halten glückliche Menschen Bananen in die Kamera? So war es dann doch nicht, wenn man dem Code folgte.

Als alles noch analog war, konnten Sie bei Bedarf Ihren Stammbaum zurückverfolgen. Sie mussten dafür Archive aufsuchen, Akten durchwühlen, Bibliotheken benutzen und womöglich per Brief mit Verwandten kommunizieren. Heute, da alles digital ist, können Sie analog dazu, aber viel einfacher, so gut wie alles zurückverfolgen: Telefonnummern, Textversionen, Bananen.

„Hier Banane zurückverfolgen“, stand auf dem Zettelchen, das auf der Schale klebte. Und schon die vage Idee, eine derart individuelle Frucht in der Hand zu halten, dass ihr ganzer Lebensweg, ja vielleicht der Baum, dem sie entstammt, sich wie ein offenes Buch vor dem Kunden elektronisch auftun könnte, führte zum umgehenden Scannen des auf dem Zettelchen abgedruckten QR-Codes.

Die Hoffnung war, dass das biologische Bananen-Individuum nun auf dem Telefon in einem rückwärts gedrehten Film an seinen Ursprungsort zurückreisen würde, bis man einen glücklichen Bananenpflücker unter einem glücklichen Bananenbaum stehen sieht, das Früchtchen strahlend in die Kamera haltend.

Nichts davon. Nada, um es in der Landessprache der Dominikanischen Republik zu sagen, in die das Telefon den Kunden umgehend entführte. Aber es fanden sich sehr schöne Dinge: drei Fotos der Farm, von der die Banane stammte; vor allem aber der Hinweis auf einen Fonds, mit dem die Handelskette aus Deutschland ihr „Herz für den Regenwald“ beweist.

Zu diesem Fonds gab es einen Film, in dem glückliche Menschen unter angenehmen und ökologisch hervorragenden Bedingungen Bananen pflücken, während der Fonds für sauberes Trinkwasser sorgt und die örtlichen Fußballer unterstützt, indem er „Trainer trainiert“ und womöglich sogar für „Drainage“ sorgt, wie eine Mitarbeiterin der staatlichen deutschen Entwicklungsagentur lächelnd stabreimt.

Die dominikanische Bio-Banane erfüllt im übrigen die Bedingungen eines Siegels, das sich die Unternehmen der „Rainforest Alliance“ ausgedacht haben, das allerdings „wenig bringt“, wie die Hilfsorganisation Oxfam sagt, was allerdings im Film nicht erwähnt wird, sondern in der Frankfurter Rundschau stand.

Seien wir nicht ungerecht, wahrscheinlich passieren da auch richtig gute Sachen, aber ein interessanter Effekt stellt sich ein: Die „Testimonials“ im Bananenfilm ähneln, obwohl sie offenbar von realen Beteiligten stammen, so sehr der von Schauspielern vorgetragenen Kichimea-Reizdarm-Werbung, dass wir sie selbst dann nicht mehr glauben mögen, wenn sie wahr sind.

Bei „synonyme.de“ heißt es übrigens, das Gegenteil von „zurückverfolgen“ sei „vorhersagen“, und das kommt sicher auch noch: Hier nächste Banane

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