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Eine Besucherin betrachtet in der Ausstellung "Babylon. Mythos und Wahrheit" im Pergamonmuseum in Berlin ein Ziegelrelief mit der Darstellung eines Fabelwesens aus dem babylonischen Ischtar Tor (605-562 v. Chr.).

Antike

Babylon by Bus

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Das Berliner Pergamonmuseum widmet sich dem Mythos und der Wahrheit der antiken Metropole im Zweistromland.

Eines der bekanntesten Plattencover der Popgeschichte zeigt die Frontansicht eines stählernen Trucks, auf dessen Kühler eine Weltkugel prangt. Bob Marley & The Wailers waren 1978 in Europa auf Konzerttournee unterwegs, das anschließende Live-Album trug den Namen "Babylon by Bus". Die panzerhafte Erscheinung des Bandmobils ließ bereits ahnen, dass es dabei nicht nur um drogengestützte Entspannung zu sanften Reggae-Klängen ging. Die Marley-Karawane war in popreligiöser Mission unterwegs. In der unter den Nachfahren schwarzer Sklaven in Jamaika entstandenen Rastafari-Bewegung galt Babylon in Anspielung auf die Gefangenschaft des jüdischen Volkes als Inbegriff für das korrupte westliche Wirtschafts- und Herrschaftssystem. "Yeah we've been trodding on the winepress much too long", heißt es in dem programmatischen Marley-Song Babylon System. "Rebel, rebel".

Kulturgeschichtlich betrachtet besetzt der Babylon-Bezug der Rastafarians nur eine kleine Nische in der opulenten Mythenwerkstatt, die aus der ersten großen Hochkultur in Vorderasien hervorgegangen ist. Es gibt keinen wirkungsmächtigeren Mythos in der Menschheitsgeschichte, an dem sich schöpferische Kraft, aber auch Ängste vor einem selbstverschuldeten Untergang brechen. An keinem Beispiel lässt sich die Funktionsweise des Mythos als Knäuel aus Erzählungen besser begreifen.

Im Namen Babylons klingen Geschichten an von Größe und Größenwahn, Mut und Übermut, Gestaltungskraft und Hybris sowie Recht und Unrecht. Entfaltet wird ein Flickenteppich der Assoziationen und ein Netzwerk des Wissens. Es geht um Bilder, Zeichen und Wunder. In den Berichten über Babylon überlagern sich Glaube und Einbildungskraft, Welterklärungsenergien und Wissen mit der geschichtlichen Realität.

Von der bis zum 5. Oktober im Berliner Pergamonmuseum gezeigten Ausstellung geht darüber hinaus eine aktuelle politische Botschaft aus, die eine Verbindung hergestellt sehen möchte zwischen der frühen Hochkultur Mesopotamiens und einem von modernem Kriegsgerät und innerem Terror zerstörten Irak. Auf Leihgaben aus irakischen Museen musste aus Sicherheitsgründen allerdings verzichtet werden. Eine Videoinstallation mit Stimmen aus dem heutigen Irak verweist auf die desaströse Lage der Region, aus der bedeutende Teile unserer Zivilisation hervorgegangen sind.

Hier steht es geschrieben

Vorderasien ist ein früher Geschichtsraum, der von Anatolien im Norden und Nordwesten, der Levante im Westen an der Mittelmeerküste, dem Sinai südlich davon, der arabischen Halbinsel, der Tiefebene der Susiana und dem iranischen Hochland im Nordosten und Osten reicht. Im Zentrum Vorderasiens liegt Mesopotamien, das legendäre Land zwischen den Flüssen, dessen rund 3000-jährige Geschichte bis heute die Quelle von Erfahrungen und Wissen darstellt.

Erste Erwähnung findet Babylon am Ende des dritten Jahrtausends v. Chr. Unter König Hammurabi (1792 - 1750 v. Chr.) erlangte es eine Vormachtstellung im alten Orient. Auf einer Stele der Ausstellung finden sich die 282 Gesetzte des Hammurabi, die unter dem Namen Kodex Hammurapi als erstes umfassendes Rechtssystem gelten. Auge um Auge, hier steht's geschrieben.

Die Ausstellung ist eine Gemeinschaftsproduktion der Staatlichen Museen zu Berlin, des Musée du Louvre, Paris und des British Museum, London, die in solch einem Umfang zum ersten Mal kooperiert haben. Während die Pariser Ausstellung sich auf die Frühgeschichte Babylons konzentriert hat, wird London seinen Schwerpunkt auf die neubabylonische Zeit legen. Zum Gemeinschaftsprojekt der großen Häuser gehört es, nicht identische Ausstellungen zu zeigen, sondern Schwerpunkte, nicht zuletzt auf die eigenen Sammlungen gestützt, herauszuarbeiten.

Den Mythos aber, verkündete Peter Klaus Schuster, Generaldirektor der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, mit dem ihm eigenen Pathos in der Stimme, gibt es nur in Berlin. Er spielte damit auf die Zweiteilung der Ausstellung an, die sich im größeren ersten Teil der historischen und archäologischen Wahrheit annähert und sich im zweiten Trakt den künstlerischen Adaptionen von der babylonischen Sprachverwirrung bis zur Angstlust vor der Hure Babylon widmet.

"Wir wollen zeigen, was die Archäologie weiß", sagte Joachim Marzahn, Kustos am Vorderasiatischen Museum Berlin, in das der Wahrheitsteil gewissermaßen hineinmontiert worden ist. Das Wissen ist umfangreicher als die wuchernde Mythenproduktion vermuten lässt, doch mit Moritz Mullen, dem Direktor der Kunstbibliothek, bekräftige Marzahn, dass wissenschaftliche Erkenntnis und Mythos einander auch in diesem aufklärerischen Parcours befruchtet haben. In thematischer Ordnung werden Baukunst, Religion, Recht, Alltag, Wissenschaft und Arbeitswelt in zahlreichen Einzelexponaten anschaulich dargeboten.

Einmal mehr kann sich eine Institution des Preußischen Kulturbesitzes in einer opulenten Schau seines unschätzbaren Reichtums vergewissern, der in diesem Fall auf die Grabungen des Archäologen Robert Koldewey zurückgeht, der zwischen 1899 und 1917 in der Stadt ca. 80 Kilometer südlich von Bagdad gegraben und geforscht hatte.

Eine Schaubühne der Apokalypse

Zugang und Prunkstück der Ausstellung ist das Ischtar-Tor, das der irakische Diktator Saddam Hussein auf seine eigene Art nachbauen ließ, indem er jeden Ziegel mit seinem Namen stempeln ließ. Saddam sah sich in einer direkten genealogischen Linie zu König Nebukadnezar, in dessen Regierungszeit von 604 - 562 v. Chr. das neubabylonische Reich wieder erstarkte. Die Psychologie der Macht überbrückte lange zeitliche Abstände.

Der Verzicht auf einen chronologischen Aufbau der Ausstellung macht die Orientierung in der Geschichte des Landes zwischen Euphrat und Tigris nicht leicht. Alexander der Große taucht neben Nebukadnezar und Hammurabi auf, obwohl zwischen ihnen Jahrhunderte liegen. Gewonnen wird durch die thematische Strukturierung jedoch ein imposanter Eindruck von der kulturgeschichtlichen Kontinuität, die mit dem Namen Babylon verbunden ist. Der Turm von Babel, der entgegen den Hervorbringungen der künstlerischen Fantasie kein einstürzender Neubau, sondern quadratisch und stufenförmig angelegt war, wurde im Laufe mehrerer Jahrtausende auf ganz unterschiedliche Weise wieder errichtet. Im mythologischen Bewusstsein ist Babylon eine Schaubühne der Apokalypse, doch im Geschichtsverlauf war selbst der Untergang nicht von Dauer.

Im Berliner Schatzhaus des Weltwissens reihen sich Schrifttafel an Schrifttafel und Terrakottarelief an Terrakottarelief, eine Wunderwelt aus Lehm und anderen Materialien. Etwa die Hälfte der gezeigten Exponate stammen aus den Ausstellungen und Depots des Preußischen Kulturbesitzes, der mit diesem Großereignis seinen Anspruch und Rang demonstriert. Nicht weniger wuchtig kommt der zweite Ausstellungsteil daher, der Babylon als Mythos in Augenschein nimmt und dabei ein bildsprachliches Auftrumpfen deutlich über didaktisch angeleitete Enträtselung stellt.

Neben der babylonischen Sprachverwirrung, die laut Altem Testament als Strafe auf die Vermessenheit folgte, gewissermaßen über das Obergeschoss zu Gott zu gelangen, gibt es auch einen verwirrenden Bilderüberschuss, der von William Blakes Darstellung des verwilderten Nebukadnezar bis zu Cindy Shermans Darstellung der Enthauptung des Königs Holofernes durch die Judäerin Judith reicht.

Der Mythos-Flügel in der ersten Etage des nördlichen Pergamonmuseums ist kunsthistorisch ambitioniert, wirkt bisweilen aber auch etwas beliebig, wenn jede kulturkritische Geste eines Kunstwerks als Bezugnahme auf Babylon identifiziert wird. Babylon ist als Mutter aller Kulturkritik das schwere Zeichen eines kollektiven Angstbewusstseins, aber auch das leichte Zitat allen Unbehagens in der Kultur. Es scheint, als sei hier konzeptuell gegoogelt worden. Die neue CD der Ohrboten hat es am Ende dennoch nicht in das Pergamonmuseum geschafft, obwohl sie den beziehungsreichen Titel "Babylon by Boot" trägt.

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